Seit heute soll die große Wärme zurückgekehrt sein. Nur zu, wenn es nicht gerade so heiß wird wie letztes Jahr. Wer aus „The Day after tomorrow“ rauskommt, wird die große Wärme überdies auf sehr dankbare Weise empfinden.
Am Sonnabend war es aber noch einigermaßen frisch draußen. Letzte Chance für mich, mein Wintervorhaben – ins „Liquidrom“ zu gehen – in die Tat umzusetzen. Das Liquidrom gehört zum neuen Tempodrom, wo zur Zeit der Pferdeflüsterer für Stille im Publikum sorgt, und befindet sich in der Möckernstraße 10, nicht weit vom Potsdamer Platz und Anhalter Bahnhof entfernt. Schon von weitem weist das stilisierte Zirkusdach aus offenem weißen Beton den Weg.
Wer von Spaßbädern mit Massenbetrieb genug hat und das exklusive Wellness-Erlebnis sucht, ist im Liquidrom genau richtig. Schreiende Kinder und fastfood-verseuchte Erwachsene werden schon von den 15,-€ für 2 Stunden Eintritt abgeschreckt. Vielleicht auch von der Stille, die im Badebereich Gesetz ist, oder von der puritanischen Innendekoration (viel nackter Beton). Und wer wie ich das erste Mal hierher kommt, interessiert sich nicht für Sauna, Massage und Außenpool, er geht am langen Tresen vorbei, direkt ins Herz der Anlage, besser: direkt in den Mutterleib. Denn der runde Pool befindet sich in einem dunklen Raum unter einer riesigen, auf vier Pfeilern ruhenden Betonkuppel. Am Zenit ein Bullauge zum Himmel über Berlin. Ringsum wabern sparsame Lichteffekte zu entspannter elektronischer Musik. Es riecht ein wenig nach Chlor. Das Wasser hat Badewannen-Temperatur, ist aber gesalzen wie das Meer. Verwöhnte Nixen würden sich hier sofort wohl fühlen. Das tun aber auch alle anderen. Zumeist Paare schieben sich abwechselnd wie im Kreise einer Schwimmbad-Therapiegruppe durchs Wasser. Das Gesicht dabei nach oben, die Ohren unter Wasser. Das ist wichtig, denn unter Wasser ist die Akustik wegen der Pool-Lautsprecher am besten. Man lauscht wie ein Wal und bewegt sich auch so behäbig. In Zeitlupe oder wie ein Astronaut im All. Man kann mit den Füßen auch am Beckenrand „andocken“, indem man sie einfach unter das Geländer klemmt. Dann ist das Astronautengefühl perfekt. Man schwebt in seiner Welt, im eigenen Kosmos und fühlt den Schoß Gottes, das Leben davor oder den Mutterleib danach. Wiedergeburt, denke ich, wenigstens für 1-2 Stunden. Türkisches Bad, denke ich weiter, unter Wasser gesetzte Krypta eines New-Age-Tempels. Auf jeden Fall ein Chill-out-Raum (Sonnabends legt ein DJ auf, freitags gibt’s „Klassik unter Wasser“). Je mehr ich denke, um so weiter treibe ich der Vernunft entgegen in dem Raum, wo laut Eigenwerbung des Liquidroms die „Kultur ins Wasser fällt“. Doch hier fällt nichts, hier schwebt alles, hier taucht man höchstens vor dem Alltag ab. Oder man flirtet. Und Flirten ist ja schließlich auch Abtauchen. Manchmal ist es im Liquidrom so sinnlich, wie ich mir einen anspruchsvollen Swingerclub vorstelle. Aber das ist es in einer Sauna auch, da sich Sinnlichkeit und Erotik zum Verwechseln ähnlich sehen, ähnlich anfühlen.
Nach anderthalb Stunden habe ich dennoch genug. Meine Haut ist schrumpelig und der Abend dementsprechend nicht mehr ganz so jung (Das Liquidrom hat bis nachts geöffnet). Ein Bier!, denke ich am Ende meiner Wiedergeburt, denn Salzwasser macht durstig.
Montag, 7. Juni 2004
Samstag, 29. Mai 2004
072 | Caveman, Arena & Osthafen
Berlin hat kein Geld. Weil die Konjunktur noch künstlich beatmet wird und die Stadt mit Geld nicht recht umzugehen weiß. Wie eine meiner Bekannten, die ständig über finanzielle Probleme jammert, doch jeden Tag essen geht. Berlin bläht sich mal auf und entwickelt in Sektlaune Visionen, dann schrumpft es wieder in Katerstimmung zusammen. Bauprojekte werden oft nicht zu Ende gedacht, aber zur Hälfte fertiggestellt (U 55); Halbfertiges wird abgerissen (Topographie des Terrors), Halbabgerissenes bleibt über Jahre (Palast der Republik).
Nur: Berlin wäre kaum Berlin, wenn bei dem städtebaulichen Debakel nicht doch noch etwas ginge – abseits kommunaler Beton-Politik, dank privater Investoren, kreativer Projekte und fernab experimenteller Selbstbefriedigung mit falscher Subventionierung. So wird bald am Ostbahnhof mit dem Bau der „Anschutz-Arena“ begonnen, einem Kolosseum der Neuzeit & Superlative. Die Arena wird als Multifunktionshalle das größte Eisstadion Europas beherbergen und zur WM-Eröffnung ab 2006 für Sport- und Musikveranstaltungen genutzt werden. Die veranschlagten Kosten von 150 Millionen Euro trägt ausschließlich die Anschutz-Entertainment-Group aus den Staaten. Da können die Stadtkämmerer diesmal wohl ganz entspannt bleiben.
Die Arena, welche es in Berlin seit 10 Jahren bereits gibt, wird mit der Fertigstellung der neuen sicher die „alte Arena“, die „Konzert-„ oder „Kulturarena“ genannt. Sie befindet sich am Osthafen der Spree und wird vielleicht irgendwann einmal, wenn es der Hauptstadt besser geht, so schön saniert sein wie die „Kulturbrauerei“ in Prenzlauer Berg, auch wenn die alte Hafen-Industriehalle nicht halb so viel hermacht. Und es werden dann immer noch Konzerte oder Theateraufführungen stattfinden.
Zur Zeit läuft dort im dazugehörigen „Glashaus“ (Eichenstr. 4) „Caveman“ (www.caveman.de), eine absolut empfehlenswerte Ein-Mann-Comedy aus New York („erfolgreichstes Solo-Stück aus der Geschichte des Broadways“) in einer Inszenierung von Esther Schweins. Es geht um das unterschiedliche Ticken von Männern und Frauen und die sich daraus ergebenen Rhythmusstörungen und Taktlosigkeiten bei Hetero-Paaren. Hier werden Klischees nicht bedient, sondern auf Kollektiv-Erfahrungen zurückgeführt. Und hier wird auf augenzwinkernd-witzige Weise – was Intelligenz voraussetzt – um Nachsicht für die Andersartigkeit von Männern und Frauen gebeten. Auch wenn man(n)/frau als Publikum sich für nicht typisch hält, ist der vorgehaltene Spiegel bei „Caveman“ groß genug, um ihn oder sie, sich und seinesgleichen darin wiederzuerkennen und lachend mit dem Finger auf das andere Selbst zu zeigen.
Neben dem Glashaus und der Arena liegt die „Hoppetosse“, ein Gastro- und Musikschiff vor Anker. Man kann auf dem Segler nicht ganz so gut essen wie auf dem „Klipper“ (Bulgarische Straße, vor der Insel der Jugend), hat von dort aber einen wunderbaren Ausblick auf die Spree mit Oberbaumbrücke, Universal-Haus, die riesige Wasserskulptur und die neuste architektonische Attraktion Berlins: das Badeschiff.
Als Weiterentwicklung umzäunter Spree-Badeorte von vor hundert Jahren kann man seit dem 8. Mai über eine großflächige Stegkonstruktion zu dem „Badeschiff“ - einem schwimmenden Metallpool - gelangen und einen Meter über der Wasseroberfläche in und doch nicht in der Spree baden. Abends ist die Riesenwanne beleuchtet, im offenen Zelt am Ufer wird aufgelegt, in zwischen dicken Steg-Pfählen befestigten Hängematten oder im Zuckersand am Ufer gechillt. Man trinkt aus Flaschen oder Cocktailgläsern an der „Strandbar“, flirtet, genießt die Ruhe oder freut sich über eine Erweiterung des seit 2-3 Jahren anhaltenden Trends, Bacardi- und Insel-Feeling an die Spree zu holen (geöffnet von 8.00-24.00, Eintritt 3,-€).
Bei so viel Innovation und Zeitgeist ist es kein Wunder, dass der seit 1913 existierende Osthafen als traditioneller Warenumschlagplatz nach 2005 nicht mehr existieren wird. Stattdessen werden zwischen Oberbaum- und Elsenbrücke Ateliers, Büros und Wohnungen gebaut. In der Hoffnung auf vergleichsweise wenig Leerstand entsteht also ein Viertel für die „Multimedia – (Next)Generation“. MTV als möglicher Arbeitgeber ist bereits wie schon Universal vor Ort. Das klingt.
Berlin bleibt vorerst jedoch arm, wird in meinen Augen aber immer mehr zur Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, wenn auch leider nur für die, welche etwas und sich gut zu verkaufen wissen. Der Osthafen als symbolischer Ort: Die einen streichen die Segel, die anderen ankern im ruhigen Wasser. Und wer bis dorthin gekommen ist, sucht mit Tucholskys „Ideal“ die „Villa im Grünen mit großer Terrasse, / vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; / mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, / vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn, / aber abends zum Kino hast dus nicht weit.“
Für den Rest bleibt die Wirklichkeit, der Kiez, Berlin als Dorf und Verachtung für die vom Osthafen.
Nur: Berlin wäre kaum Berlin, wenn bei dem städtebaulichen Debakel nicht doch noch etwas ginge – abseits kommunaler Beton-Politik, dank privater Investoren, kreativer Projekte und fernab experimenteller Selbstbefriedigung mit falscher Subventionierung. So wird bald am Ostbahnhof mit dem Bau der „Anschutz-Arena“ begonnen, einem Kolosseum der Neuzeit & Superlative. Die Arena wird als Multifunktionshalle das größte Eisstadion Europas beherbergen und zur WM-Eröffnung ab 2006 für Sport- und Musikveranstaltungen genutzt werden. Die veranschlagten Kosten von 150 Millionen Euro trägt ausschließlich die Anschutz-Entertainment-Group aus den Staaten. Da können die Stadtkämmerer diesmal wohl ganz entspannt bleiben.
Die Arena, welche es in Berlin seit 10 Jahren bereits gibt, wird mit der Fertigstellung der neuen sicher die „alte Arena“, die „Konzert-„ oder „Kulturarena“ genannt. Sie befindet sich am Osthafen der Spree und wird vielleicht irgendwann einmal, wenn es der Hauptstadt besser geht, so schön saniert sein wie die „Kulturbrauerei“ in Prenzlauer Berg, auch wenn die alte Hafen-Industriehalle nicht halb so viel hermacht. Und es werden dann immer noch Konzerte oder Theateraufführungen stattfinden.
Zur Zeit läuft dort im dazugehörigen „Glashaus“ (Eichenstr. 4) „Caveman“ (www.caveman.de), eine absolut empfehlenswerte Ein-Mann-Comedy aus New York („erfolgreichstes Solo-Stück aus der Geschichte des Broadways“) in einer Inszenierung von Esther Schweins. Es geht um das unterschiedliche Ticken von Männern und Frauen und die sich daraus ergebenen Rhythmusstörungen und Taktlosigkeiten bei Hetero-Paaren. Hier werden Klischees nicht bedient, sondern auf Kollektiv-Erfahrungen zurückgeführt. Und hier wird auf augenzwinkernd-witzige Weise – was Intelligenz voraussetzt – um Nachsicht für die Andersartigkeit von Männern und Frauen gebeten. Auch wenn man(n)/frau als Publikum sich für nicht typisch hält, ist der vorgehaltene Spiegel bei „Caveman“ groß genug, um ihn oder sie, sich und seinesgleichen darin wiederzuerkennen und lachend mit dem Finger auf das andere Selbst zu zeigen.
Neben dem Glashaus und der Arena liegt die „Hoppetosse“, ein Gastro- und Musikschiff vor Anker. Man kann auf dem Segler nicht ganz so gut essen wie auf dem „Klipper“ (Bulgarische Straße, vor der Insel der Jugend), hat von dort aber einen wunderbaren Ausblick auf die Spree mit Oberbaumbrücke, Universal-Haus, die riesige Wasserskulptur und die neuste architektonische Attraktion Berlins: das Badeschiff.
Als Weiterentwicklung umzäunter Spree-Badeorte von vor hundert Jahren kann man seit dem 8. Mai über eine großflächige Stegkonstruktion zu dem „Badeschiff“ - einem schwimmenden Metallpool - gelangen und einen Meter über der Wasseroberfläche in und doch nicht in der Spree baden. Abends ist die Riesenwanne beleuchtet, im offenen Zelt am Ufer wird aufgelegt, in zwischen dicken Steg-Pfählen befestigten Hängematten oder im Zuckersand am Ufer gechillt. Man trinkt aus Flaschen oder Cocktailgläsern an der „Strandbar“, flirtet, genießt die Ruhe oder freut sich über eine Erweiterung des seit 2-3 Jahren anhaltenden Trends, Bacardi- und Insel-Feeling an die Spree zu holen (geöffnet von 8.00-24.00, Eintritt 3,-€).
Bei so viel Innovation und Zeitgeist ist es kein Wunder, dass der seit 1913 existierende Osthafen als traditioneller Warenumschlagplatz nach 2005 nicht mehr existieren wird. Stattdessen werden zwischen Oberbaum- und Elsenbrücke Ateliers, Büros und Wohnungen gebaut. In der Hoffnung auf vergleichsweise wenig Leerstand entsteht also ein Viertel für die „Multimedia – (Next)Generation“. MTV als möglicher Arbeitgeber ist bereits wie schon Universal vor Ort. Das klingt.
Berlin bleibt vorerst jedoch arm, wird in meinen Augen aber immer mehr zur Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, wenn auch leider nur für die, welche etwas und sich gut zu verkaufen wissen. Der Osthafen als symbolischer Ort: Die einen streichen die Segel, die anderen ankern im ruhigen Wasser. Und wer bis dorthin gekommen ist, sucht mit Tucholskys „Ideal“ die „Villa im Grünen mit großer Terrasse, / vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; / mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, / vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn, / aber abends zum Kino hast dus nicht weit.“
Für den Rest bleibt die Wirklichkeit, der Kiez, Berlin als Dorf und Verachtung für die vom Osthafen.
Mittwoch, 26. Mai 2004
071 | Poltern & Blinkern
Ruckizucki ist der Mai vorbei. Mit Fliederduft und Kastanienblüten, mit erstem Spargel und letztem Bodenfrost. Was ich für diesen Sehnsuchtsmonat auf meine „To-do-Liste“ geschrieben hatte, ließ sich auch an fünf Wochenenden nicht ganz verwirklichen und wird in den Juni mit rübergenommen. Zum Beispiel bei wärmerem Wetter in einem Gartenlokal am Wasser oder unter einer Kastanie bis zum Abendrot sitzen oder ins MoMA gehen (hatte vorgestern zu).
Aber ich schaffte es mit dem Rad 111 km ins Anhaltinische zu fahren, wobei ich auf jeden einzelnen Kilometer stolz bin. Man hatte mich zu einer dörflichen Polterhochzeit eingeladen (und ich liebe Hochzeiten, sofern ich nur Gast sein kann).
Das Ganze fand auf einem großen Gehöft statt, mit Bierwagen und ordentlicher Überdachung gegen den kalten Regen. Nachdem sich Männer, die im Anzug erschienen waren, und Frauen, die mit ihren Highheels den nassen Rasen zu vertikutieren schienen, bequemer und wärmer angezogen hatten, begann der bekannte Ablauf von Reden, Showeinlagen und Tanz nach dem Kaffee. Diesmal war es nicht nur erträglich, sondern sogar unterhaltsam.
Mich beeindruckte vor allem diese flexible Dorfgemeinschaft: Ein gelernter Fleischer (Er sah so aus, wie man ihn sich vorzustellen hat) bereitete aus zwei Schweinen – ein Haus- und ein Wildschwein (selbstgeschossen!) – über offenem Feuer eine Art Gulasch zu. Frauen in den Rollen von Kellnerinnen inszenierten sich später flexibel mit in- und externen Parodien.
Die Frischvermählte selbst ließ es sich auch nachts nicht nehmen, nur im Brautkleid rumzuwuseln. Voller Energie und voller Pfützendreck am Saum. Die Alten am Rande schlugen entsetzt amüsiert die Hände zusammen. Vor allem, als einer von ihnen der Brautstrauß in den Schoß flog. Dann wurde wieder getanzt, mit ländlicher Nonchalance, Hand in Hand und Hand um Schulter oder Taille, nach altbewährtem Dreh. Dazu volkstümliche Stimmungsmusik („Ein wie-ßer Schwaan / zie-het den Kaahn / mit der schö-nen Fi-sche-rin / auf dem blau-en See da-hin ...“ und der unvermeidliche „Holzmichel“, der – Jaaa!!! – noch lebt!). Befremdlich, aber es passte von Bier zu Bier immer besser, wie ich fand.
Vor dem Poltern wurden offenbar ganze Sanitärgeschäfte und Gärtnereien geplündert. Ein Traktor kam beispielsweise mit Anhänger und Massen an alten Tonblumentöpfen in der stolz erhobenen Baggerschaufel an. Nachdem der Fahrer diese ausgeleert hatte, stieg er aus, sagte den vor dem Tor Versammelten trocken „n´Abend!“, öffnete die Seitenklappe des (nicht einsehbaren) Anhängers, stieg wieder ein und setzte den hydraulischen Kippmechanismus in Gang. Die Umstehenden traten in ungewisser Erwartung, was da gleich rausscheppern werde, zurück. Und: Die Ladung, welche am Straßenrand in Scherben ging, bestand nur aus einem einzelnen (zerbrochenen) Krug. Die Art Humor gefällt mir.
Ja, und anderntags radelte ich wieder die Strecke nach Berlin zurück.
Himmelfahrt war ich wie letztes Jahr mit dem Kanu in Mecklenburg unterwegs. Aus der wild-romantischen Umtragestelle zwischen dem Plätlinsee und dem Klenzsee war auf dem Areal eines über 120 Jahre alten Wustrower Bauernhofes ein „Kanuhof“ geworden. Mit Bootsverleih, WC und Waschmöglichkeiten, mit Pacht fürs Zelten und – jeder Menge Durchreisender. Tagsüber blinkerte ich nach Hechten und hoffte, dass es nicht regnen würde. Denn am Himmel wechselten sich Cumulus- mit Regenwolken ab. Manchmal kam aber auch die Sonne durch und wärmte mich, während ich auf einem Steg döste oder heißen Kaffee trank. Marlboro-Feeling, nur ohne Zigaretten. Für den großen Fischfang war es jedoch zu kalt. Ein untermaßiger Hecht, ein annehmbarer Barsch, eine Güster, eine Plötze.
Trost gibt es da oben in solchen Fällen immer noch in der Fischräucherei von Rheinsberg, wo es neben Zuchtforelle und -lachs Selbstgefangenes wie Maräne, Barsch und Schleie gibt.
Dazu abends am Lagerfeuer ein Bier und die Bekanntschaft mit Karateka aus Rheinsberg oder einer geselligen Truppe aus Dresden. Mehr braucht es nicht. Eine Gymnasiallehrerin hatte tatsächlich ihrer Gitarre dabei und belebte mit Evergreens den vollkommenen Mythos von der Lagerfeuerromantik. Authentizität statt Retro. Es wurde mitgesungen. Leise. Und die dunkle, kalte Welt um uns wurde einfach und gut. Wie damals ..., als Erinnerungen begannen.
Einfach und gut ..., bis ein Waschbär kam und uns skeptisch beäugte, als wären wir ein paar idealistische Dinosaurier, die er nicht fürchten muss.
Aber ich schaffte es mit dem Rad 111 km ins Anhaltinische zu fahren, wobei ich auf jeden einzelnen Kilometer stolz bin. Man hatte mich zu einer dörflichen Polterhochzeit eingeladen (und ich liebe Hochzeiten, sofern ich nur Gast sein kann).
Das Ganze fand auf einem großen Gehöft statt, mit Bierwagen und ordentlicher Überdachung gegen den kalten Regen. Nachdem sich Männer, die im Anzug erschienen waren, und Frauen, die mit ihren Highheels den nassen Rasen zu vertikutieren schienen, bequemer und wärmer angezogen hatten, begann der bekannte Ablauf von Reden, Showeinlagen und Tanz nach dem Kaffee. Diesmal war es nicht nur erträglich, sondern sogar unterhaltsam.
Mich beeindruckte vor allem diese flexible Dorfgemeinschaft: Ein gelernter Fleischer (Er sah so aus, wie man ihn sich vorzustellen hat) bereitete aus zwei Schweinen – ein Haus- und ein Wildschwein (selbstgeschossen!) – über offenem Feuer eine Art Gulasch zu. Frauen in den Rollen von Kellnerinnen inszenierten sich später flexibel mit in- und externen Parodien.
Die Frischvermählte selbst ließ es sich auch nachts nicht nehmen, nur im Brautkleid rumzuwuseln. Voller Energie und voller Pfützendreck am Saum. Die Alten am Rande schlugen entsetzt amüsiert die Hände zusammen. Vor allem, als einer von ihnen der Brautstrauß in den Schoß flog. Dann wurde wieder getanzt, mit ländlicher Nonchalance, Hand in Hand und Hand um Schulter oder Taille, nach altbewährtem Dreh. Dazu volkstümliche Stimmungsmusik („Ein wie-ßer Schwaan / zie-het den Kaahn / mit der schö-nen Fi-sche-rin / auf dem blau-en See da-hin ...“ und der unvermeidliche „Holzmichel“, der – Jaaa!!! – noch lebt!). Befremdlich, aber es passte von Bier zu Bier immer besser, wie ich fand.
Vor dem Poltern wurden offenbar ganze Sanitärgeschäfte und Gärtnereien geplündert. Ein Traktor kam beispielsweise mit Anhänger und Massen an alten Tonblumentöpfen in der stolz erhobenen Baggerschaufel an. Nachdem der Fahrer diese ausgeleert hatte, stieg er aus, sagte den vor dem Tor Versammelten trocken „n´Abend!“, öffnete die Seitenklappe des (nicht einsehbaren) Anhängers, stieg wieder ein und setzte den hydraulischen Kippmechanismus in Gang. Die Umstehenden traten in ungewisser Erwartung, was da gleich rausscheppern werde, zurück. Und: Die Ladung, welche am Straßenrand in Scherben ging, bestand nur aus einem einzelnen (zerbrochenen) Krug. Die Art Humor gefällt mir.
Ja, und anderntags radelte ich wieder die Strecke nach Berlin zurück.
Himmelfahrt war ich wie letztes Jahr mit dem Kanu in Mecklenburg unterwegs. Aus der wild-romantischen Umtragestelle zwischen dem Plätlinsee und dem Klenzsee war auf dem Areal eines über 120 Jahre alten Wustrower Bauernhofes ein „Kanuhof“ geworden. Mit Bootsverleih, WC und Waschmöglichkeiten, mit Pacht fürs Zelten und – jeder Menge Durchreisender. Tagsüber blinkerte ich nach Hechten und hoffte, dass es nicht regnen würde. Denn am Himmel wechselten sich Cumulus- mit Regenwolken ab. Manchmal kam aber auch die Sonne durch und wärmte mich, während ich auf einem Steg döste oder heißen Kaffee trank. Marlboro-Feeling, nur ohne Zigaretten. Für den großen Fischfang war es jedoch zu kalt. Ein untermaßiger Hecht, ein annehmbarer Barsch, eine Güster, eine Plötze.
Trost gibt es da oben in solchen Fällen immer noch in der Fischräucherei von Rheinsberg, wo es neben Zuchtforelle und -lachs Selbstgefangenes wie Maräne, Barsch und Schleie gibt.
Dazu abends am Lagerfeuer ein Bier und die Bekanntschaft mit Karateka aus Rheinsberg oder einer geselligen Truppe aus Dresden. Mehr braucht es nicht. Eine Gymnasiallehrerin hatte tatsächlich ihrer Gitarre dabei und belebte mit Evergreens den vollkommenen Mythos von der Lagerfeuerromantik. Authentizität statt Retro. Es wurde mitgesungen. Leise. Und die dunkle, kalte Welt um uns wurde einfach und gut. Wie damals ..., als Erinnerungen begannen.
Einfach und gut ..., bis ein Waschbär kam und uns skeptisch beäugte, als wären wir ein paar idealistische Dinosaurier, die er nicht fürchten muss.
Abonnieren
Posts (Atom)