Im "Tagesspiegel" hieß es gestern oder vorgestern in einer Randnotiz, dass irgendwer moniere, dass irgendwie zu viele Ausstellungsgegenstände im neuen Jüdischen Museum zu sehen seien. Direkt erschlagen würden sie einen, hieß es. So viel museale Brutalität wollte ich mir gerne antun, und das nicht erst seit gestern oder vorgestern. Also fuhr ich heute hin.
Mein erster Eindruck: gut, wichtig, längst überfällig! Und übersichtlicher als die Zeitungsnotiz vermuten ließ. Zugegeben, einige der kostbaren Wände wirkten schon ein wenig exhibitionistisch. Zum Ausgleich gab es von Herrn Liebeskind jedoch gewollte architektonische Leerräume. Um die Fülle an Informationen zu verarbeiten und sich gern verdrängte Fernsehbilder des Schreckens in Erinnerung zu rufen. Doch mir ist ein ausgefülltes Bücherregal allemal lieber als eines, das sparsam und vordergründig nach ästhetischen Kriterien eingerichtet wurde.
Dieses besondere "Regal" deutscher Geschichte ist beides und enthält sogar eine 3D-Animation über Wormser Juden vor 1000 Jahren. Das Highlight eines zeitgemäßen Multimedia-Aufgebotes der unaufdringlichen Form.
Damit müsste man so sicher wie beim Einmaleins in der Lage sein, vor allem bei Schülern das zu erreichen, was Geschichtslehrern nur unzureichend gelingen kann. Dachte ich anfangs. Bis mich kichernde Teenager auf der Suche nach dem ultimativen nächsten Spaßfaktor eines Besseren belehrten.
Mag sein, dass ich gerade so altväterlich wie die Aufklärer um Mendelsohn und Co. Klinge. Aber es ärgerte mich tatsächlich, weil von den unwissenden Vertretern der TV-Talk-Generation wieder bloß Bilder konsumiert wurden, statt vor Ort Hausaufgaben zu machen. So wünschte ich mir auf dem Weg zum Holocaust-Bereich tatsächlich die schockierendsten Fotos, um die Nachgeborenen wenigstens einmal betroffen zu sehen. Wenigstens das! So wie nach "Schindlers Liste" oder dem 11. September, bevor aus der Teenager-Betroffenheit Koketterie oder Ironie und daraus dann Ignoranz wurde.
Aber was ich am Ende vorfand, ist ein sorgsam konzipierter Raum, an dem es nichts auszusetzen gibt. Gestaltet nach der Binsendevise: "Weniger ist mehr!" Was den im "Tagesspiegel" zitierten Herrn beruhigen muss, wenn er diese Weisheit nicht gerade aufs Schülerwissen bezieht.
Donnerstag, 21. Februar 2002
Dienstag, 5. Februar 2002
010 | Hagen/Rügen
Zum Strandjogging bin ich hier nicht gekommen, dafür zum Wandern, was mehr als Spazierengehen bedeutet. Heute, an meinem letzten Tag, fuhr ich zum Kreidefelsen, genauer: zum Königsstuhl. Kreidefelsen gibt es nämlich einige. Und die sind grauer und bröseliger, als ich dachte. Hatte wohl immer Schultafelkreide im Hinterkopf.
Das Wetter war stürmisch und sah ständig nach Regen aus. Aber das machte nichts, denn von den beiden letzten Tagen lässt sich noch lange zehren. Außerdem passte die nordische Witterung zur schroffen Küste. Das Auto musste ich gut 3 km vor der Aussicht stehen lassen, wobei der Fußmarsch die Parkgebühr ordentlich erhöhte. Überhaupt wird hier für alles Mögliche Geld genommen, selbst für den Blick vom Königsstuhl. Aber was haben die Küstenbewohner sonst schon? Nur ihren Fisch und ihre Touristen. Aber davon lässt sich mitlerweile ganz gut leben.
Für mich war interessant festzustellen, wie sich mein Blick für Fotomotive verschiebt: Suchte ich anfangs witzige Bildgegenstände mit Schnappschussformat und ging dem Postkartenkitsch aus dem Weg, fühle ich mich nun vielmehr wie ein Caspar David Friedrich mit Digi-Cam. Hier eine Krüppelkiefer vor dem Abgrund, da eine vom Sturm entwurzelte Buche. Sehr schön. Und immer etwas von den Felsen im Hintergrund. Romantisch schwer und altväterlich pathetisch. Dabei ist mein Herz trotz des Aufstiegs vom Strand leicht wie eine Möwenfeder. Mein Magen allerdings auch.
Das Wetter war stürmisch und sah ständig nach Regen aus. Aber das machte nichts, denn von den beiden letzten Tagen lässt sich noch lange zehren. Außerdem passte die nordische Witterung zur schroffen Küste. Das Auto musste ich gut 3 km vor der Aussicht stehen lassen, wobei der Fußmarsch die Parkgebühr ordentlich erhöhte. Überhaupt wird hier für alles Mögliche Geld genommen, selbst für den Blick vom Königsstuhl. Aber was haben die Küstenbewohner sonst schon? Nur ihren Fisch und ihre Touristen. Aber davon lässt sich mitlerweile ganz gut leben.
Für mich war interessant festzustellen, wie sich mein Blick für Fotomotive verschiebt: Suchte ich anfangs witzige Bildgegenstände mit Schnappschussformat und ging dem Postkartenkitsch aus dem Weg, fühle ich mich nun vielmehr wie ein Caspar David Friedrich mit Digi-Cam. Hier eine Krüppelkiefer vor dem Abgrund, da eine vom Sturm entwurzelte Buche. Sehr schön. Und immer etwas von den Felsen im Hintergrund. Romantisch schwer und altväterlich pathetisch. Dabei ist mein Herz trotz des Aufstiegs vom Strand leicht wie eine Möwenfeder. Mein Magen allerdings auch.
Montag, 4. Februar 2002
009 | Hiddensee
Vor mindestens 10 Jahren wollte ich hier her. Keine Ahnung, warum es damals nicht klappte. Ich weiß auch nicht mehr, wer mitkommen wollte. Wir waren jedenfall eine kleine Gruppe, deren Leidenschaft für romantische Spontanvorhaben ausgereicht hätte, um bis nach Sizilien und zurück zu marschieren. Wir wollten uns abends am Strand Storm-Novellen vorlesen, weil der uns näher stand als Hauptmann, und aus einer geleerten Flasche Wein eine gelehrte Flaschenpost machen. Aber irgendwer konnte dann doch nicht. Vielleicht sogar ich. Das zum Thema Spontanität. Heute ist das anders, obwohl ... Hätte ich meinen Hintern heute Vormittag noch etwas schwerer aus dem Bett gekriegt und mich dann nach den Fährzeiten erkundigt, wäre es sicher wieder nichts geworden. Dadurch hatte ich bis zur letzten Fähre von Neuendorf nach Schaprode gerade mal dreieinhalb Stunden Zeit für die Insel. Von den Pferdekutschen, der neben Rädern einzigen Fortbewegungsmöglichkeit, sah ich derweil nicht eine einzige. Aber ich bewegte mich auch erst am Weststrand und dann durch die Heide vorwärts. Nur hier und da eine reedgedeckte Fischerkate und dahinter der Leuchtturm von Dornbusch. Steht auf einem Schild vor den Häusern: "Frischer Sanddornlikör", dachte ich, werden dort Einheimische wohnen. Steht davor: "Privatbesitz. Betreten strengstens verboten!" werden es gestresste Künstler aus Berlin sein, die hier ihren Fluchtpunkt haben. Zäune sah ich indes kaum. Nur fleißig aufgehängte Wäsche versperrte den Blick ein wenig, machte das Gesamtbild jedoch stimmiger. Neben den Haustüren sind runenartige Zeichen befestigt, als wohnten dort nur Steinmetze oder Wikinger.
Der Wirt aus dem "Godewind" in Vitte erinnert allerdings eher an einen gemäßigten Altachtundsechziger. Sein Lokal ist urgemütlich. Etwas Pub-Atmosphäre mit regionalem Einschlag. Viel dunkles Holz, Kupfer, helle Fenster und: Ledersessel! Besseren Luxus konnte ich mir nach meinem zügigen Marsch von Neuendorf nicht denken. Und der zum Wernesgrüner servierte saftige Dorsch hätte mich beinahe verleitet, die Tickets für die letzte Fähre unter den Tisch fallen zu lassen.
Der Wirt aus dem "Godewind" in Vitte erinnert allerdings eher an einen gemäßigten Altachtundsechziger. Sein Lokal ist urgemütlich. Etwas Pub-Atmosphäre mit regionalem Einschlag. Viel dunkles Holz, Kupfer, helle Fenster und: Ledersessel! Besseren Luxus konnte ich mir nach meinem zügigen Marsch von Neuendorf nicht denken. Und der zum Wernesgrüner servierte saftige Dorsch hätte mich beinahe verleitet, die Tickets für die letzte Fähre unter den Tisch fallen zu lassen.
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