Am Wochenende befand ich mich bei ungeahnt mildem Wetter in Dresden. Ein liebes Freundespaar heiratete, und die Sonne erwärmte sich ordentlich für sie.
Nach einer Art Polterabend in der Wohnung der Brautleute zog ich vor Mitternacht mit dem Bräutigam und seinen männlichen Gästen zur Junggesellennacht aus. Es ging zur Wiedereröffnung der legendären Kakadu-Bar im Stadtteil Weißer Hirsch. Sogar ein Film wurde vor 3 Jahren danach benannt („Der rote Kakadu“), aber der floppte.
In den 50ern war die Bar ein szeniges Tanzlokal, ein Jazz- und Rock´n´Roll-Keller. Jetzt tanzt dort Schicki mit Micki, paffen Designerbrillen teure Zigarren am Tresen.
Die Inneneinrichtung der Bar ist schon beeindruckend, die Kellner sind perfekt gekleidet und geschult. Da lässt sich nichts sagen. Aber der Kakadu wurde wiederbelebt und auf schwarze Zahlen abgerichtet, womit der Mythos stirbt. Denn der Geldadel bringt selten wahre Rock´n´Roller zum Vorschein. Der Mythos wird von Anzugträgern totgetanzt, die sich steifhüftig vor schönen Frauen bewegen. Als Beobachter kam ich mir wie ein „Englishman in New York“ vor, nur eben umgekehrt. Und trotz der schummrig-warmen Beleuchtung fröstelte es mich deshalb ein wenig.
Nach viel zu wenig Schlaf ging es morgens zum Standesamt der prachtvollen Villa Weigang, in der jeden Sonnabend 20 Paare heiraten.
„Bitte Ruhe! Eheschließung!“ empfängt eines von vielen typisch deutschen Schildern, bevor alle Beteiligten kleinlaut die neu-kurfürstliche Amtsstube betreten. Gerade mal „ja“ durfte das Brautpaar nach einer gewöhnlichen Zeremonie sagen.
Entspannt lief unsere Gesellschaft hinterher an der Elbe entlang zum berühmten SchillerGarten, wo direkt neben dem Blauen Wunder erstklassig gebruncht werden sollte.
Schiller war zwischen 1785 und 1787 auf der gegenüberliegenden Elbseite Gast eines Freundeskreises um Christian Gottfried Körner, Vater des dichtenden Befreiungskriegers Theodor. Man kümmerte sich um den mittellosen Schiller. Und Körner wurde für ihn nach dessen Tod nicht nur Verleger der ersten Gesamtausgabe seiner Werke, sondern zu Lebzeiten neben Goethe auch wichtigster Freund. Von der körnerschen Gastfreundschaft begeistert schrieb Schiller seine „Ode an die Freude“.
In der später nach Schiller benannten Schankwirtschaft lernte der Dichter Justine, die anmutige Tochter der Wirtin, kennen, welche ab und zu die Gäste bediente. Sie musste, nachdem sie ihm sein Glas Milch gebracht hatte, mit ihrer schönen Stimme am Spinett vorsingen. Schauspielerin sollte sie werden, befand Schiller enthusiastisch. Aber das schickte sich damals nicht. So wurde sie Anwaltsgattin und Senatorenwitwe, bevor sie 93-jährig verstarb. Schiller machte sie aber zuvor als „Gustel von Blasewitz“ im Wallenstein unsterblich. Und hätte Schiller wie ich das Rührei mit Lachs im SchillerGarten genießen dürfen, hätte er sicherlich eine weitere Ode geschrieben.
Am Ende einer nachmittäglichen Auszeit fand die eigentliche Hochzeitsfeier auf dem Schloss Nöthnitz statt, was einmal „Viehhof“ bedeutete und nun für Studienzwecke oder Feierlichkeiten zugänglich ist.
Bis heute ist nicht nur der Baumeister des Renaissance-Schlosses unbekannt, sondern für viele Dresdner sogar das Schloss selbst. Obwohl es nur 10 Autominuten vor der Landeshauptstadt liegt, musste der Taxifahrer gelotst werden.
Dabei ist das Anwesen durch Winckelmann berühmt geworden, welcher als erster Kunsthistoriker und Archäologe überhaupt gilt. Der Sohn eines Schusters arbeitete von 1748 bis 1754 in der Bibliothek des Schlosses und durfte die 40.000 Bücher umfassende Sammlung für private Forschungen nutzen. Nach Dienst, versteht sich. Was hieß, dass er sich von 3.00 Uhr bis 7.00 Uhr morgens und ab Feierabend bis weit in die Nacht mit der Antike beschäftigte. Offenbar kam der Mann ohne Schlaf aus.
Später unternahm er Studienreisen nach Italien, verfasste wissenschaftliche Schriften und sorgte dadurch dafür, dass der Klassizismus den Rokoko ablöste.
Mit 50 Jahren fiel Winckelmann einem Raubmörder zum Opfer. Da der Kunsthistoriker schwul war, könnte das bei seinem Tod allerdings auch eine gewisse Rolle gespielt haben.
Ganz klar, dass viele der Schlossräume mit Bücherschränken, Abgüssen römischer Skulpturen und Veduten-Stichen ausgestattet sind. Der Rokoko-Festsaal jedoch atmet ganz den Geist des Ancien Régime: herrschaftliche Ölgemälde vor heller Purpurtapete aus Damast, ein stucküberdachter Kronleuchter in der Mitte des Raumes.
Aber vor allem das Abendmenü sorgte dafür, dass ich mich recht nobel fühlen konnte: Vitello tonnato und andere Antipasti eröffneten nach der Rede des Bräutigams den lukullischen Reigen. Mit Poularde, Rinderragout oder gefüllten Crépes, Weiß- oder Rotwein tanzte die Zunge sich vor zum Dessert. Wahlweise gab es Zuppa inglese, Tiramisú oder Apfeltarte aus Blätterteig. Dazu Crémant und natürlich Prosecco.
Die Gäste rekrutierten sich aus Schauspielern, Musikern und anderen Kreativen. Statt dröger Sättigungsspielchen und vieler Reden wurde am Flügel gespielt und gesungen.
Bevor es um Mitternacht ans Tanzen ging, spielten die zwei engagierten DJ´s Free Jazz. Ich als Banause sah, dass sie ihr Saxophon und Schlagzeug beherrschten, aber hörte es nicht.
Insgesamt hielten mich meine Begeisterung und die netten Gespräche bis in die frühen Morgenstunden wach. Und die Begeisterung hält noch an.
Diese Hochzeit war nicht nur im eigentlichen Wortsinn ein Fest. Denn ich traf jede Menge Menschen, die nicht nur interessant, sondern vor allem auch sympathisch waren. So wie Dresden, in das ich mich von Besuch zu Besuch mehr vergucke. Nu, nu!
Dienstag, 18. September 2007
Donnerstag, 6. September 2007
088 | Summer´s almost gone
Lebkuchen zum Kaffee, Regen wie im Oktober und mit Strickjacke am Schreibtisch sitzen. All das deprimiert mich nicht wirklich. Mit etwas mehr Zeit würde ich das Couchwetter sogar genießen. Aber wenn ich „Fallende Blätter“ von Element of Crime höre oder „Summer´s almost gone“ von den Doors, dann wird mir schon zugig ums Gemüt. Eben dort, wo es vor kurzem noch leise liebliches Geläute gab.
Irgendwie endet jedes Jahr mit dieser September-Melancholie. Denn was danach kommt, ist kaum erwähnenswert. Um so schlimmer, wenn die Bäume jetzt noch auf Grün stehen und selbst Altweibersommertage als Frist das Ende höchstens verlängern helfen.
Dieser Sommer war nicht groß, beseh´ ich mir die magere Ausbeute: viel Arbeit und wenig Muße zum satt werden. Allerdings gab es gute und bessere Momente. So war ich bei einem SEEED-Konzert und tanzte gleich auf mehreren Hochzeiten. Ich saß aber nicht ein einziges Mal im Biergarten oder am Meer. Dafür in Mecklenburgs Mitte, wo es wegen der Einsamkeit weitaus schöner sein kann.
Und wie ich diese Landschaft liebe! Den Geruch von Wasser, Wildwiesen und Wäldern. Den Anblick zerfallener Gehöfte und liebevoll sanierter Katen.
Auf Mecklenburgs Seenplatte gibt es Himmel im Großbildformat, mit Schwalbenschrillen und mehr sichtbaren Feldsteinen als Menschen.
Mich fasziniert, dass es so bereits in meiner Kindheit war und wohl auch vor 200 Jahren. Nur stehen heute andere Bengel an der Elde in Plau und angeln wie Huck Finn nach Barschen.
Stehen bleiben. Gedanklich zurückreisen. So immunisiert sich der Großstadtallergiker.
Gern würde ich wie Eichendorffs Taugenichts mein Ränzlein packen und in die weite Welt hinauswandern. Dem Sommer und der Romantik hinterher. Und vielleicht tue ich es auch eines Tages. Wenn es möglich und Zeit ist. Durch Brandenburg nach Norden. Oder südwestlich in den Harz. Mit Fontane oder Heine als Begleiter.
Diesen Sommer ging ich höchstens spazieren, am Nordrand der Schwäbischen Alb. Hätte ich Urlaubskarten verschickt, stünde auf ihnen: Wetter gut, Landschaft gut, Essen gut.
Hätte ich einen langen Brief nach Hause verfasst, schriebe ich, dass mir die Heimat fehlt. Und damit meine ich die Natur, die einen Dialekt spricht, welchen das Herz am besten versteht.
Draußen wird es bereits dunkel und richtig kalt.
Aber ehe ich noch die letzte, die existentielle Strophe aus Rilkes „Herbsttag“ deklamiere, lautet mein lapidares Fazit:
Der Sommer war nicht groß, aber: Herr, es ist Zeit!
Irgendwie endet jedes Jahr mit dieser September-Melancholie. Denn was danach kommt, ist kaum erwähnenswert. Um so schlimmer, wenn die Bäume jetzt noch auf Grün stehen und selbst Altweibersommertage als Frist das Ende höchstens verlängern helfen.
Dieser Sommer war nicht groß, beseh´ ich mir die magere Ausbeute: viel Arbeit und wenig Muße zum satt werden. Allerdings gab es gute und bessere Momente. So war ich bei einem SEEED-Konzert und tanzte gleich auf mehreren Hochzeiten. Ich saß aber nicht ein einziges Mal im Biergarten oder am Meer. Dafür in Mecklenburgs Mitte, wo es wegen der Einsamkeit weitaus schöner sein kann.
Und wie ich diese Landschaft liebe! Den Geruch von Wasser, Wildwiesen und Wäldern. Den Anblick zerfallener Gehöfte und liebevoll sanierter Katen.
Auf Mecklenburgs Seenplatte gibt es Himmel im Großbildformat, mit Schwalbenschrillen und mehr sichtbaren Feldsteinen als Menschen.
Mich fasziniert, dass es so bereits in meiner Kindheit war und wohl auch vor 200 Jahren. Nur stehen heute andere Bengel an der Elde in Plau und angeln wie Huck Finn nach Barschen.
Stehen bleiben. Gedanklich zurückreisen. So immunisiert sich der Großstadtallergiker.
Gern würde ich wie Eichendorffs Taugenichts mein Ränzlein packen und in die weite Welt hinauswandern. Dem Sommer und der Romantik hinterher. Und vielleicht tue ich es auch eines Tages. Wenn es möglich und Zeit ist. Durch Brandenburg nach Norden. Oder südwestlich in den Harz. Mit Fontane oder Heine als Begleiter.
Diesen Sommer ging ich höchstens spazieren, am Nordrand der Schwäbischen Alb. Hätte ich Urlaubskarten verschickt, stünde auf ihnen: Wetter gut, Landschaft gut, Essen gut.
Hätte ich einen langen Brief nach Hause verfasst, schriebe ich, dass mir die Heimat fehlt. Und damit meine ich die Natur, die einen Dialekt spricht, welchen das Herz am besten versteht.
Draußen wird es bereits dunkel und richtig kalt.
Aber ehe ich noch die letzte, die existentielle Strophe aus Rilkes „Herbsttag“ deklamiere, lautet mein lapidares Fazit:
Der Sommer war nicht groß, aber: Herr, es ist Zeit!
Sonntag, 8. Juli 2007
087 | "Die schönsten Franzosen kommen aus New York"
Gestern war ich in der Neuen Nationalgalerie, um mir die französischen Meisterwerke aus dem 19. Jahrhundert anzusehen, welche das New Yorker Metropolitan Museum of Art ausgeliehen hatte. Nach der MoMA also ein weiteres Massenspektakel.
Obwohl ich mir vor und zu Bildern gerne eigene Gedanken mache, gönnte ich mir einen Audioguide. Das hatte den Vorteil, dass ich mehr sah, weil ich mehr erfuhr. Außerdem bekam ich nicht viel von den überflüssigen Bemerkungen der anderen Ausstellungsbesucher mit. Nur einmal hörte ich einen Mann sagen: „Hier kann ich mich nicht in die Bilder versenken!“ Was hatte er auch erwartet? Man geht ja schließlich nicht in die Disco und beschwert sich darüber, dass man sich nicht in Ruhe unterhalten könne.
Mir gelang hingegen die zeitweilige Zwiesprache mit den Gemälden. Mal halfen die ersten Takte von Debussys „Clair de lune“ nach, mal sprach mich ein Bild direkt beim Vornamen an. Und es waren nicht immer die bekanntesten. Hier eine Idylle aus farbigem Licht, dort ein entrückter Gesichtsausdruck. Ich konnte mich in der „Disco“ tatsächlich etwas „versenken“. Es war wie eine VIP-Party, auf die ich mich gefreut hatte, bei der ich innehielt und die Prominenz in Ruhe betrachtete: Ingres, Degas, Manet, Monet, Renoir, Cézanne, Gauguin, Van Gogh ...
Auf einen alten Bekannten freute ich mich ganz besonders: Modigliani! Hier rückte er wieder in mein Bewusstsein, mit seinen Porträts und Akten voller Poesie. Obwohl Konturen und Flächen auf das Wesentliche zurückgeworfen sind, lassen sich Tiefe und Melancholie perfekt ausloten. Hinterstrahlt von Künstlerlegende und finaler Tragik: 1920 starb der junge alkoholkranke Bohemian an Typhus und ließ eine schwangere Frau und ein kleines Mädchen zurück. Aber Jeanne, so hieß seine 19-jährige Geliebte, stürzte sich einen Tag später vom Dach ihres Hauses in den Tod.
Modiglianis Tochter wuchs bei einer Tante in Florenz auf und wurde später die Biografin ihres Vaters. Eine therapeutische Lebensaufgabe.
Vor vielen Jahren reizte es mich, so zu leben wie Modigliani. Oder wie Jim Morrison. Nur wollte ich natürlich nicht so enden. Dann lieber wie Oscar Wildes Dorian Gray, der alle erdenklichen Gifte in sich aufnimmt, welche man ihm aber nicht ansieht. Eine alterslose Stil-Ikone der Jugend. Heute betrachte ich das Altern als philosophische Notwendigkeit, um sinnvoll mit dem Zeit-Guthaben umzugehen. Und ich lebe meistens vernünftig. Das ist die Voraussetzung für Dauer und Zufriedenheit. Aber das reicht natürlich nicht. Manchmal muss man sich eben etwas Gift unter die Hausmannskost mischen, um auf das Wesentliche zurückgeworfen zu werden, um Tiefe und Melancholie auszuloten.
Ließen mich die drei ausgestellten Modigliani-Bilder still und nachdenklich werden, so entzündeten Van Goghs „Schwertlilien“ und „Zypressen“ ein regelrechtes Feuer der Begeisterung in mir. Van Goghs Malerei muss man im Original betrachten, um sie fühlen zu können. Eine wahnsinnige Lebensgier scheint den glühenden Pinsel geführt zu haben, der züngelnde und qualmende Spuren hinterließ. Denn bei Van Gogh war alles Opferfeuer für die Sonne.
Die „schönsten Franzosen“ oder die Créme de la créme aus New York ist massengefällige Kunst, keine Frage. Aber das war sie ja nicht immer. Und wenn man seinen eigenen Weg durch die Ausstellung nimmt, seine Erfahrung in den Bildern widerspiegelt, dann hat das Ganze auch bewusstseinserweiterndes Potential. Man muss nur genau hinsehen.
Die VIP-Party ist übrigens noch bis zum 7. Oktober in vollem Gange.
Obwohl ich mir vor und zu Bildern gerne eigene Gedanken mache, gönnte ich mir einen Audioguide. Das hatte den Vorteil, dass ich mehr sah, weil ich mehr erfuhr. Außerdem bekam ich nicht viel von den überflüssigen Bemerkungen der anderen Ausstellungsbesucher mit. Nur einmal hörte ich einen Mann sagen: „Hier kann ich mich nicht in die Bilder versenken!“ Was hatte er auch erwartet? Man geht ja schließlich nicht in die Disco und beschwert sich darüber, dass man sich nicht in Ruhe unterhalten könne.
Mir gelang hingegen die zeitweilige Zwiesprache mit den Gemälden. Mal halfen die ersten Takte von Debussys „Clair de lune“ nach, mal sprach mich ein Bild direkt beim Vornamen an. Und es waren nicht immer die bekanntesten. Hier eine Idylle aus farbigem Licht, dort ein entrückter Gesichtsausdruck. Ich konnte mich in der „Disco“ tatsächlich etwas „versenken“. Es war wie eine VIP-Party, auf die ich mich gefreut hatte, bei der ich innehielt und die Prominenz in Ruhe betrachtete: Ingres, Degas, Manet, Monet, Renoir, Cézanne, Gauguin, Van Gogh ...
Auf einen alten Bekannten freute ich mich ganz besonders: Modigliani! Hier rückte er wieder in mein Bewusstsein, mit seinen Porträts und Akten voller Poesie. Obwohl Konturen und Flächen auf das Wesentliche zurückgeworfen sind, lassen sich Tiefe und Melancholie perfekt ausloten. Hinterstrahlt von Künstlerlegende und finaler Tragik: 1920 starb der junge alkoholkranke Bohemian an Typhus und ließ eine schwangere Frau und ein kleines Mädchen zurück. Aber Jeanne, so hieß seine 19-jährige Geliebte, stürzte sich einen Tag später vom Dach ihres Hauses in den Tod.
Modiglianis Tochter wuchs bei einer Tante in Florenz auf und wurde später die Biografin ihres Vaters. Eine therapeutische Lebensaufgabe.
Vor vielen Jahren reizte es mich, so zu leben wie Modigliani. Oder wie Jim Morrison. Nur wollte ich natürlich nicht so enden. Dann lieber wie Oscar Wildes Dorian Gray, der alle erdenklichen Gifte in sich aufnimmt, welche man ihm aber nicht ansieht. Eine alterslose Stil-Ikone der Jugend. Heute betrachte ich das Altern als philosophische Notwendigkeit, um sinnvoll mit dem Zeit-Guthaben umzugehen. Und ich lebe meistens vernünftig. Das ist die Voraussetzung für Dauer und Zufriedenheit. Aber das reicht natürlich nicht. Manchmal muss man sich eben etwas Gift unter die Hausmannskost mischen, um auf das Wesentliche zurückgeworfen zu werden, um Tiefe und Melancholie auszuloten.
Ließen mich die drei ausgestellten Modigliani-Bilder still und nachdenklich werden, so entzündeten Van Goghs „Schwertlilien“ und „Zypressen“ ein regelrechtes Feuer der Begeisterung in mir. Van Goghs Malerei muss man im Original betrachten, um sie fühlen zu können. Eine wahnsinnige Lebensgier scheint den glühenden Pinsel geführt zu haben, der züngelnde und qualmende Spuren hinterließ. Denn bei Van Gogh war alles Opferfeuer für die Sonne.
Die „schönsten Franzosen“ oder die Créme de la créme aus New York ist massengefällige Kunst, keine Frage. Aber das war sie ja nicht immer. Und wenn man seinen eigenen Weg durch die Ausstellung nimmt, seine Erfahrung in den Bildern widerspiegelt, dann hat das Ganze auch bewusstseinserweiterndes Potential. Man muss nur genau hinsehen.
Die VIP-Party ist übrigens noch bis zum 7. Oktober in vollem Gange.
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