Gestern Abend war ich nach 8 Jahren endlich wieder bei einem Element-of-Crime-Konzert. Damals präsentierten sie in der Arena Berlin ihre CD „Romantik“, jetzt, beinahe als Abschluss einer Tour durch den deutschsprachigen Raum, die Platte „Immer da wo du bist bin ich nie“. Ohne Komma. Und ohne Anführungszeichen.
So schön wie H.P. Daniels darüber heute im Tagesspiegel-online geschrieben hat (www.tagesspiegel.de/kultur/pop/H-P-Daniels-Element-of-Crime;art971,3024755), kann ich das nicht. Ich musste erst einmal googlen, was unter Mariachi-Melodien oder dem Bo-Diddley-Beat zu verstehen ist und bin jetzt schlauer. Aber ich kann bestätigen, dass es ein guter Abend war, mit guter Musik und Texten, wie ich sie liebe.
Wegen der Hallenakustik verstand ich zwar nicht alles, doch fühlte ich mich gleich wieder wie zu Hause, als altbewährte Songs erklangen. Songs, denen man nicht vergisst, dass sie einem seit Jahren Asyl gewähren.
H.P. Daniels hat sich in seiner Konzertkritik detailliert, aber einzig auf Element of Crime bezogen. Schade, denn zu meiner guten Stimmung trugen weiterhin nicht nur zwei Himbeer-Margaritas vorab bei, um mir das Warten schönzutrinken, sondern auch die Vorband: Florian HORWATH. Ein aus Tirol stammender Neu-Berliner, der mit seinen Jungs Musik macht, die mich irgendwie an die weniger stressigen Sachen von Velvet Underground erinnerte. Gefiel mir also. Und als sie zum Abschluss Norman Greenbaums 40 Jahre altes „Spirit in the Sky“ spielten, swingte ich mich gleich zur guten Laune rüber. Die wurde von den übrigen Konzertbesuchern beinahe mehrheitlich geteilt. Einem Publikum, das im Allgemeinen altersmäßig gemischt war, im Besonderen jedoch für eine Ü-40-Party rekrutierbar war. Kein Wunder, denn die Hauptgruppe kann auf 25 Jahre Bandgeschichte zurückblicken. So wünschten sich insgeheim etliche aus dem Publikum bereits nach dem Einlass einen Sitzplatz, als wären sie zur EOC-Silberhochzeit geladen. Was aber auch an dem Stress liegen konnte, den die überfrorenen Fußwege zur Konzerthalle verursachten.
Am Ende waren manche froh, heil im Bett angekommen zu sein, und empfanden das Konzert als „sehr gelungen“.
Früher hätten sie „geil“ gesagt; heute werden sie wehmütig, wenn „Damals hinterm Mond“ gespielt wird. Ein geiles Lied übrigens, seufze auch ich voller Wehmut.
Montag, 8. Februar 2010
Donnerstag, 4. Februar 2010
106 | Winterblues
Der Schnee von gestern zermatscht allmählich. Doch über den Frühling nachzudenken lohnt längst noch nicht. Am besten man hält, wenn man kann, die Füße still und bleibt schön auf seiner Couch liegen, bei Tee und einem guten Buch. Schon wegen der überfrierenden Nässe am Morgen und am Abend. Oder man geht, wie ich, mittags den Büchern entgegen. Das muss nicht immer der bekannte Weg zu Dussmann sein.
So entdeckte ich gestern, als ich auf unbekannten Pfaden durch den Tag rutschte, in der Weißenseer Gustav-Adolf-Straße 14 das „Mendel-Antiquariat“ (www.mendel-antiquariat.de). Und das ist so, wie man sich ein Antiquariat vorzustellen hat: ein Regallabyrinth mit Büchern und Ruhe bis unter die Decke.
Nur selten ertönte die Türglocke. Ich hatte also genügend Muße, mich umzusehen. Die Bücher dort sind keine bibliophilen Kostbarkeiten, sondern welche mit Gebrauchswert. So man den für sich erkennt. Die Bücher wollen gelesen werden. Vieles entstammt der DDR, aber es gibt auch ein Regal mit Kinderbüchern von hüben wie drüben. Ich kaufte mir Klassiker: Johann Gottfried Seumes gesammelte Werke in zwei Bänden mit der „Reise nach Syrakus“ (Sehnsucht nach Ferne!) und Jean Pauls „Flegeljahre“.
Wieder zu Hause hörte ich mir seit langer Zeit wieder melancholische Platten von Hans-Eckardt Wenzel an: „Traurig in Sevilla“ und „Lied am Rand“. Letztere Platte besteht komplett aus vertonten Gedichten von Theodor Kramer (1897-1958), den immer noch viel zu wenig Menschen kennen. Als Jude in Wien geboren, im Londoner Exil 18 Jahre vereinsamt, in Wien gestorben. Sein größtenteils unveröffentlichter Nachlass umfasst mehr als 10.000 Werke. Herta Müller, die Literatur-Nobelpreisträgerin, gab 1999 einige von ihnen heraus und nennt Kramer in einem Atemzug mit Paul Celan. Kramer, der Flaneur unter den Landstreichern.
In der Wende- und Nachwendezeit hörte ich ständig Wenzels erste Platten „Stirb mit mir ein Stück“ (1986) und „Reisebilder“ (1989). Auf dem Debüt-Album bereits schon mit vertonten Kramer-Gedichten.
Eines der beeindruckendsten ist für mich „Der reiche Sommer“ vom 12.04.1930 (auf der „Lied am Rand“-Platte):
DER REICHE SOMMER
Sie lagen zu zweit über Mittag im Sand
vor der staubigen Jutefabrik;
lose saß um die Hüften ihr Leinengewand
und die Sonne beschien ihr Genick.
Längst schon hatte der Staub, der aus Faser und Sack
stieg, die Lungen zur Gänze durchsetzt;
und sie fühlten sich oft schon vom süßen Geschmack
ihres eigenen Blutes benetzt.
Und sie tunkten ihr Brot in den Milchtopf, den Stich
in der Lunge verhielten sie gern;
denn sie wussten: sie hatten den Sommer vor sich
und der rasselnde Herbst war noch fern.
Rein und blau war die Zeit und die Luft roch nach Seim,
nicht allein ihre Haut schien geschält;
sie erzählten sich Dinge von einst, von daheim,
die sie bisher noch keinem erzählt.
Und es dünkte zu Mittag ihr eigenes Wort
Tag für Tag sie erstaunlich und weich;
noch war keine der roten Begonien verdorrt,
und bemalt war das Leben und reich.
Reich war alles: der Sand und das Gras und das Wehn
und die strahlende Glut im Genick;
und sie hörten verschattet die Spindeln sich drehn
in der staubigen Jutefabrik.
Als ich dieses und andere Kramer-Gedichte wieder von Wenzel interpretiert hörte, war ich kurz versucht, ihm über seine Homepage (www.wenzel-im-netz.de) einen Mail zukommen zu lassen. Doch was hätte ich schreiben sollen? Dass die meisten seiner Lieder mich immer noch erreichen und mir kreative Impulse geben? Ja, vielleicht hätte ich das tun sollen. Aber vielleicht hat mich auch nur der Winterblues mit seinem Ziehharmonika-Spiel fest im Griff.
Also schrieb ich keine Mail, machte mir noch einen Tee und warte ab.
So entdeckte ich gestern, als ich auf unbekannten Pfaden durch den Tag rutschte, in der Weißenseer Gustav-Adolf-Straße 14 das „Mendel-Antiquariat“ (www.mendel-antiquariat.de). Und das ist so, wie man sich ein Antiquariat vorzustellen hat: ein Regallabyrinth mit Büchern und Ruhe bis unter die Decke.
Nur selten ertönte die Türglocke. Ich hatte also genügend Muße, mich umzusehen. Die Bücher dort sind keine bibliophilen Kostbarkeiten, sondern welche mit Gebrauchswert. So man den für sich erkennt. Die Bücher wollen gelesen werden. Vieles entstammt der DDR, aber es gibt auch ein Regal mit Kinderbüchern von hüben wie drüben. Ich kaufte mir Klassiker: Johann Gottfried Seumes gesammelte Werke in zwei Bänden mit der „Reise nach Syrakus“ (Sehnsucht nach Ferne!) und Jean Pauls „Flegeljahre“.
Wieder zu Hause hörte ich mir seit langer Zeit wieder melancholische Platten von Hans-Eckardt Wenzel an: „Traurig in Sevilla“ und „Lied am Rand“. Letztere Platte besteht komplett aus vertonten Gedichten von Theodor Kramer (1897-1958), den immer noch viel zu wenig Menschen kennen. Als Jude in Wien geboren, im Londoner Exil 18 Jahre vereinsamt, in Wien gestorben. Sein größtenteils unveröffentlichter Nachlass umfasst mehr als 10.000 Werke. Herta Müller, die Literatur-Nobelpreisträgerin, gab 1999 einige von ihnen heraus und nennt Kramer in einem Atemzug mit Paul Celan. Kramer, der Flaneur unter den Landstreichern.
In der Wende- und Nachwendezeit hörte ich ständig Wenzels erste Platten „Stirb mit mir ein Stück“ (1986) und „Reisebilder“ (1989). Auf dem Debüt-Album bereits schon mit vertonten Kramer-Gedichten.
Eines der beeindruckendsten ist für mich „Der reiche Sommer“ vom 12.04.1930 (auf der „Lied am Rand“-Platte):
DER REICHE SOMMER
Sie lagen zu zweit über Mittag im Sand
vor der staubigen Jutefabrik;
lose saß um die Hüften ihr Leinengewand
und die Sonne beschien ihr Genick.
Längst schon hatte der Staub, der aus Faser und Sack
stieg, die Lungen zur Gänze durchsetzt;
und sie fühlten sich oft schon vom süßen Geschmack
ihres eigenen Blutes benetzt.
Und sie tunkten ihr Brot in den Milchtopf, den Stich
in der Lunge verhielten sie gern;
denn sie wussten: sie hatten den Sommer vor sich
und der rasselnde Herbst war noch fern.
Rein und blau war die Zeit und die Luft roch nach Seim,
nicht allein ihre Haut schien geschält;
sie erzählten sich Dinge von einst, von daheim,
die sie bisher noch keinem erzählt.
Und es dünkte zu Mittag ihr eigenes Wort
Tag für Tag sie erstaunlich und weich;
noch war keine der roten Begonien verdorrt,
und bemalt war das Leben und reich.
Reich war alles: der Sand und das Gras und das Wehn
und die strahlende Glut im Genick;
und sie hörten verschattet die Spindeln sich drehn
in der staubigen Jutefabrik.
Als ich dieses und andere Kramer-Gedichte wieder von Wenzel interpretiert hörte, war ich kurz versucht, ihm über seine Homepage (www.wenzel-im-netz.de) einen Mail zukommen zu lassen. Doch was hätte ich schreiben sollen? Dass die meisten seiner Lieder mich immer noch erreichen und mir kreative Impulse geben? Ja, vielleicht hätte ich das tun sollen. Aber vielleicht hat mich auch nur der Winterblues mit seinem Ziehharmonika-Spiel fest im Griff.
Also schrieb ich keine Mail, machte mir noch einen Tee und warte ab.
Sonntag, 10. Januar 2010
105 | Schnee von gestern
Seit dem 2. Weihnachtsfeiertag liegt in Berlin Schnee, sind die Nebenstraßen nicht geräumt, macht die S-Bahn wieder Zicken. Und nicht nur die. Eine ältere Frau sagte im Fernsehen, dass es so was zu DDR-Zeiten nicht gegeben habe, das mit dem S-Bahn-Chaos. Dabei sorgten Verschleißerscheinungen, Versorgungsengpässe und Finanzierungsprobleme doch ständig für Chaos, will ich meinen. Bloß dass dieses Chaos nicht als chaotisch, sondern fatalistisch wahrgenommen wurde. Oder offenbar gar nicht, wie von dieser Frau. Selbst wenn sie Recht hat, wenn es zu DDR-Zeiten bei der S-Bahn zu keinerlei Ausfällen kam - so wie sie es sagte, erinnerte sie mich an Margot Honecker, die trotzig im vergangenen Herbst den 60. Geburtstag der DDR in Chile beging. Oder an noch Gestrigere, die ganz genau wussten, dass es so was bei Hitler nicht gegeben habe.
Ja, ja, die Erinnerung. Ein Moderator des RBB konnte sich nicht entsinnen, wann Berlin jemals so verschneit war. Ich schon, nämlich erst im letzten Winter. Da stapfte ich über den zugefrorenen Weißen See und musste mich im „Milchhäuschen“ mit einer Heißen Schokolade aufwärmen. Doch generell hat der Moderator natürlich Recht. Weiße Weihnachten ist wie der Weihnachtsmann zum Mythos geworden. Und weiße Winter gibt es fast nur noch an den schmelzenden Polkappen. Da wird man hier natürlich selbst bei Schneeregen ganz aufgeregt. Denn nur ein Gradchen kälter, schon überdeckte herrlichstes Weiß die ganze Alltagstristesse. Aber dazu kommt es meist nicht, vielleicht weil zu viele aufgeheizte Gemüter den Klimawandel zusätzlich beschleunigen. Und bald fangen die Deutschen sicher an, ihre grauen Winter so wortreich zu unterscheiden wie die Eskimos den Schnee.
Bietet Berlin seinen Nagern mit Abfällen und milden Wintern eigentlich ideale Tarn- und Lebensbedingungen, flüchten zumindest die Mäuse derzeit lieber in den Bundestag, wie um sich bei den höheren Tieren über soziale Kälte und eben Schneefall zu beschweren. Dabei sollen Schneespuren auch immer wieder auf den Örtlichkeiten des Reichstagsgebäudes zu finden sein. Beides Themen, welche die Medien vor allem zum chronisch schleppenden Jahresbeginn dankbar aufgreifen, um ihr winterliches Pendant zum Sommerloch zu füllen. Aber beides nichts im Vergleich zu einem angekündigten Unwetter mit Hamsterkäufen wie erst vor drei Wochen:
Der RBB zeigte gestern eine Reportage über die Folgen des Tiefs Daisy für Berlin. Nur gab es da nichts Berichtenswertes, von einigen gemütlichen Flöckchen, die es auf sage und schreibe 2 Zentimeter Schneedecke schafften, abgesehen. Wow! Dabei hätten die Bilder ganz dramatisch werden können, etwa wie beim Hochwasser 2002. Ja, sogar eine Sondersendung wurde für 20.15 angekündigt und - obwohl Daisy so harmlos wie Moshammers Yokshire-Terrier blieb - ausgestrahlt. Vergleichsweise als Warm-up für den Film, den RTL heute Abend zeigt: „The Day After Tomorrow“. Am Tage danach genau das Richtige für meine medial geprägte Erwartungshaltung.
Ja, ja, die Erinnerung. Ein Moderator des RBB konnte sich nicht entsinnen, wann Berlin jemals so verschneit war. Ich schon, nämlich erst im letzten Winter. Da stapfte ich über den zugefrorenen Weißen See und musste mich im „Milchhäuschen“ mit einer Heißen Schokolade aufwärmen. Doch generell hat der Moderator natürlich Recht. Weiße Weihnachten ist wie der Weihnachtsmann zum Mythos geworden. Und weiße Winter gibt es fast nur noch an den schmelzenden Polkappen. Da wird man hier natürlich selbst bei Schneeregen ganz aufgeregt. Denn nur ein Gradchen kälter, schon überdeckte herrlichstes Weiß die ganze Alltagstristesse. Aber dazu kommt es meist nicht, vielleicht weil zu viele aufgeheizte Gemüter den Klimawandel zusätzlich beschleunigen. Und bald fangen die Deutschen sicher an, ihre grauen Winter so wortreich zu unterscheiden wie die Eskimos den Schnee.
Bietet Berlin seinen Nagern mit Abfällen und milden Wintern eigentlich ideale Tarn- und Lebensbedingungen, flüchten zumindest die Mäuse derzeit lieber in den Bundestag, wie um sich bei den höheren Tieren über soziale Kälte und eben Schneefall zu beschweren. Dabei sollen Schneespuren auch immer wieder auf den Örtlichkeiten des Reichstagsgebäudes zu finden sein. Beides Themen, welche die Medien vor allem zum chronisch schleppenden Jahresbeginn dankbar aufgreifen, um ihr winterliches Pendant zum Sommerloch zu füllen. Aber beides nichts im Vergleich zu einem angekündigten Unwetter mit Hamsterkäufen wie erst vor drei Wochen:
Der RBB zeigte gestern eine Reportage über die Folgen des Tiefs Daisy für Berlin. Nur gab es da nichts Berichtenswertes, von einigen gemütlichen Flöckchen, die es auf sage und schreibe 2 Zentimeter Schneedecke schafften, abgesehen. Wow! Dabei hätten die Bilder ganz dramatisch werden können, etwa wie beim Hochwasser 2002. Ja, sogar eine Sondersendung wurde für 20.15 angekündigt und - obwohl Daisy so harmlos wie Moshammers Yokshire-Terrier blieb - ausgestrahlt. Vergleichsweise als Warm-up für den Film, den RTL heute Abend zeigt: „The Day After Tomorrow“. Am Tage danach genau das Richtige für meine medial geprägte Erwartungshaltung.
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