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Sonntag, 1. April 2018

192 | Abreisetag

Gegen zehn verließen wir gestern die Ferienwohnung und fuhren nach Mires, wo jeden Samstag der größte Wochenmarkt der Region stattfindet. 
In der abgesperrten Hauptdurchgangsstraße gab es Wühltische für Textilien, vor allem aber Stände mit bäuerlichen Erzeugnissen: Kartoffeln, Artischocken, Orangen, Kohl und Salate. Darunter auch jede Menge Chorta. Sogar wilden Spargel sahen wir wieder.

Unter von Haus zu Haus gespannten Sonnensegeln machten Marktschreier lauthals auf ihre Waren aufmerksam, andere beobachteten die aus Einheimischen und Touristen bestehende Laufkundschaft recht gelassen. 

Neben für Urlauber typischen Kretaprodukten wie getrockneten Kräutern, Oliven, Käse, Honig und Fisch gab es auch Schnecken.


Vor den Cafés und Kafenia waren sämtliche Tische besetzt. Man trank Frappé oder Wein und ließ das Markttreiben auf sich wirken. Sogar ein orthodoxer Priester saß unter den Gästen.
Weil wir zum Frühstücken nirgendwo reingehen wollten, holten Andrea und ich uns ein Schälchen Erdbeeren und frisch gegrillte Souvlakispieße als Wegzehrung. Mehr würden wir später im „Ilios“ essen.

Bevor wir Mires wieder verließen, kauften wir noch Gastgeschenke für Susanne und Manolis. Für ihn eine Stange Zigaretten (Karelia white) und für sie 10 gläserne Ölkännchen und eine Dekoflasche - jeweils mit Pfropfen (wegen der neuen gesetzlichen Bestimmung).
Zurück in Agia Galini hieß es dann Abschied nehmen. Zuerst von Manolis, der nach einer tagelang aufgewühlten See endlich zum Fischen raus wollte, später von Susanne. Beide freuen sich schon, wenn ich im Oktober mit meinen Jungs zurückkomme. Andrea sehen sie leider erst im darauffolgenden Herbst wieder, dann aber auf der Platía von Saktouria, wo die Schildersonnen des „Ilios“ weiter leuchten werden.
Da unser Flieger erst abends abheben sollte, machten wir auf dem Weg nach Heraklion noch reichliche Zwischenstopps. In Agioi Deka bummelten wir durch die Gassen zur ältesten, aber geschlossenen Kirche des Ortes, der nach zehn kretischen Märtyrern benannt ist. Und wir genossen noch einmal den Ausblick auf die Messara-Ebene.


In Heraklion spazierten wir zur venezianischen Hafenfestung Koules und kehrten in ein Café mit Meeresblick ein. 
Dann fuhren wir zum Flughafen, gaben das Auto ab und checkten ein. Der Kazantzakis-Airport wird immer noch umgebaut und da es für das Boarding zu wenig Anzeigetafeln gab, wurde der Flug nach Berlin eben aufgerufen. Ohne Mikro, aber pünktlich.

Pünktlich war auch die Landung im vernieselten, kalten Berlin. Weil wir jedoch innerlich noch nicht angekommen waren, schauten wir uns zu Hause bei einem Glas Wein bis nach Mitternacht Kreta-Dokus an. Denn „Kretas Geheimnis ist tief. Wer seinen Fuß auf diese Insel setzt, spürt eine seltsame Kraft in die Adern dringen und die Seele weiten…“ - Nikos Kazantzakis

Samstag, 31. März 2018

191 | Agios Georgios

Der Karfreitag findet für orthodoxe Griechen erst in der nächsten Woche statt. Gestern war hier also ein ganz normaler Tag und Manolis wunderte sich, warum Susanne uns beim Frühstück zwei rotgefärbte Eier hinlegte. Ostereier, erfuhr ich, wären in Griechenland ausschließlich rot. Die Farbe symbolisiere das Blut des auferstandenen Christus und die Freude darüber.

Gegen Mittag und bei bestem Frühlingswetter machten Andrea und ich eine 6,5-km-Wanderung nach Agios Georgios. Meistens ging es einen unbefestigten Weg hinauf, den ich nicht mit dem Auto fahren möchte und bei Sommerhitze nicht laufen. Wir genossen die weiten Ausblicke aufs Meer und die Berge, hörten Vogelgezwitscher, vorbeibrummende Insekten und das Glockenläuten einer Schafherde. Dazwischen nur göttliche Stille. 
Ab und zu tauchte ein Schmetterling auf, konnte sich für keine der zahllosen Blüten entscheiden und flog aufgeregt weiter. 


An einem Berghang entdeckten wir fünf majestätisch kreisende Greifvögel, die für ein Foto mit dem Smartphone leider zu weit weg waren.
Dann, am Agios-Georgios-Beach, eine Taverne: „Nikos Place“. 

Über eine steile Treppe stiegen wir nach unten und fragten auf der Terrasse einen älteren Mann, der mit seiner Frau und seinem Sohn Chorta sortierte, ob schon geöffnet sei. Das war es und die beiden Männer sprachen sogar deutsch. 
Niko, der Vater, hatte früher in Deutschland gelebt und wirkte recht leutselig. Wir redeten über kretisches Essen und irgendwann forderte er uns auf, in seine Küche mitzukommen. Die war nicht nur sehr aufgeräumt und sauber, sondern auch mit modernster Edelstahltechnik ausgestattet. 

Hier Kühlfächer nur für Fisch, hier für Fleisch und da für Gemüse. Sogar das gute Olivenöl lagerte in einem Stahlfass. Das meiste dieser Ausstattung habe sonst niemand auf Kreta, meinte Niko stolz. Er zeigte uns auch mit Pfropfen verschlossene Ölfläschchen für die Terrassentische. Das müsse wegen einer neuen gesetzlichen Regelung so sein, aber die wenigsten hielten sich daran. Es koche ja auch keiner mehr so traditionell wie er. Lamm bliebe bei ihm beispielsweise immer 4 Stunden im Ofen. Niko, der schon als 11-jähriger zum Fischen rausfuhr, zeigte uns auch eine am Tavernendach angebracht Webcam, mit der sich rund um die Uhr über seine Homepage Livebilder im Internet ansehen ließen. Jetzt war die Kamera auf den zur Taverne gehörenden Strand ausgerichtete, wo sich Andrea vor 4 Jahren mit ihrer besten Freundin gesonnt hatte. Da von der Steilküste immer mal wieder Steine herunterrollen, ist das mittlerweile nicht mehr gestattet, zumindest nicht offiziell.
Am liebsten hätte ich mir von Niko eine der großen Brassen aus dem Kühlfach zubereiten lassen, aber ich hatte gut gefrühstückt und würde abends im „Ilios“ essen. Im Oktober aber, versprach ich Niko, der auch acht Gästezimmer vermietet, käme ich zum Essen mit meinen drei Söhnen wieder.
Nachdem wir unsere Getränke bezahlt hatten, liefen Andrea und ich über die Autozufahrt weiter zum benachbarten Paradia-Beach, wo wir vor anderthalb Jahren schon einmal waren und - wie damals - die einzigen Besucher. 

Trotz kräftiger Wellen stieg ich gleich zum Anbaden ins Wasser, das sich frisch, aber nicht kalt anfühlte.

Am Spätnachmittag kehrten wir die 6,5 km nach Agia Galini zurück und am Abend, unserem letzten, wieder im „Ilios“ ein. Ich bestellte Sepia, den Manolis mit frischem Anis zubereitet hatte, der nach Dill aussehenden Pflanze von unserer Kräutertour. 
Anis mag ich zwar nicht sonderlich, aber der Tintenfisch war köstlich und herrlich butterweich. Andrea und ich durften auch von dem Wildhasen probieren, der einem Einheimischen vors Auto gehoppelt war und den Manolis ihm daraufhin zubereitete. 
Als wir zahlen wollten, sagte Susanne, dass wir eingeladen seien. Ich wollte das zuerst nicht annehmen oder wenigstens den abgezapften Hauswein bezahlen. Doch Susanne lehnte ab und meinte, das sei so mit ihrem Mann abgesprochen und wir wären jeden Tag bei ihnen gewesen. Außerdem hätte ich in meinem Blog reichlich Werbung für das „Ilios“ gemacht. Gerührt umarmten wir unsere lieben Gastgeber zum Abschied und machten uns auf den Weg zur Ferienwohnung.

Freitag, 30. März 2018

190 | Phaistos und der Strand von Komos

Gestern fuhren wir nach Phaistos, um uns alte Steine anzusehen. Die dortige Ausgrabungsstätte über der Messara-Ebene zeigt Reste der nach Knossos zweitgrößten minoischen Palastanlage.
 Viel ist davon nach knapp 4000 Jahren allerdings nicht mehr übrig. Aber es reicht, um gegen Geld Besucher wie uns anzulocken. Wir hielten uns von Reisegruppen fern, schlenderten über alte Höfe und Treppen, überkletterten Mäuerchen und lugten in Vorratskammern und das überdachte Königinnengemach. 



Noch besser als die antiken Fundamente gefiel uns allerdings der Ausblick von dort oben über die grüne Landschaft. 
So viele Olivenbäume unter dem blauen Himmel und so weiß die Schneewolken über dem fernen Psiloritis.
Nachdem wir uns sattgesehen hatten, fuhren Andrea und ich an die Küste. Dabei machten wir einen kurzen Abstecher nach Kamilari, einem auf drei Hügeln errichteten Ort. Hier soll der Seher Epimenides gelebt haben, den die Spartaner gefangen nahmen und - weil er ihnen nur Schlechtes prophezeite - hinrichteten. Aber das ist lange her und nichts Genaues weiß man nicht.
Weil uns Kamilari zu steil und verschlafen erschien, fuhren wir zum Komos-Beach weiter, wo wir vor anderthalb Jahren schon einmal waren. Er liegt bei Matala und soll einer der längsten und schönsten Strandabschnitte Kretas sein. 

Das türkisfarbene klare Wasser wurde jetzt mit reichlich Getöse gegen das flache Ufer gerollt. Wir liefen ein Stück auf dem feuchten Sand, hinterließen Spuren und genossen die milde Sonne. 
Irgendwann setzten wir uns am Fuße der Steilküste auf einen Felsen, plauderten, schauten aufs Meer und beobachtete vorbeikommende Leute. Einige waren so hartgesotten, sich in Badehose und Bikini bei windigen 16 °C in den Sand zu legen. Da war uns das Sitzen in Jacken schon lieber. Das Sitzen und meditative Betrachten der Wellen. Wie sie sich glitzernd auftürmten, brachen und schäumend verebbten, während sich draußen vor Agia Galini ein Containerschiff um die eigene Achse drehte. Und am Horizont die Paximadia-Inseln miteinander verschmolzen. 
Wie die Rückenansicht eines Nilpferds sahen die beiden Inseln aus. Von Agios Pavlos aus betrachtet erinnern sie ja an einen kleinen durchs Meer schwimmenden Elefanten. „Elefantaki“, sagen einige Kreter deshalb zu ihnen.
Auf dem Rückweg zum Auto entdeckte ich an der Steilküste zwischen eingeritzten Namen ein kleines Sandsteinrelief, einen unvollendeten weiblichen Rückenakt. 
Wer das kleine Kunstwerk hier wohl hinterlassen hat - und wann?
In Agia Galini wurde tagsüber mit schwerem Gerät der Strand für die Urlauber aufgehübscht. Als die Sonne unterging und wir uns zum „Ilios“ aufmachten, herrschte Feierabendstille. Selbst vom Wind war nichts mehr zu spüren. Noch einmal wurde der Hafen kräftig ausgeleuchtet, dann begann auch schon der Abend. 

Manolis hatte leckeres Lamm zubereitet, was Moki, das hinkende Hauslämmchen zum Glück nicht wusste. Es blökte und machte Böckchensprünge auf der Terrasse, derweil sich Sophi und der Hund eines Gastes über die Knochen von unseren Tellern hermachten.
Aus den Lautsprechern kam melancholische Musik, die uns fühlen ließ, dass sich unser Urlaub langsam dem Ende zuneigt. Einen der kretischen Songs glaubte Andrea wiederzuerkennen, aber auf Türkisch gesungen.
„Susanne“, fragte sie, „worum geht es in diesem Lied?“
Susanne blieb stehen und lauschte, konnte der schnarrenden Lautsprecher wegen jedoch nur wenig verstehen.
„Geht es um die Mama und Heimat?“, hakte Andrea nach.
Susanne schmunzelte und winkte ab. „In kretischen Liedern geht es immer um die Mama und Heimat.“
Mit gespielter Feierlichkeit hob ich mein Raki-Glas: „Auf die Mamas und die Heimat! Auf Kreta und das Leben! “
„Und die Liebe“, sagte Andrea.
„Und die Liebe“, sagte ich. „Jamas!“