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Donnerstag, 6. September 2007

088 | Summer´s almost gone

Lebkuchen zum Kaffee, Regen wie im Oktober und mit Strickjacke am Schreibtisch sitzen. All das deprimiert mich nicht wirklich. Mit etwas mehr Zeit würde ich das Couchwetter sogar genießen. Aber wenn ich „Fallende Blätter“ von Element of Crime höre oder „Summer´s almost gone“ von den Doors, dann wird mir schon zugig ums Gemüt. Eben dort, wo es vor kurzem noch leise liebliches Geläute gab.
Irgendwie endet jedes Jahr mit dieser September-Melancholie. Denn was danach kommt, ist kaum erwähnenswert. Um so schlimmer, wenn die Bäume jetzt noch auf Grün stehen und selbst Altweibersommertage als Frist das Ende höchstens verlängern helfen.

Dieser Sommer war nicht groß, beseh´ ich mir die magere Ausbeute: viel Arbeit und wenig Muße zum satt werden. Allerdings gab es gute und bessere Momente. So war ich bei einem SEEED-Konzert und tanzte gleich auf mehreren Hochzeiten. Ich saß aber nicht ein einziges Mal im Biergarten oder am Meer. Dafür in Mecklenburgs Mitte, wo es wegen der Einsamkeit weitaus schöner sein kann.
Und wie ich diese Landschaft liebe! Den Geruch von Wasser, Wildwiesen und Wäldern. Den Anblick zerfallener Gehöfte und liebevoll sanierter Katen.
Auf Mecklenburgs Seenplatte gibt es Himmel im Großbildformat, mit Schwalbenschrillen und mehr sichtbaren Feldsteinen als Menschen.
Mich fasziniert, dass es so bereits in meiner Kindheit war und wohl auch vor 200 Jahren. Nur stehen heute andere Bengel an der Elde in Plau und angeln wie Huck Finn nach Barschen.
Stehen bleiben. Gedanklich zurückreisen. So immunisiert sich der Großstadtallergiker.

Gern würde ich wie Eichendorffs Taugenichts mein Ränzlein packen und in die weite Welt hinauswandern. Dem Sommer und der Romantik hinterher. Und vielleicht tue ich es auch eines Tages. Wenn es möglich und Zeit ist. Durch Brandenburg nach Norden. Oder südwestlich in den Harz. Mit Fontane oder Heine als Begleiter.

Diesen Sommer ging ich höchstens spazieren, am Nordrand der Schwäbischen Alb. Hätte ich Urlaubskarten verschickt, stünde auf ihnen: Wetter gut, Landschaft gut, Essen gut.
Hätte ich einen langen Brief nach Hause verfasst, schriebe ich, dass mir die Heimat fehlt. Und damit meine ich die Natur, die einen Dialekt spricht, welchen das Herz am besten versteht.

Draußen wird es bereits dunkel und richtig kalt.
Aber ehe ich noch die letzte, die existentielle Strophe aus Rilkes „Herbsttag“ deklamiere, lautet mein lapidares Fazit:

Der Sommer war nicht groß, aber: Herr, es ist Zeit!

Sonntag, 8. Juli 2007

087 | "Die schönsten Franzosen kommen aus New York"

Gestern war ich in der Neuen Nationalgalerie, um mir die französischen Meisterwerke aus dem 19. Jahrhundert anzusehen, welche das New Yorker Metropolitan Museum of Art ausgeliehen hatte. Nach der MoMA also ein weiteres Massenspektakel.

Obwohl ich mir vor und zu Bildern gerne eigene Gedanken mache, gönnte ich mir einen Audioguide. Das hatte den Vorteil, dass ich mehr sah, weil ich mehr erfuhr. Außerdem bekam ich nicht viel von den überflüssigen Bemerkungen der anderen Ausstellungsbesucher mit. Nur einmal hörte ich einen Mann sagen: „Hier kann ich mich nicht in die Bilder versenken!“ Was hatte er auch erwartet? Man geht ja schließlich nicht in die Disco und beschwert sich darüber, dass man sich nicht in Ruhe unterhalten könne.
Mir gelang hingegen die zeitweilige Zwiesprache mit den Gemälden. Mal halfen die ersten Takte von Debussys „Clair de lune“ nach, mal sprach mich ein Bild direkt beim Vornamen an. Und es waren nicht immer die bekanntesten. Hier eine Idylle aus farbigem Licht, dort ein entrückter Gesichtsausdruck. Ich konnte mich in der „Disco“ tatsächlich etwas „versenken“. Es war wie eine VIP-Party, auf die ich mich gefreut hatte, bei der ich innehielt und die Prominenz in Ruhe betrachtete: Ingres, Degas, Manet, Monet, Renoir, Cézanne, Gauguin, Van Gogh ...
Auf einen alten Bekannten freute ich mich ganz besonders: Modigliani! Hier rückte er wieder in mein Bewusstsein, mit seinen Porträts und Akten voller Poesie. Obwohl Konturen und Flächen auf das Wesentliche zurückgeworfen sind, lassen sich Tiefe und Melancholie perfekt ausloten. Hinterstrahlt von Künstlerlegende und finaler Tragik: 1920 starb der junge alkoholkranke Bohemian an Typhus und ließ eine schwangere Frau und ein kleines Mädchen zurück. Aber Jeanne, so hieß seine 19-jährige Geliebte, stürzte sich einen Tag später vom Dach ihres Hauses in den Tod.
Modiglianis Tochter wuchs bei einer Tante in Florenz auf und wurde später die Biografin ihres Vaters. Eine therapeutische Lebensaufgabe.

Vor vielen Jahren reizte es mich, so zu leben wie Modigliani. Oder wie Jim Morrison. Nur wollte ich natürlich nicht so enden. Dann lieber wie Oscar Wildes Dorian Gray, der alle erdenklichen Gifte in sich aufnimmt, welche man ihm aber nicht ansieht. Eine alterslose Stil-Ikone der Jugend. Heute betrachte ich das Altern als philosophische Notwendigkeit, um sinnvoll mit dem Zeit-Guthaben umzugehen. Und ich lebe meistens vernünftig. Das ist die Voraussetzung für Dauer und Zufriedenheit. Aber das reicht natürlich nicht. Manchmal muss man sich eben etwas Gift unter die Hausmannskost mischen, um auf das Wesentliche zurückgeworfen zu werden, um Tiefe und Melancholie auszuloten.

Ließen mich die drei ausgestellten Modigliani-Bilder still und nachdenklich werden, so entzündeten Van Goghs „Schwertlilien“ und „Zypressen“ ein regelrechtes Feuer der Begeisterung in mir. Van Goghs Malerei muss man im Original betrachten, um sie fühlen zu können. Eine wahnsinnige Lebensgier scheint den glühenden Pinsel geführt zu haben, der züngelnde und qualmende Spuren hinterließ. Denn bei Van Gogh war alles Opferfeuer für die Sonne.

Die „schönsten Franzosen“ oder die Créme de la créme aus New York ist massengefällige Kunst, keine Frage. Aber das war sie ja nicht immer. Und wenn man seinen eigenen Weg durch die Ausstellung nimmt, seine Erfahrung in den Bildern widerspiegelt, dann hat das Ganze auch bewusstseinserweiterndes Potential. Man muss nur genau hinsehen.

Die VIP-Party ist übrigens noch bis zum 7. Oktober in vollem Gange.

Freitag, 18. Mai 2007

086 | Alte Karten und Briefe

Meine größten Schätze bewahre ich im Oberstübchen auf: in zwei Kartons auf dem Dachboden. In dem einen befinden sich Fotos und Schriftstücke meiner Familiengeschichte, in dem anderen Briefe und Ansichtskarten, die ich früher erhielt.
Die erste Post erreichte mich bei der Kur. Da war ich vier Jahre alt und fühlte mich sehr einsam, denn Mutter-Kind-Kuren waren noch nicht erfunden. Die Prinzenrolle von meiner West-Oma, welche Knabbertrost hätte spenden können, wurde mir aus Gründen einer ausgewogenen Ernährung abgenommen und beim separaten Kaffeekränzchen meiner Erzieherinnen konsequent vernichtet. Ich sah es, als ich mich wegen irgendeiner Frage vertrauensvoll an sie wenden wollte.
Abends sang Reinhard Lakomy melancholisch zu Sandmanns Abendgruß:
"Geschichten erzählen von Freude und Fleiß, Geschichten erzählen, die noch keiner weiß. Frag doch die Leute, frag doch die Leute ... frag die Leut." Da wurde ich noch trauriger.
Wie unbeschwert sahen dagegen meine Eltern auf dem alten Hochzeitsfoto aus, das ich mir an einen freien Nagel übers Bett gehängt hatte. Von ihnen erhielt ich die meiste Post, vor allem Ansichtskarten, weil ich noch nicht lesen konnte. Ich sah sie mir immer vor dem Einschlafen an. Nach vier Wochen konnte ich die Karten bereits thematisch sortieren: Tiere, Sandmannfiguren, Karten mit Berlinmotiven, Karten aus dem Indianermuseum Radebeul, Szenen aus Rotkäppchen. Dieses Märchen spielte ich als erstes nach, schließlich kannte ich es auswendig. Später dachte ich mir Dialoge für die Kartentieren aus. Die Rückseite eines Stuhles war meine Puppentheaterbühne.
Briefe, welche meine Erzieherin nach Hause schickte, sind ebenfalls erhalten. Ich zeichnete dazu mit dem Buntstift Schiffe, Häuser und Gärten, aber auch einen Jungen mit Schirmmütze, der an vielen Luftballons hängt und am Fernsehturm vorbeifliegt, nach Hause.
Als mich meine Eltern vom Bahnhof abholten, sollte ich sagen, welche Veränderung ich bei meinem Vater feststellen konnte. Eine neue Jacke? Die Sonnenbrille? Ich wusste es nicht. Es war der Bart. Mein Vater hatte sich einen Vollbart wachsen lassen, und mir war es nicht aufgefallen.

Die Post, die ich im Ferienlager erhielt, erscheint mir heute weniger bedeutsam, obwohl ich nach dem Mittagessen immer ganz aufgeregt war, ob was für mich dabei wäre. Wichtiger waren Briefe, die wir Kinder uns nach jedem melodramatischen Abschied zuschickten, als der Heimatalltag uns wieder hatte. Wir nahmen uns fürs nächste Jahr vor, gemeinsam im selben Durchgang dabei zu sein, was wegen der Urlaubsplanung unserer Eltern jedoch nicht immer klappte. Nach zwei, drei Briefwechseln schlief die Schreiblust stets wieder ein. “Aus den Augen, aus dem Sinn” hatte meine Mutter gesagt. Und ich wollte es nie wahrhaben.
Manchmal entspann sich jedoch eine Brieffreundschaft, die Jahre hielt, bis zum Ende der Kindheit oder spätestens bis zum Prüfungsstress in der 10. Klasse.

Die wertvollste Post ist aber die der Jugendlieben: Briefe mit Herzchen, Gedichten, gepressten Blättern. Manchmal auch nur ein herausgerissener Zettel mit einer Adresse, einem übermütigen oder schmollenden Satz.
Gestern las ich mir einiges davon durch. Eine Anke P. lernte ich 1988 kennen. Das heißt, wir sahen uns höchstens dreimal. Sie war in der 9. Klasse, ich in der 11. Die Herbstferien verbrachte sie bei einer Tante auf dem Dorf. Anke schrieb mir Tagebuch-Briefe. Von der Öde dort, aber auch von einer merkwürdigen Begegnung mit einem Hirsch. Der stand morgens so versteinert wie sie auf dem Waldweg und starrte sie an. Dann lief er weg. So ähnlich war das wohl auch mit uns. Unsere Wege kreuzten sich zufällig, und wir hatten noch keine Scheu voreinander, legten unsere Herzen bloß, liebten oder benutzten uns, bevor ich im Dickicht verschwand. Bis dahin war aber alles ungeplant und möglich. Obwohl sie Friseurin werden wollte.
Meine Briefe wurden von Ankes Mutter nachgeschickt. Ich schrieb – sie zitierte mich – irgendetwas mit “Friedhöfen” und “zu sich finden”. Wie das eben so ist mit 16 oder 17.

Es mag pathetisch sein, aber mit meiner Jugend ging auch die Ära des Briefeschreibens und In-sich-Hineinhorchens zu Ende. Denn Handyanrufe und E-Mails sind – philosophisch gesehen – kommunikatives Fastfood. Es sei denn, man druckt sich E-Mails aus. Aber selbst dann fehlt die Handschrift.
Trotz dieser Erkenntnis bin ich allerdings auch nicht mehr zum computerlosen Briefeschreiben zu bewegen, was schade ist. Ich hüte, wie gesagt, nur noch meinen angegilbten Hort im Oberstübchen.

Es ist schon verrückt, was in alten Briefen steht, wirkt oft so präsent, dass man gleich antworten möchte. Dabei wurde das meiste vor 20 Jahren aufgegeben. Und wie in Brechts Gedicht “Erinnerung an Marie A.” - “Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer” - kann ich mich an manchen Namen, manchen Kuss von manchem Mädchen nicht erinnern. Und das ist sogar mehr als traurig. Denn was wird bleiben von unseren Erinnerungen, unseren Gefühlen, Worten und Taten? Ein Pappkarton mit Versatzstücken. Manches davon ist allerdings Impuls für weitreichende Erinnerungen. Z.B. ein Telegramm, in dem steht, wann ich in Bansin am Zeltplatz-Büro erwartet werde. Ich war 18 und wollte trampen. Mein Rucksack hatte Übergewicht, aber in mir traten alle Bands aus Woodstock noch einmal auf. Und obwohl ich von so gut wie keinem Autofahrer mitgenommen wurde, kam ich irgendwann auf Usedom an. Da mich wegen eines Missverständnisses niemand erwartete, schlief ich allein direkt am Meer. Abends wurden Strandfeuer entzündet. Bei Sonnenaufgang badete ich in der Ostsee. Am Vormittag trampte ich zurück.

Was sie wohl heute machen? Die, die mich einmal erwarteten und die, welche mich sitzen ließen. Die Verführung, nach ihnen zu googlen, ist groß. Brecht hat das wohl geahnt, als er sein lyrisches Ich an den Kuss unter einer weiß blühenden Wolke und einem Pflaumenbaum erinnern lässt:
“Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen” ---
“Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind.
Doch jene Wolke blühte nur Minuten.
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.”