für Finni
„Im traurigen Monat November war´s (...)“
Mit der U 8 fahren wir durch den kühlen Rest eines verregneten Tages. Sitzend, wie die anderen Fahrgäste, Weddinger Migranten zumeist. Junge Männer mit Fremdenlegionärshaarschnitt, Frauen mit schokobraunem Haar oder zartbitterem Kopftuch. Jeder von ihnen hockt in seiner kleinen Welt. Isoliert und gelähmt von der Arbeit, von alltäglichen Teufelskreisen, die sich wie eiserne Bande um ihre Herzen legen.
„the downtown trains are full with all the brooklyn girls / they are try so hard to break out of their little worlds“
Aber wir, wir haben uns gefunden, zwischen all diesen Paralleluniversen. Frag mich nicht, wie. Wir hatten wohl Glück, obwohl wir dabei zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Aber wir erkannten uns und das, was mit uns geschieht. Es gibt sie vielleicht ja doch, die richtige Zeit in der falschen, das Märchen im Lokalteil der Zeitung. Jetzt lauschen wir der Stimme unseres Erzählers und schweigen irgendwie anders als der prosaische Rest.
Pankstraße. Die U-Bahn hält. Aber keiner geht, keiner kommt. Nur aus einigen Ohrhörern zischt und stampft leise Musik, Sountracks wie nahende Gegenzüge. Jemand nickt dazu im Takt; eine Frau hält ihre Augen geschlossen. Als stünde sie zwischen den Geleisen. Einer der Fremdenlegionäre sieht zu ihr rüber. Sieht ihr Make-up, die gezupften Brauen, ihren schlanken Körper. Den nahenden Zug sieht er nicht. Er kaut mechanisch auf seinem Kaugummi herum, wie ein angeketteter Hund auf seinem Knochen. Die anderen Fremdenlegionäre sind ebenfalls mit Kaugummis bewaffnet. Brothers in Arms ohne Auftrag und ohne Heimat. Rain Dogs, denke ich.
Da zischt und stampft es auch in mir, durchfährt mich Tom Waits heisere Stimme „with all the Rain Dogs“. „For I am a Rain Dog, too“, hallen alte Zeiten nach. Aber du bist bei mir, denke ich. Ich habe also wirklich Glück. Mir ist in dem Moment, als erklärten sich so alle einsamen Fahrten vergangener Jahre. Einsam gegangene Wege und Straßen, durchwachte Nächte. Als das Herz krampfte und sich meine kleine Welt fenster- und türenlos gab. Vielleicht muss man sich ja oft krank und elend fühlen, um irgendwann unerwartet sein Glück zu erkennen, tief zu fühlen und zu gesunden.
Oh, wie schön du bist, denke ich. Ich ...
„Nächster Halt: Gesundbrunnen.“
Komm, lass uns rausgehen in den Abend, der sich längst als Nacht verkleidet hat. Wie ein Kind zu Halloween, das uns nicht erschrecken kann. Auf dem Bahnsteig hören wir, wie es hinter uns kracht. Als wäre etwas zerbrochen.
„Heinrich, der Wagen bricht“, flüsterst du verschwörerisch lächelnd. „Nein“, lächle ich zurück und küsse dein magnetisches Gesicht, ohne mich noch einmal umzudrehen. Hand in Hand fliegen wir die glitzernden Treppen hinauf. Wie zum Hochzeitsball des Prinzen.
„Oh, how we danced and we swallowed the night“
In den Pfützen erzittern die Lichter des Gesundbrunnen-Centers von unserem Gekichere.
„Oh, how we danced away all of the lights“
Wir erfreuen uns kindisch an der kitschigen Weihnachtsdeko der Geschäfte. Und in unseren Augen spiegelt sich dabei das Glück der Besitzlosen wider. Wir sind Ausbrecher und Selbstläufer. Gefühle jonglieren Gedanken, die einmal so schwer waren, dass sie uns an solchen Abenden runtergezogen hätten wie der übersättigte Nebel die Schwärze des Himmels.
„We´ve always been out of our minds“
Bei Kaiser´s kaufen wir übermütig eine Flasche goldbraunen Tequila.
„Golden brown texture like sun (...)“
Die Kassiererin grinst uns an, als hätte sie unseren Plan durchschaut oder könne uns in die geöffneten Sonnen-Anbeter-Herzen blicken.
Oh, wie schön du bist, denke ich.
Your „long hair black as a raven.
Oh, how we danced and you
Whispered to me
You´ll never be going back home,
You´ll never be going back home.“
Denn später werden wir die Einzigen sein, die sich an diesen Abend erinnern können, an diesen vernieselten Abend, irgendwo im Wedding, irgendwann im November.
Sonntag, 9. November 2008
Sonntag, 28. September 2008
096 | Es gibt so Tage
Es gibt so Tage, da scheint die Sonne schon am Morgen zeitlos ruhig. Man ist müßig, macht sich einen Tee und liest die Sonntagszeitung, als würde man ein Entspannungsbad nehmen.
Dann gibt es so Tage, da weiß man hinterher nicht einmal, ob die Sonne überhaupt aufgegangen war. Also man macht sich über alles Mögliche Gedanken, nur nicht über die Sonne. Aber eigentlich machen die Gedanken alles Mögliche mit einem selbst.
Man geht wie ein Geist durch die Straßen seiner Kindheit. Befinden sich diese Straßen wie bei mir in Berlin und ist die Kindheit schon ein viertel Jahrhundert her, gibt man es nach einer Weile sogar wieder auf, jemand Vertrauten erkennen zu können. Sogar die Namen am Hauseingang, dem Eingang zum Ort der Geburt & Geborgenheit, sind fremd. Die Tür ist verschlossen.
„Aber wenn die Laternen angehen“, flüstern die Gedanken, „kommst du wieder hoch.“ Die Laternen gehen nicht an, und mich bringt so schnell gar nichts hoch.
„Wer in Berlin wehmütig wird, hat verloren“, flüstert es weiter. „Weiter!“, flüstere ich echohaft zurück.
Ecke Choriner / Schwedter sitzen drei Typen vor einer Kneipe. Einer mit Glatze, Anzug und Zuhälterbrille ruft mehrfach in sein Handy: „Hier spricht Gürgen Mengele! Gürgen Mengele!!" Er sagt nicht Jürgen, auch nicht Josef. Die beiden anderen kichern.
Ich frage nicht nach Sinn und Unsinn, suche keine Zusammenhänge.
„Weiter!“
Im „Mauersegler“, der Terrassen-Kneipe am Mauerpark, gibt es eine Hochzeit. Aber keiner sieht nach Hochzeitsgesellschaft aus. Eine angetrunkene Band rockt „Sah ein Knab ein Röslein steh´n“. Das „Röslein! Röslein!“ klingt nach Lindenberg. Und nach „Gürgen Mengele!“
Nebenan in der Bernauer eine Mauergedenkstätte: große Schwarzweißbilder an der Hausfassade, mit hölzernem Aussichtsturm. Von diesem Westberliner Aussichtsturm aus winkten meine Großeltern meiner Mutter zu, die mich im Kinderwagen auf der anderen Seite hin und her schob. Sie wagte nicht zurückzuwinken. Sie weinte nur leise.
Hier sah ich später mit meinem Cousin verstohlen in den Westen rüber. Aus einem Flurfenster, zu dem wir uns nachts geschlichen hatten. Jetzt ist die Mauer genauso verschwunden wie meine Großeltern. Und meinen Cousin sehe ich auch nur noch selten.
„Weiter, immer weiter!“
Auf dem Aussichtsplateau des Wasserturms wirken die Leute wie geisterhafte Besucher einer Gartenparty. Einige haben ihre Kinder mitgebracht, andere spielen Boule. Aber jedes Grüppchen sieht durch die anderen hindurch. Denn Geister können einander nicht erkennen. Selbst die Kinder blicken nur dem Gummiball nach, der dem Abhang zurollt.
Da denkt es in mir, dass ich selbst nur ein Geist bin. So wie Dr. Crowe in „The Sixth Sense“, der gar nicht weiß, dass er bereits tot ist.
„Du bist einer von ihnen“, flüstert es in mir.
„Aber ich kann sie sehen“, flüstere ich zurück.
Sogar den Wind, der durch die sich verfärbenden Blätter geht, kann ich sehen. Und die Wolken, die noch vor ein paar Wochen am Himmel trieben. Dann lassen mich meine wirren Gedanken, die mich hergeführt haben, im Stich.
Und so warte ich mit den anderen Geistern am Wasserturm. Wir warten auf die vermeintlich fehlenden Gäste. Wir warten dort noch, wenn längst keine Gartenpartys mehr stattfinden. Wenn die Wintersonne die Sehenden blendet, bis sie ihre Augen geschlossen halten. Bis sie von wärmeren Tagen träumen. Falls die wirren Gedanken sie lassen.
Dann gibt es so Tage, da weiß man hinterher nicht einmal, ob die Sonne überhaupt aufgegangen war. Also man macht sich über alles Mögliche Gedanken, nur nicht über die Sonne. Aber eigentlich machen die Gedanken alles Mögliche mit einem selbst.
Man geht wie ein Geist durch die Straßen seiner Kindheit. Befinden sich diese Straßen wie bei mir in Berlin und ist die Kindheit schon ein viertel Jahrhundert her, gibt man es nach einer Weile sogar wieder auf, jemand Vertrauten erkennen zu können. Sogar die Namen am Hauseingang, dem Eingang zum Ort der Geburt & Geborgenheit, sind fremd. Die Tür ist verschlossen.
„Aber wenn die Laternen angehen“, flüstern die Gedanken, „kommst du wieder hoch.“ Die Laternen gehen nicht an, und mich bringt so schnell gar nichts hoch.
„Wer in Berlin wehmütig wird, hat verloren“, flüstert es weiter. „Weiter!“, flüstere ich echohaft zurück.
Ecke Choriner / Schwedter sitzen drei Typen vor einer Kneipe. Einer mit Glatze, Anzug und Zuhälterbrille ruft mehrfach in sein Handy: „Hier spricht Gürgen Mengele! Gürgen Mengele!!" Er sagt nicht Jürgen, auch nicht Josef. Die beiden anderen kichern.
Ich frage nicht nach Sinn und Unsinn, suche keine Zusammenhänge.
„Weiter!“
Im „Mauersegler“, der Terrassen-Kneipe am Mauerpark, gibt es eine Hochzeit. Aber keiner sieht nach Hochzeitsgesellschaft aus. Eine angetrunkene Band rockt „Sah ein Knab ein Röslein steh´n“. Das „Röslein! Röslein!“ klingt nach Lindenberg. Und nach „Gürgen Mengele!“
Nebenan in der Bernauer eine Mauergedenkstätte: große Schwarzweißbilder an der Hausfassade, mit hölzernem Aussichtsturm. Von diesem Westberliner Aussichtsturm aus winkten meine Großeltern meiner Mutter zu, die mich im Kinderwagen auf der anderen Seite hin und her schob. Sie wagte nicht zurückzuwinken. Sie weinte nur leise.
Hier sah ich später mit meinem Cousin verstohlen in den Westen rüber. Aus einem Flurfenster, zu dem wir uns nachts geschlichen hatten. Jetzt ist die Mauer genauso verschwunden wie meine Großeltern. Und meinen Cousin sehe ich auch nur noch selten.
„Weiter, immer weiter!“
Auf dem Aussichtsplateau des Wasserturms wirken die Leute wie geisterhafte Besucher einer Gartenparty. Einige haben ihre Kinder mitgebracht, andere spielen Boule. Aber jedes Grüppchen sieht durch die anderen hindurch. Denn Geister können einander nicht erkennen. Selbst die Kinder blicken nur dem Gummiball nach, der dem Abhang zurollt.
Da denkt es in mir, dass ich selbst nur ein Geist bin. So wie Dr. Crowe in „The Sixth Sense“, der gar nicht weiß, dass er bereits tot ist.
„Du bist einer von ihnen“, flüstert es in mir.
„Aber ich kann sie sehen“, flüstere ich zurück.
Sogar den Wind, der durch die sich verfärbenden Blätter geht, kann ich sehen. Und die Wolken, die noch vor ein paar Wochen am Himmel trieben. Dann lassen mich meine wirren Gedanken, die mich hergeführt haben, im Stich.
Und so warte ich mit den anderen Geistern am Wasserturm. Wir warten auf die vermeintlich fehlenden Gäste. Wir warten dort noch, wenn längst keine Gartenpartys mehr stattfinden. Wenn die Wintersonne die Sehenden blendet, bis sie ihre Augen geschlossen halten. Bis sie von wärmeren Tagen träumen. Falls die wirren Gedanken sie lassen.
Montag, 1. September 2008
095 | Thightrope Walkers im Mauerpark
Gestern, am Sonntag, überspannte ein knallig blauer Himmel den Mauerpark wie eine Picknickdecke aus Latex. Für Szene-Fetischisten so gut wie für Romantiker. Ich kam mir vor wie am Venice Beach, wo ich noch nie war ... Nur der Strand fehlte, sonst gab es alles, aber ins Berlinische übersetzt: Basketballspieler, Jongleure, Zuschauer, Leute mit Drachen, ein Dutzend Trommler, Sonnenbrillenträger, Tattoos & Graffiti.
Viele waren keine Freaks, sondern Drahtseiltänzer, Grenzgänger im ehemaligen Grenzland. Thightrope Walkers im sozialen Netzwerk konträrer Überzeugungen.
Der Mauerpark ist bei gutem Wetter ein lebendiger Quilt. Ein Ort voll mit poetischen Bildern in Video-Clip-Ästhetik. Und im Stil absurden Theaters.
Da saß beispielsweise jemand im Gras und aß vom Plastikteller, der auf einem windschiefen vergoldeten Stuhl stand. Einem vom Flohmarkt, der in der Sonne blinkte, während ein Flugzeug lautlos darüber an Höhe gewann ... Der zerbrechliche Stuhl war zum Sitzen völlig ungeeignet, aber als Stand-Bild einfach nur göttlich.
Die Leute drum herum: bunt & expressiv. Wie die Komparsen aus „Easy Rider“, „Hair“, und Fatih-Akin-Filmen auf einem Haufen.
Das kreative Potential im Mauerpark ist enorm, die Lässigkeit wirkt echt. Dafür liebe ich Berlin. Und für diese Toleranz: Da tanzen blonde Rastafari so selbstverständlich neben bürgerlichen Flohmarktgängern wie diese neben alternativen Muttis zu coolen Crossover-Rhythmen. Lachende Gesichter nicht nur bei den Kindern.
Der zeitgemäße Hippie trail geht also unbedingt durch die Oderberger Straße. Hight-Ashbury am verschwundenen Nordbahnhof.
Vom Steinkreis her wehte der aktuelle Soundtrack herüber: „fairy“, eine neue Berliner Band, spielte gerade den Song „Tightrope Walkers“.
Fairy hat nichts mit Ultra zu tun, sondern heißt „Fee“ übersetzt. Wie die Sängerin und Gitarristin Fee Klauser, die mit dem Drummer Ferdi Grall und dem Bassisten Moritz Jansen zu Orgelklängen vom Laptop „englischen Gedankenpop“ vom Feinsten spielte.
Weil sie nicht zur PopKomm eingeladen wurden, rockten sie dort vom Laster und fanden mitlerweile Gefallen daran. Sympathisch sind sie sowieso; vertreiben ihre neuste CD „Spitting Butterflies“ ohne jegliches Anbiedern. Das Layout wirkt so professionell wie ihr lyrischer Gitarren-Rock. Da darf jetzt gern Radio Eins auf die Ex-Tübinger aufmerksam werden.
„ ... do you remember when we were walking the tightrope / from the top of the church to the roof of my house / we where dancing ...“
Viele waren keine Freaks, sondern Drahtseiltänzer, Grenzgänger im ehemaligen Grenzland. Thightrope Walkers im sozialen Netzwerk konträrer Überzeugungen.
Der Mauerpark ist bei gutem Wetter ein lebendiger Quilt. Ein Ort voll mit poetischen Bildern in Video-Clip-Ästhetik. Und im Stil absurden Theaters.
Da saß beispielsweise jemand im Gras und aß vom Plastikteller, der auf einem windschiefen vergoldeten Stuhl stand. Einem vom Flohmarkt, der in der Sonne blinkte, während ein Flugzeug lautlos darüber an Höhe gewann ... Der zerbrechliche Stuhl war zum Sitzen völlig ungeeignet, aber als Stand-Bild einfach nur göttlich.
Die Leute drum herum: bunt & expressiv. Wie die Komparsen aus „Easy Rider“, „Hair“, und Fatih-Akin-Filmen auf einem Haufen.
Das kreative Potential im Mauerpark ist enorm, die Lässigkeit wirkt echt. Dafür liebe ich Berlin. Und für diese Toleranz: Da tanzen blonde Rastafari so selbstverständlich neben bürgerlichen Flohmarktgängern wie diese neben alternativen Muttis zu coolen Crossover-Rhythmen. Lachende Gesichter nicht nur bei den Kindern.
Der zeitgemäße Hippie trail geht also unbedingt durch die Oderberger Straße. Hight-Ashbury am verschwundenen Nordbahnhof.
Vom Steinkreis her wehte der aktuelle Soundtrack herüber: „fairy“, eine neue Berliner Band, spielte gerade den Song „Tightrope Walkers“.
Fairy hat nichts mit Ultra zu tun, sondern heißt „Fee“ übersetzt. Wie die Sängerin und Gitarristin Fee Klauser, die mit dem Drummer Ferdi Grall und dem Bassisten Moritz Jansen zu Orgelklängen vom Laptop „englischen Gedankenpop“ vom Feinsten spielte.
Weil sie nicht zur PopKomm eingeladen wurden, rockten sie dort vom Laster und fanden mitlerweile Gefallen daran. Sympathisch sind sie sowieso; vertreiben ihre neuste CD „Spitting Butterflies“ ohne jegliches Anbiedern. Das Layout wirkt so professionell wie ihr lyrischer Gitarren-Rock. Da darf jetzt gern Radio Eins auf die Ex-Tübinger aufmerksam werden.
„ ... do you remember when we were walking the tightrope / from the top of the church to the roof of my house / we where dancing ...“
Abonnieren
Posts (Atom)