Seit dem 2. Weihnachtsfeiertag liegt in Berlin Schnee, sind die Nebenstraßen nicht geräumt, macht die S-Bahn wieder Zicken. Und nicht nur die. Eine ältere Frau sagte im Fernsehen, dass es so was zu DDR-Zeiten nicht gegeben habe, das mit dem S-Bahn-Chaos. Dabei sorgten Verschleißerscheinungen, Versorgungsengpässe und Finanzierungsprobleme doch ständig für Chaos, will ich meinen. Bloß dass dieses Chaos nicht als chaotisch, sondern fatalistisch wahrgenommen wurde. Oder offenbar gar nicht, wie von dieser Frau. Selbst wenn sie Recht hat, wenn es zu DDR-Zeiten bei der S-Bahn zu keinerlei Ausfällen kam - so wie sie es sagte, erinnerte sie mich an Margot Honecker, die trotzig im vergangenen Herbst den 60. Geburtstag der DDR in Chile beging. Oder an noch Gestrigere, die ganz genau wussten, dass es so was bei Hitler nicht gegeben habe.
Ja, ja, die Erinnerung. Ein Moderator des RBB konnte sich nicht entsinnen, wann Berlin jemals so verschneit war. Ich schon, nämlich erst im letzten Winter. Da stapfte ich über den zugefrorenen Weißen See und musste mich im „Milchhäuschen“ mit einer Heißen Schokolade aufwärmen. Doch generell hat der Moderator natürlich Recht. Weiße Weihnachten ist wie der Weihnachtsmann zum Mythos geworden. Und weiße Winter gibt es fast nur noch an den schmelzenden Polkappen. Da wird man hier natürlich selbst bei Schneeregen ganz aufgeregt. Denn nur ein Gradchen kälter, schon überdeckte herrlichstes Weiß die ganze Alltagstristesse. Aber dazu kommt es meist nicht, vielleicht weil zu viele aufgeheizte Gemüter den Klimawandel zusätzlich beschleunigen. Und bald fangen die Deutschen sicher an, ihre grauen Winter so wortreich zu unterscheiden wie die Eskimos den Schnee.
Bietet Berlin seinen Nagern mit Abfällen und milden Wintern eigentlich ideale Tarn- und Lebensbedingungen, flüchten zumindest die Mäuse derzeit lieber in den Bundestag, wie um sich bei den höheren Tieren über soziale Kälte und eben Schneefall zu beschweren. Dabei sollen Schneespuren auch immer wieder auf den Örtlichkeiten des Reichstagsgebäudes zu finden sein. Beides Themen, welche die Medien vor allem zum chronisch schleppenden Jahresbeginn dankbar aufgreifen, um ihr winterliches Pendant zum Sommerloch zu füllen. Aber beides nichts im Vergleich zu einem angekündigten Unwetter mit Hamsterkäufen wie erst vor drei Wochen:
Der RBB zeigte gestern eine Reportage über die Folgen des Tiefs Daisy für Berlin. Nur gab es da nichts Berichtenswertes, von einigen gemütlichen Flöckchen, die es auf sage und schreibe 2 Zentimeter Schneedecke schafften, abgesehen. Wow! Dabei hätten die Bilder ganz dramatisch werden können, etwa wie beim Hochwasser 2002. Ja, sogar eine Sondersendung wurde für 20.15 angekündigt und - obwohl Daisy so harmlos wie Moshammers Yokshire-Terrier blieb - ausgestrahlt. Vergleichsweise als Warm-up für den Film, den RTL heute Abend zeigt: „The Day After Tomorrow“. Am Tage danach genau das Richtige für meine medial geprägte Erwartungshaltung.
Sonntag, 10. Januar 2010
Sonntag, 1. November 2009
104 | 20 Jahre Mauerfall
Natürlich fiel sie nicht, die Mauer; genauso wenig wie es eine „Wende“ gab. Aber Wörter sind Gebrauchsgegenstände (um bei den unstimmigen Bezeichnungen zu bleiben) - je länger man etwas falsch wiedergibt, um so richtiger fühlt es sich an. Das gilt auch für Erinnerungen und für die eigenen Wahrheiten.
Ich will jetzt nicht schildern, wie ich am 9. November 1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße erstmalig Westberlin betrat. Obwohl es nach all den bewegten Wochen zuvor mit der bedeutendste Moment war. Denn gleichzeitig begann etwas Neues und etwas Gegenwärtiges hörte auf. Etwas so Vertrautes wie die eigene Kindheit vielleicht. Aber ich war achtzehn und es war mir egal. Davon will ich etwas schreiben, vom Aufhören und vom Neuanfang.
Das meiste von dem, was aufhörte, werde ich nie vermissen: die linkisch zur Schau gestellte Macht provinzieller Kader, ihre vorgeschriebenen Denkmuster und genormten Wege, ihre Restriktionen. Die Uniformität und das lieblose Schulessen. Jeglicher Ostkult ist mir von daher suspekt.
Was ich aber vermisse, zumindest manchmal, wenn ich mir alte Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen durchlese, ist die verschworene Gemeinschaft von einst, das Netzwerk Gleichgesinnter aus den Zeiten, als Politik nicht Wahlmüdigkeit, sondern Abenteuer bedeutete. Die Herbst-Demonstranten in Leipzig und Berlin bildeten eine Zweckgemeinschaft, und wir, meine Freunde und ich, waren ein Teil davon. Bilder dazu aus dem Fernsehen berühren mich noch immer.
Mit dem Fall des Systems, mit dem Fall der Mauer zerfiel auch diese Zweckgemeinschaft. Die Masse, die Menschenflut, verspritzte zu Tröpfchen, zu Individuen. Jeder begann nach dem 9. November persönliche Ziele zu verfolgen. Das ist auch gut so, bei Freunden nur eben schade.
Wir waren wie eine Schiffscrew, die gemeinsam Neuland betritt, sich aber schon am Strand aus den Augen verliert. Und traf man in den folgenden 20 Jahren einen von der alten Besatzung wieder, fragte man beim Bier nach diesem und jenem, dann begannen Sätze mit „Weißt du noch?“ oder „Damals“. Satzanfänge der Großeltern.
Selbst wenn sich die gesamte alte Crew heute wieder am Strand versammeln würde, wären doch alle durch ihre Nachwende-Erfahrungen isoliert, jeder von unterschiedlichen Erinnerungen und eigenen Wahrheiten gefangen. Von einem Leben, das sich mit seinen Gewichtungen natürlich nach vorn verschoben hat. Und dennoch: Es lässt einen nicht los, dieses „Damals“.
Das hat im Grunde genommen nichts mit dem Fall der Mauer zu tun. Retrospektive Wehmut gibt es zu fortgeschrittener Stunde bei jedem Klassentreffen. Aber bei uns endete die Schulzeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Darin liegt die Brisanz.
Die Crew an Bord, das waren meuternde DDR-Bürger. Will man sie jetzt wiedersehen, hat man keine Chance, weil es das Schiff mit den DDR-Bürgern nicht mehr gibt. Aus ihnen wurden Einzelkämpfer, private Conquestadoren. Manche blieben auch Strandläufer mit wehmütigem Blick zurück aufs Meer.
Damals. Damals waren wir Freunde auf dem abgetakelten „DDR“-Schiff. Mochten Independent-Musik und Punk. Dass wir auch zu Orgelkonzerten in die Kirche gingen, gehörte zu unserem Selbstverständnis dazu. Genauso wie das Schreiben von Gedichten, das Spielen von Schlagzeug oder Gitarre. Oder nichts dergleichen. Auch das. Aber wir waren Freunde, weil wir dieselben Konzerte besuchten und dieselben Kneipen, weil wir die gleichen Erlebnisse und Träume hatten. Weil wir uns hatten, weil wir ähnlich dachten, als wir träumten: Einmal Paris sehen, sich Kicks auf der Route 66 holen, The Cure live hören.
Wir meuterten, weil kein Wind wehte und kein Land in Sicht war, kein Paris und keine Kicks. Dann kam der stürmische Herbst. Wir fühlten uns wie Freibeuter, waren voller Aufbruch. Wir berauschten uns an nächtlichen Gesprächen und ernüchterten uns morgens mit Ironie und schlechten Witzen. Wir lauschten dem Meer in uns.
Als das Narrenschiff „DDR“ strandete, verlor sich die Crew aus den Augen. Nicht sofort und auch nicht alle. Und irgendwie doch.
Man machte sich auf, Neuland zu entdecken, die Liebe und sich selbst. Man wurde so oder so erwachsen. Heutige Spuren im Internet lassen einiges davon ahnen.
Und wenn man sich jetzt trifft, sich beim Bier in den Gesichtern der anderen spiegelt, sieht man vergangene 20 Jahre. Man sieht sie, aber man fühlt sie nicht. Man fühlt noch das Meutern. Und ist erstaunt, wie lange das her sein soll. „20 Jahre“, sagt man sich, „wow“. Es ist ein erstauntes „Wow“. Und eines, das ironisch wirkt. Wie ein plötzlich an Land gespülter Rettungsring mit der Aufschrift: „DDR“.
Gedichte schreibt schon lang keiner mehr. Die meisten kommen auch kaum noch zum Lesen. Nur einer hat im Selbstverlag Geschichten von damals veröffentlicht. Wow.
Aus dem Gitarristen ist ein Physiotherapeut und Vater geworden, aus dem langmähnigen Schlagzeuger ein Regisseur mit kurzen Haaren. Er inszeniert gerade „Als wir träumten“ von Clemens Meyer. Vor- und Nachwende-Erfahrungen ostdeutscher Jugendlicher. Es lässt einen eben nicht los. Und das ist, was uns noch immer verbindet, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer.
Ich will jetzt nicht schildern, wie ich am 9. November 1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße erstmalig Westberlin betrat. Obwohl es nach all den bewegten Wochen zuvor mit der bedeutendste Moment war. Denn gleichzeitig begann etwas Neues und etwas Gegenwärtiges hörte auf. Etwas so Vertrautes wie die eigene Kindheit vielleicht. Aber ich war achtzehn und es war mir egal. Davon will ich etwas schreiben, vom Aufhören und vom Neuanfang.
Das meiste von dem, was aufhörte, werde ich nie vermissen: die linkisch zur Schau gestellte Macht provinzieller Kader, ihre vorgeschriebenen Denkmuster und genormten Wege, ihre Restriktionen. Die Uniformität und das lieblose Schulessen. Jeglicher Ostkult ist mir von daher suspekt.
Was ich aber vermisse, zumindest manchmal, wenn ich mir alte Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen durchlese, ist die verschworene Gemeinschaft von einst, das Netzwerk Gleichgesinnter aus den Zeiten, als Politik nicht Wahlmüdigkeit, sondern Abenteuer bedeutete. Die Herbst-Demonstranten in Leipzig und Berlin bildeten eine Zweckgemeinschaft, und wir, meine Freunde und ich, waren ein Teil davon. Bilder dazu aus dem Fernsehen berühren mich noch immer.
Mit dem Fall des Systems, mit dem Fall der Mauer zerfiel auch diese Zweckgemeinschaft. Die Masse, die Menschenflut, verspritzte zu Tröpfchen, zu Individuen. Jeder begann nach dem 9. November persönliche Ziele zu verfolgen. Das ist auch gut so, bei Freunden nur eben schade.
Wir waren wie eine Schiffscrew, die gemeinsam Neuland betritt, sich aber schon am Strand aus den Augen verliert. Und traf man in den folgenden 20 Jahren einen von der alten Besatzung wieder, fragte man beim Bier nach diesem und jenem, dann begannen Sätze mit „Weißt du noch?“ oder „Damals“. Satzanfänge der Großeltern.
Selbst wenn sich die gesamte alte Crew heute wieder am Strand versammeln würde, wären doch alle durch ihre Nachwende-Erfahrungen isoliert, jeder von unterschiedlichen Erinnerungen und eigenen Wahrheiten gefangen. Von einem Leben, das sich mit seinen Gewichtungen natürlich nach vorn verschoben hat. Und dennoch: Es lässt einen nicht los, dieses „Damals“.
Das hat im Grunde genommen nichts mit dem Fall der Mauer zu tun. Retrospektive Wehmut gibt es zu fortgeschrittener Stunde bei jedem Klassentreffen. Aber bei uns endete die Schulzeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung. Darin liegt die Brisanz.
Die Crew an Bord, das waren meuternde DDR-Bürger. Will man sie jetzt wiedersehen, hat man keine Chance, weil es das Schiff mit den DDR-Bürgern nicht mehr gibt. Aus ihnen wurden Einzelkämpfer, private Conquestadoren. Manche blieben auch Strandläufer mit wehmütigem Blick zurück aufs Meer.
Damals. Damals waren wir Freunde auf dem abgetakelten „DDR“-Schiff. Mochten Independent-Musik und Punk. Dass wir auch zu Orgelkonzerten in die Kirche gingen, gehörte zu unserem Selbstverständnis dazu. Genauso wie das Schreiben von Gedichten, das Spielen von Schlagzeug oder Gitarre. Oder nichts dergleichen. Auch das. Aber wir waren Freunde, weil wir dieselben Konzerte besuchten und dieselben Kneipen, weil wir die gleichen Erlebnisse und Träume hatten. Weil wir uns hatten, weil wir ähnlich dachten, als wir träumten: Einmal Paris sehen, sich Kicks auf der Route 66 holen, The Cure live hören.
Wir meuterten, weil kein Wind wehte und kein Land in Sicht war, kein Paris und keine Kicks. Dann kam der stürmische Herbst. Wir fühlten uns wie Freibeuter, waren voller Aufbruch. Wir berauschten uns an nächtlichen Gesprächen und ernüchterten uns morgens mit Ironie und schlechten Witzen. Wir lauschten dem Meer in uns.
Als das Narrenschiff „DDR“ strandete, verlor sich die Crew aus den Augen. Nicht sofort und auch nicht alle. Und irgendwie doch.
Man machte sich auf, Neuland zu entdecken, die Liebe und sich selbst. Man wurde so oder so erwachsen. Heutige Spuren im Internet lassen einiges davon ahnen.
Und wenn man sich jetzt trifft, sich beim Bier in den Gesichtern der anderen spiegelt, sieht man vergangene 20 Jahre. Man sieht sie, aber man fühlt sie nicht. Man fühlt noch das Meutern. Und ist erstaunt, wie lange das her sein soll. „20 Jahre“, sagt man sich, „wow“. Es ist ein erstauntes „Wow“. Und eines, das ironisch wirkt. Wie ein plötzlich an Land gespülter Rettungsring mit der Aufschrift: „DDR“.
Gedichte schreibt schon lang keiner mehr. Die meisten kommen auch kaum noch zum Lesen. Nur einer hat im Selbstverlag Geschichten von damals veröffentlicht. Wow.
Aus dem Gitarristen ist ein Physiotherapeut und Vater geworden, aus dem langmähnigen Schlagzeuger ein Regisseur mit kurzen Haaren. Er inszeniert gerade „Als wir träumten“ von Clemens Meyer. Vor- und Nachwende-Erfahrungen ostdeutscher Jugendlicher. Es lässt einen eben nicht los. Und das ist, was uns noch immer verbindet, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer.
Sonntag, 27. September 2009
103 | Crossover
Wahlsonntag. Morgens, halb sieben. Die U-Bahn schüttelt die letzten Säufer raus: Rotäugige Pubertierende, nicht älter als fünfzehn, mit MP3-Autismus oder Handydisco. Am Alexanderplatz stoben Krähen wie Aasgeier auf. Erbrochenes und Zerschlagenes bleibt vorerst liegen. „Schwarz zu blau“ singt Peter Fox. Klingt beinahe nach einem Koalitionsstatement.
Nach sieben Jahren, hörte ich einmal, sollen alle Atome unseres Körpers durch neue ersetzt worden sein. Keine Ahnung, ob es so eine Rundumerneuerung tatsächlich gibt. Wir altern ja trotzdem. Mit Berlin verhält es sich ähnlich. Nach sieben Jahren bleibt alles anders. Straßen werden aufgerissen und vernarben, Häuser verschwinden und entstehen. Berlins Aasgeier fressen von der Prometheus-Fettleber des Wappentanzbären als wäre es Kavier.
Mittags. Im „Monsieur Vuong“, dem vietnamesischen Restaurant in der Alten Schönhauser, brennt eine der Kellnerinnen für ihre Hausgötter drei Räucherstäbchen an. „Glaubst du ans Schicksal?“, fragt sie den Barkeeper. Der zuckt mit den Schultern.
Es ist nett hier, finde ich. Es ist leer. Aus den Lautsprechern schwoft Tango Argentino in die Kulisse, die wie eine sonnige Erinnerung mit Filmmusik sich selbst feiert.
Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass der Tango aus „Schindlers Liste“ mit dem Tango aus „Der Duft der Frauen“ identisch ist? Ein Tango, den man vielleicht nur wahrhaftig fühlen oder tanzen kann, wenn man die entscheidenden Erfahrungen seines Lebens bereits gemacht hat. Es ist ein Tango Argentino von Carlos Gardel: „Por Una Cabeza“. 1935, als das Stück aufgenommen wurde und Gardel sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere befand, stürzte er mit einem Flugzeug ab. Bildhafter geht´s nicht.
Nachmittag. Im „Keyser Soze“ (Tucholskystr. 33) gibt es Frühstück bis 18.00 Uhr, wenn die Wahllokale zur Abendbrotzeit schließen. Alles geht und gilt eben wenig. Alles ist Stilmix, wie die Musik: Sade feat. Carlos Santana (zumindest klingt es so). Oder wie die Bestuhlung: Abgeranztes aus der Kaiserzeit vs. Panton Chairs. Wie wär´s, kommt es mir in den Unsinn, wenn jeder zu wählende Abgeordnete seinen zu ihm passenden Sitz aus dem Vitra-Designmuseum geliehen bekäme? Eben Kayser-Sozen-Stilmix kontra Einheitssoßen-Wahlversprechen.
Früher, als es noch einen Kaiser und einen Tucholsky gab, hieß die Straße Artilleriestraße. In der Nummer 31 befand sich eine Synagoge, in der Nummer 16 eine Kneipe. Die sich daran noch erinnern, werden wohl immer weniger.
Und der Rest? Berlin sieht nicht so aus, als würde die Stadt sich vom Sommer verabschieden wollen. Man nimmt die Nachmittagssonne so selbstverständlich hin wie die zahlreichen Touristen, die den Hackeschen Markt und die Oranienburger bevölkern.
Im Monbijou-Park, wo einmal ein Schloss stand, sonnen sich sogar noch einige. Andere fotografieren, Einheimische grillen.
Aber das Krähengekrächze wird immer aufdringlicher. Es klingt nach Blätterfall und nach November. Das Kommende ist bekannt. Nach der Wahl ist vor der Wahl.
Ich bin müde und gehe dennoch meine zwei Kreuze machen. Drei wären mir allerdings lieber.
Nach sieben Jahren, hörte ich einmal, sollen alle Atome unseres Körpers durch neue ersetzt worden sein. Keine Ahnung, ob es so eine Rundumerneuerung tatsächlich gibt. Wir altern ja trotzdem. Mit Berlin verhält es sich ähnlich. Nach sieben Jahren bleibt alles anders. Straßen werden aufgerissen und vernarben, Häuser verschwinden und entstehen. Berlins Aasgeier fressen von der Prometheus-Fettleber des Wappentanzbären als wäre es Kavier.
Mittags. Im „Monsieur Vuong“, dem vietnamesischen Restaurant in der Alten Schönhauser, brennt eine der Kellnerinnen für ihre Hausgötter drei Räucherstäbchen an. „Glaubst du ans Schicksal?“, fragt sie den Barkeeper. Der zuckt mit den Schultern.
Es ist nett hier, finde ich. Es ist leer. Aus den Lautsprechern schwoft Tango Argentino in die Kulisse, die wie eine sonnige Erinnerung mit Filmmusik sich selbst feiert.
Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass der Tango aus „Schindlers Liste“ mit dem Tango aus „Der Duft der Frauen“ identisch ist? Ein Tango, den man vielleicht nur wahrhaftig fühlen oder tanzen kann, wenn man die entscheidenden Erfahrungen seines Lebens bereits gemacht hat. Es ist ein Tango Argentino von Carlos Gardel: „Por Una Cabeza“. 1935, als das Stück aufgenommen wurde und Gardel sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere befand, stürzte er mit einem Flugzeug ab. Bildhafter geht´s nicht.
Nachmittag. Im „Keyser Soze“ (Tucholskystr. 33) gibt es Frühstück bis 18.00 Uhr, wenn die Wahllokale zur Abendbrotzeit schließen. Alles geht und gilt eben wenig. Alles ist Stilmix, wie die Musik: Sade feat. Carlos Santana (zumindest klingt es so). Oder wie die Bestuhlung: Abgeranztes aus der Kaiserzeit vs. Panton Chairs. Wie wär´s, kommt es mir in den Unsinn, wenn jeder zu wählende Abgeordnete seinen zu ihm passenden Sitz aus dem Vitra-Designmuseum geliehen bekäme? Eben Kayser-Sozen-Stilmix kontra Einheitssoßen-Wahlversprechen.
Früher, als es noch einen Kaiser und einen Tucholsky gab, hieß die Straße Artilleriestraße. In der Nummer 31 befand sich eine Synagoge, in der Nummer 16 eine Kneipe. Die sich daran noch erinnern, werden wohl immer weniger.
Und der Rest? Berlin sieht nicht so aus, als würde die Stadt sich vom Sommer verabschieden wollen. Man nimmt die Nachmittagssonne so selbstverständlich hin wie die zahlreichen Touristen, die den Hackeschen Markt und die Oranienburger bevölkern.
Im Monbijou-Park, wo einmal ein Schloss stand, sonnen sich sogar noch einige. Andere fotografieren, Einheimische grillen.
Aber das Krähengekrächze wird immer aufdringlicher. Es klingt nach Blätterfall und nach November. Das Kommende ist bekannt. Nach der Wahl ist vor der Wahl.
Ich bin müde und gehe dennoch meine zwei Kreuze machen. Drei wären mir allerdings lieber.
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