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Sonntag, 20. Dezember 2015

158 | Foto mit Rahmen


Vorgestern entdeckte ich etwas Merkwürdiges: Als ich von der Holzmarktstraße kommend über die Michaelbrücke gehen wollte, fiel mir am S-Bahnviadukt ein kleines gerahmtes Bild auf.
Eine Schwarzweiß-Aufnahme aus den dreißiger, vierziger oder fünfziger Jahren, die einen Mann und eine Frau zeigt. Aber warum? Warum hängt das Bild dort? Und dann noch in so ungünstiger Höhe und ohne jeglichen Hinweis?
Nach Straßenkunst oder dem Werk eines Spaßvogels sah es nicht aus. Eher nach stillem Gedenken für zwei Mauertote, Unfallopfer oder Selbstmörder. Mir fielen die beiden Soldaten ein, welche in den letzten Kriegstagen von der Waffen-SS unter dem S-Bahnhof Friedrichstraße aufgeknüpft worden waren. Aber das hier? Keine Soldaten, nur sehr seltsam.
Auf der anderen Seite der Spree, zwei- oder dreihundert Meter weiter, entdeckte ich kurz darauf vor dem Zaun des Vattenfall-Heizkraftwerkes zwei Stolpersteine. Genau dort, wo vor 70 Jahren noch Wohnhäuser standen. Die Steine waren für Hans und Ilse Cohn angefertigt. Und ich stellte - trotz räumlicher Distanz - zwischen den Steinen und dem Mann und der Frau auf dem Brücken-Bild eine Verbindung her, welche es wahrscheinlich niemals gegeben hat: Könnte es sich bei dem Foto-Paar nicht vielleicht um die Cohns handeln? Als verlängerte visuelle Ergänzung der Stolpersteine sozusagen? Denn aus praktischen und rechtlichen Gründen ließ sich das gerahmte Foto wohl kaum an den Zaun kleben.
Dann besah ich mir die Steine genauer: Hans Cohn, Jahrgang 1885, wurde 1942 nach Riga deportiert. Er war der Vater von Ilse, die im selben Jahr wie Anne Frank geboren worden war, 1929. Und die Mutter? Was war mit ihr? Das Internet gibt Auskunft:
Hans stammte aus Halberstadt und hatte in die Berliner Familie Gombertz eingeheiratet. Zusammen lebte er mit seiner Frau Käthe (*1887), seiner Tochter Ilse, seinem Schwiegervater Karl (*1859), seiner Schwägerin Charlotte und deren wohl unehelichen Sohn Gerhard in der Michaelkirchstraße 27 unter einem Dach. Bis die Cohns am 25. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort im Ghetto ermordet wurden. Da war Tochter Ilse gerade mal dreizehn. Im selben Jahr starb ihr Großvater Karl mit dreiundachtzig. Cousin Gerhard kam 1944 als Illegaler in Berlin um, seine Mutter - Tante Charlotte - war die einzige aus der Familie, die den Holocaust überlebte.
Doch die Angaben der Stolperstein-Seite (http://www.stolpersteine-berlin.de/de/biografie/102) sind fehlerhaft. Da wird Charlotte auch als Gerhards Tante bezeichnet und der seit einem Jahr tote Hans Cohn soll 1943 noch zusammen mit seiner Schwägerin untergetaucht sein. Das hätten er und Charlotte Frau Tietze zu verdanken, die ein Seifengeschäft im Wohnhaus unterhielt. Bereits vorher hatte Frau Tietze die Cohns und Gombertz´ mit Lebensmitteln versorgt und sie vor Verhaftungen gewarnt. Und wenn es stimmt, hatte sie Hans auch in ihrer Fredersdorfer Laube versteckt. Bevor er mit Charlotte bei Frau Katein, einer Putzfrau aus Treptow, Unterschlupf fand.
Gern würde ich mir von ihnen Fotos anschauen. Aber da ist nur das eine, das viel zu hoch gehängte Bild vom S-Bahnviadukt, das zwei unbekannte Menschen zeigt. Wohl nicht die Cohns und nicht die Tietzes. Und was das Bild zu erzählen hätte, behält es für sich. Aber der Mann und die Frau darauf sehen glücklich aus. Wenn man nur nahe genug an sie herankommt.

Sonntag, 25. Oktober 2015

157 | Pow-Wow in Klasdorf


Gestern lud der Indian Summer noch einmal zum Pow-Wow in Brandenburgs Natur. Mich Großstadtkrieger zog es zuerst zum Wildpark Johannesmühle ins Baruther Urstromtal, wo es Pferde, Wölfe, freilaufende Hirsche und eingezäunte Büffel gibt.
Zoos stehe ich eigentlich skeptisch gegenüber, aber dass hier den Löwen und Bären vom liquidierten Staatszirkus der DDR Asyl geboten wurde, gefällt mir.
Auf dem über 100 Hektar großen Areal sind noch Reste des Kellergewölbes einer 1730 gebauten Wassermühle, der Johannesmühle, zu sehen. Auf deren Fundamenten errichtete man später ein Forsthaus, das in DDR-Tagen zum „Sonderjagdgebiet des Oberkommandierenden der Sowjetischen Streikräfte in Deutschland“ gehörte. Bis das Haus 1972 - zu Gunsten einer Wochenenddatsche und wechselnden Oberbefehlshabern - abgerissen wurde. Erst 1994, nach Abzug der Russen, konnte aus dem roten Jagdgebiet ein privat geführter familienfreundlicher Park werden.
Trotzdem kann man im angrenzenden "Kastaniengarten" oder "Waldschlösschen" erlegte Rehe, Hirsche oder Wildschweine essen, was mir nach einer großen Runde unter Kiefern und Ahorn gerade recht kam.
Zum Verdauungsspaziergang fuhr ich ins benachbarte Museumsdorf Glashütte, wo ich mir sanierte Fachwerkhäuser, einen historischen Backofen, einen auf eigene Gefahr zu betretenden Erdkeller und natürlich einen Glasbläser bei der Arbeit anschaute.
Glücklicherweise waren alle Busse mit Tagesgästen, die in den Kunstgewerbeläden oder im „Alten Dorfkonsum“ immer auch nach ihrer Vergangenheit suchen, bereits abgefahren. So konnte ich mir - nur von zwei Katzenjunge umlagert - im Reuner´schen Biergarten noch einen Glühwein gegen die aufkommende Kälte gönnen, bevor es auch mich heimwärts zog.

Sonntag, 11. Oktober 2015

156 | Heimat


Wegen einer zeitgemäßen Erkältung war ich gestern ein wenig kurzatmig in Brandenburgs Natur unterwegs. Am Himmel kein Wölkchen, auf der Erde nur Sonnenschein. Und der kühle Nachmittag hielt seinen Atem an, um die Deko-Wirkung der Landschaft als Stillleben zu präsentieren.
Ich spürte es ganz deutlich: Da war die letzte Ruhe vor dem nassgrauen Herbstwinter, der sich bis in den März hinein zieht. Also noch einmal farbsatte Eindrücke tanken inmitten durch- und beleuchteter Blätter, Moosgrün, roter Beeren und bunter Pilze.
Dabei erhabene Gedichtfragmente im verschnupften Hirn: von Holderlin („Ihr holden Schwäne ... Ins heilignüchterne Wasser“) bis Rilke („Befiehl den letzten Früchten voll zu sein“). Und immer wieder die innere Rückschau und Positionierung.

Dann die Heimkehr: Das Putzen letzter Maronen und Steinpilze, ein Thymianbad für die Bronchien und ein paar Seiten de Bruyn fürs Gemüt.
Schließlich die Zubereitung der Pilzpfanne, dieses abenteuerlich schlichten Kindheitsessens - mit Zwiebel- und Schinkenwürfeln, Pfeffer, Salz und Petersilie. Essen für Leib und Seele. Denn wo der Duft davon eine Küche erfüllt, wird man nicht nur satt - da ist immer auch Heimat.