Vor mindestens 10 Jahren wollte ich hier her. Keine Ahnung, warum es damals nicht klappte. Ich weiß auch nicht mehr, wer mitkommen wollte. Wir waren jedenfall eine kleine Gruppe, deren Leidenschaft für romantische Spontanvorhaben ausgereicht hätte, um bis nach Sizilien und zurück zu marschieren. Wir wollten uns abends am Strand Storm-Novellen vorlesen, weil der uns näher stand als Hauptmann, und aus einer geleerten Flasche Wein eine gelehrte Flaschenpost machen. Aber irgendwer konnte dann doch nicht. Vielleicht sogar ich. Das zum Thema Spontanität. Heute ist das anders, obwohl ... Hätte ich meinen Hintern heute Vormittag noch etwas schwerer aus dem Bett gekriegt und mich dann nach den Fährzeiten erkundigt, wäre es sicher wieder nichts geworden. Dadurch hatte ich bis zur letzten Fähre von Neuendorf nach Schaprode gerade mal dreieinhalb Stunden Zeit für die Insel. Von den Pferdekutschen, der neben Rädern einzigen Fortbewegungsmöglichkeit, sah ich derweil nicht eine einzige. Aber ich bewegte mich auch erst am Weststrand und dann durch die Heide vorwärts. Nur hier und da eine reedgedeckte Fischerkate und dahinter der Leuchtturm von Dornbusch. Steht auf einem Schild vor den Häusern: "Frischer Sanddornlikör", dachte ich, werden dort Einheimische wohnen. Steht davor: "Privatbesitz. Betreten strengstens verboten!" werden es gestresste Künstler aus Berlin sein, die hier ihren Fluchtpunkt haben. Zäune sah ich indes kaum. Nur fleißig aufgehängte Wäsche versperrte den Blick ein wenig, machte das Gesamtbild jedoch stimmiger. Neben den Haustüren sind runenartige Zeichen befestigt, als wohnten dort nur Steinmetze oder Wikinger.
Der Wirt aus dem "Godewind" in Vitte erinnert allerdings eher an einen gemäßigten Altachtundsechziger. Sein Lokal ist urgemütlich. Etwas Pub-Atmosphäre mit regionalem Einschlag. Viel dunkles Holz, Kupfer, helle Fenster und: Ledersessel! Besseren Luxus konnte ich mir nach meinem zügigen Marsch von Neuendorf nicht denken. Und der zum Wernesgrüner servierte saftige Dorsch hätte mich beinahe verleitet, die Tickets für die letzte Fähre unter den Tisch fallen zu lassen.
Montag, 4. Februar 2002
Sonntag, 3. Februar 2002
008 | Binz/Rügen
Während heute Nacht in Britanien ein Sturm tobte, schlief ich wie von sanften Wellen gewiegt. Ganz nach der Binsenweisheit, dass Seeluft müde macht. Der Morgen erschien strahlend. Es wurde einer der seit 100 Jahren wärmsten Februartage. Am Strand und auf der Promenade flanierte behagliche Bürgerlichkeit. Nur die stimmbrüchig frotzelnden Teenies vor dem Kurhotel erinnerten wieder an das Leben außerhalb der Idylle. Ich wanderte gut 4 km nach Prora, einer unvollendeten "Kraft-durch-Freude"-Geisterstadt mit späterer NVA-Okkupation, was den Komplex also auch nicht gerade mit Leben erfüllte. Jetzt ist allerdings der Hochgeist in einige Räume gezogen, in Gestalt von Ausstellern oder Künstlern wie dem Maler Klaus Böllhoff. Den Bohemian erkennt man sofort am orangen Filzhut und den braunen Zähnen. Das Gespräch mit ihm ist angenehm entspannt. Irgendwie erinnert er mich an Beuys. Seine und die Bilder unterschiedlichster Herkunft lassen sich im menschenleeren Erdgeschoss gut betrachten. Ich stelle immer wieder fest, dass sich diese Reise gelohnt hat. Nach dem Kunstgenuss Fotoshooting am lieblichen Strand. Dann handschmeichelnde Steine übers in sich ruhende Wasser werfen und vor Freude hüpfen lassen, auf Mauerruinen klettern, in die Seebrücke eingeritzte Verewigungen lesen und – wie immer vergebens – in Bernstein eingeschlossene vergangene Träume suchen ... Wenn die Seele baumelt, feiert das Kind Auferstehung. War es Ringelnatz, der meinte, die Möwen müssten alle Emma heißen? Sie kreischen noch vor Glück, selbst wenn der Tag geht. Und sie begeistern sich wie ich nach langem wieder für einen pinkfarbenen Sonnenuntergang.
Samstag, 2. Februar 2002
007 | Binz/Rügen
Wenn man sich meine Online-Tagebucheinträge durchliest, könnte man meinen, ich wäre einer jener Daily-Soap-Typen, die für ihren steten Spaß nie arbeiten müssten. Das ist selbstredend nicht so. Leider. Aber deshalb musste ich mal raus aus der Stadt, Ostseeluft schnuppern. Egal wohin. Also Rügen. Die B96 hoch und aufs Geratewohl nach Binz. Das Ostseebad hatte mit Kindheitserinnerungen als Resonanzkörper den besten Klang. Alles weiß, schick und sauber. Mit dem erstbesten Haus gleich Glück gehabt: Pension "Binzer Fischerstübchen" mit angebundener Fischgaststätte. Strandpromenade 64. Für 30 Euro die Nacht absolute Gemütlichkeit und vom Balkon aus etwas Meeresblick.
Kleinen Einkauf fürs Wochenende und – da die hauseigene Gastwirtschaft heute zu hat – ins nächstbeste Restaurant: "Poseidon", in der vertraut klingenden Lottumstraße. Nur der Griechengott passt irgendwie nicht. Genauso wie meine pralle NEUKAUF-Tüte, was aber dann doch egal ist. Hier hat schon Politprominenz von v. Weizsäcker bis Merkel geschmaust, steht in der Karte. Trotzdem ganz anheimelnd, und nur das beeindruckt wirklich: Auarien zwischen lindgrün lasiertem Holz und sparsam arrangiertem Ostseemythos. Der Kellner ist allerdings ein etwas zu lauter Lafer des Nordens. (Der Mann am Nachbartisch ordert ihn unsicher antiquiert mit: "Herr Ober!") Wenn seine schablonenhafte Hofierung der Gäste persönlicher und dennoch distanzierter wäre, wäre es perfekt. Das kleine Glück vor mir ist es zumindest: gebratene frische Flundern mit Bratkartoffeln. Dazu ein Jever vom Fass. Herz, was willst du mehr!
Kleinen Einkauf fürs Wochenende und – da die hauseigene Gastwirtschaft heute zu hat – ins nächstbeste Restaurant: "Poseidon", in der vertraut klingenden Lottumstraße. Nur der Griechengott passt irgendwie nicht. Genauso wie meine pralle NEUKAUF-Tüte, was aber dann doch egal ist. Hier hat schon Politprominenz von v. Weizsäcker bis Merkel geschmaust, steht in der Karte. Trotzdem ganz anheimelnd, und nur das beeindruckt wirklich: Auarien zwischen lindgrün lasiertem Holz und sparsam arrangiertem Ostseemythos. Der Kellner ist allerdings ein etwas zu lauter Lafer des Nordens. (Der Mann am Nachbartisch ordert ihn unsicher antiquiert mit: "Herr Ober!") Wenn seine schablonenhafte Hofierung der Gäste persönlicher und dennoch distanzierter wäre, wäre es perfekt. Das kleine Glück vor mir ist es zumindest: gebratene frische Flundern mit Bratkartoffeln. Dazu ein Jever vom Fass. Herz, was willst du mehr!
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