Sonntagmittag in Berlin. Durch das gardinenlose Küchenfenster räkelt sich ein sommerlicher Strandhimmel. Blasse Häuser sonnen sich unter Urlaubsfliegern, dazwischen verliebte Linden. Sie swingen zu Van Morrisons „Brown Eyed Girl“:
„Standing in the sunlight laughing, / Hiding behind a rainbow's wall, / Slipping and sliding / All along the water fall, with you / My brown eyed girl, / You my brown eyed girl.“
Der Abend gestern war gut und lang. Der Tag ist schön wie du, denke ich. Morgen ist bis morgen egal.
Ich setze den Pastatopf auf und schneide Fleischwurst in kleine Würfel. Es gibt heute keinen Sonntagsbraten, nichts Aufwändiges. Es gibt Spaghetti. Unser Studentenessen, bei dem jeder Handgriff sitzt und die Gedanken spielen gehen dürfen.
„Laughing and a running hey, hey / Skipping and a jumping ...“
Die Würfel in Olivenöl anbraten, eine gehackte Zwiebel hinterher. Frisch gemörserten schwarzen Pfeffer, eine zerdrückte Knobi-Zehe und getrocknetes Oregano. Und etwas Salz. Und etwas Zucker. Und überhaupt.
„Do you remember when we used to sing, / Sha la la la la la la la la la la te da ...“ Dosentomaten drüber, gefrorene italienische Kräuter rein. Es blubbert im Topf, als wäre da was einverstanden und wolle mitsingen.
„Making love in the green grass / Behind the stadium with you / My brown eyed girl /You my brown eyed girl/ Do you remember when we used to sing / Sha la la la la la la la la la la te da.“
Ordentlich Salz ins Nudelwasser, die Spaghetti aus der Packung hinterhergekloppt. Und die Blubbersoße umgerührt. My brown eyed girl. Du schläfst nebenan und träumst von sommerlichen Strandhimmeln, die uns gehören. Der Abend gestern war lang.
Ich öffne das Fenster, vermenge die Nudeln mit einer Gabel, damit sie nicht wie wir aneinander kleben. Habe ich dir je gesagt, dass ich dich liebe? Dieser Tag ist so wunderbar einfach wie ein guter Song zum Kochen. Die Soße noch etwas nachsalzen und Parmesan reiben. Ich werde dich jetzt wachküssen, my brown eyed girl.
Sonntag, 14. Juni 2009
Sonntag, 31. Mai 2009
101 | Mit Biermann am Alex
Heute sah ich mir zum zweiten Mal die Open-Air-Ausstellung „Friedliche Revolution von 1989/90“ auf dem Alexanderplatz an. Und traf dort Wolf Biermann.
„Schön, dass Sie da sind, Herr Biermann“, sagte ich im Vorübergehen. Aber ich war irritiert: Kein Kamera-Team, keine Kontroverse, kein Gefolge. Eine nette Frau war im Hintergrund an seiner Seite und machte am Ende ein Foto von ihm und mir, was ich peinlich berührt nett fand. Sie wolle es mir später zumailen.
Eigentlich wollte ich es bei diesem Schön-dass-Sie-da-sind-Satz belassen. Weil ich zwar einiges über ihn weiß und sogar Biermann-Prosa in meinem Regal stehen habe, aber er mich nicht mal ansatzweise kennen kann. Ich hatte große Lust, mich mit ihm zu unterhalten, doch dränge ich mich nur ungern auf. Aufdränger wird es in Biermanns Leben schon genug gegeben haben, dachte ich. Und damit meine ich nicht unbedingt die Herren von der Stasi. Aber dann kamen wir doch ins Plaudern, sprachen über alte DDR-Geister, die weder ihn noch mich loslassen.
Alexanderplatz. Hier fand am 4. November 1989 die Großdemonstration statt, bei der meine Oktober-Demo-Ängste einer November-Euphorie wichen. Biermann durfte an diesem Sonnabend nicht auftreten. Er war zur Ruhe gezwungen. Dabei streitet er doch so leidenschaftlich gern. Überhaupt, sagte Biermann, fühlte er sich bei dem ganzen Wirbel nach seiner Ausbürgerung wie im Auge eines Hurricans, wo Windstille herrscht. Zumindest auf den Aktionsradius bezogen. In ihm wird es jedoch gewaltig gestürmt haben. So sehr, dass die Nachwehen nie ganz aufhören und eine politische Wetterfühligkeit zurückbleibt.
(Ich finde es übrigens sehr sympathisch, dass er auch noch eine Gänsehaut bekommt, wenn das 89er Wendevolk den „Wir-sind-das-Volk!“-Imperativ skandiert.)
Wir sprachen über Ursachen von Revolutionen und davon, dass Krenz ´89 nur deshalb kein Remake des Tian‘anmen-Massakers inszenierte, weil die militärischen Einsatzmittel für die Menschenmassen nicht ausreichten. „Die hätten den Fleischwolf verstopft!“, sagte Biermann. Er liebt drastische Bilder. Außerdem hatte die Parteiführung bekanntlich keine Rückendeckung von den Russen: Wenn auch nur ein NVA-Panzer auf Demonstranten geschossen hätte, hätten die Russen ihrerseits den Panzer unter Beschuss genommen. „Ohne die Russen“, so Biermann, „wäre alles noch mindestens 20 Jahre so weitergegangen“.
Wo stünde ich dann heute? Hätte ich mich wie so viele mit den Verhältnissen abgefunden? Hätte ich weiter aufbegehrt? Meinen Jahrgang erlöste die Wende genau im richtigen Augenblick. Rückblickend fiel bei uns politisches Erwachen und erfolgreiches Aufbegehren zusammen. Wobei die einen mehr und die anderen weniger aufbegehrten. Nachdem auch noch die Mauer dem Überdruck eines willensstarken Volkes nachgab, schien alles möglich. Zumindest in den Augen eines 18-Jährigen. Zeit des Aufbruchs. Erst später ging mir auf, dass Aufbruch immer auch Abschied bedeutet. Abschied von liebgewonnenen Gewohnheiten und Menschen.
„Kuck mal“, sagte Biermann ernst vor einem großen Foto, das ihn ernst zwischen Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach und Christian Kunert im August ´77 auf einem West-Berliner Balkon zeigt. Die drei waren nach ihm abgeschoben worden. „Zwei von ihnen sind bereits tot.“
Aber nicht Biermann. Er kam mir wie ein sehr lebendiger Wiedergänger zwischen den als Mauerzitat errichteten Ausstellungswänden vor. Um alles zu sehen, musste er mehrfach die Seiten wechseln. Als lebendes Sinnbild.
Das Beste an dem Gespräch mit dem Dichter war, dass er mich ernst nahm. Dass er sich aus Interesse mit mir, einem unbedeutenden Ausstellungsbesucher, unterhielt. Er tat es nicht nur, weil er Volksnähe demonstrieren wollte oder Werbung machte für seinen späteren Konzert-Auftritt im Deutschen Historischen Museum. Denn Heuchelei liegt ihm nicht, dagegen singt er sein Leben lang an.
Ich wünschte ihm und seiner Begleiterin schließlich alles Gute und schlenderte Unter den Linden entlang, um meine Eindrücke zu sortieren.
Unter den Linden. Wie selbstverständlich großstädtisch alles wirkt nach 20 Jahren. Überall kann ich Dinge, die man früher nicht kaufen konnte, in Restaurants essen. Kann an den Bücherständen der Humboldt-Universität Gedanken erwerben, die früher verboten waren. Ich kann sogar die Szenerie wechseln und das Land westwärts verlassen. Ganz selbstverständlich.
Vor der Humboldt-Universität, wo auch Biermann in ganz und gar nicht selbstverständlichen Zeiten studiert hatte, entdeckte ich seinen aktuellen Lyrik-Band „Heimat. Neue Gedichte“. Inzwischen bei Hoffmann und Campe verlegt, nicht mehr bei Kiepenheuer. Bei Campe veröffentlichte auch Heine seine neuen Gedichte. Und seinen Heimkehr-Zyklus.
In „Heimkehr nach Berlin Mitte“ schreibt Biermann „Ich bin Legende ohne Totenschein“. In „Biermanns Bilanzballade im elften Jahr“ heißt es am Ende: „Ich lebe und stehe nun splitternackt / Mal wieder am Anfang und weine beim Lachen.“
Manchmal schreibt er mir aus dem Herzen, klingt ein Vers lange nach.
Ich zahlte 8,-€ dafür und ging mehr als reich beschenkt in den Tag.
„Schön, dass Sie da sind, Herr Biermann“, sagte ich im Vorübergehen. Aber ich war irritiert: Kein Kamera-Team, keine Kontroverse, kein Gefolge. Eine nette Frau war im Hintergrund an seiner Seite und machte am Ende ein Foto von ihm und mir, was ich peinlich berührt nett fand. Sie wolle es mir später zumailen.
Eigentlich wollte ich es bei diesem Schön-dass-Sie-da-sind-Satz belassen. Weil ich zwar einiges über ihn weiß und sogar Biermann-Prosa in meinem Regal stehen habe, aber er mich nicht mal ansatzweise kennen kann. Ich hatte große Lust, mich mit ihm zu unterhalten, doch dränge ich mich nur ungern auf. Aufdränger wird es in Biermanns Leben schon genug gegeben haben, dachte ich. Und damit meine ich nicht unbedingt die Herren von der Stasi. Aber dann kamen wir doch ins Plaudern, sprachen über alte DDR-Geister, die weder ihn noch mich loslassen.
Alexanderplatz. Hier fand am 4. November 1989 die Großdemonstration statt, bei der meine Oktober-Demo-Ängste einer November-Euphorie wichen. Biermann durfte an diesem Sonnabend nicht auftreten. Er war zur Ruhe gezwungen. Dabei streitet er doch so leidenschaftlich gern. Überhaupt, sagte Biermann, fühlte er sich bei dem ganzen Wirbel nach seiner Ausbürgerung wie im Auge eines Hurricans, wo Windstille herrscht. Zumindest auf den Aktionsradius bezogen. In ihm wird es jedoch gewaltig gestürmt haben. So sehr, dass die Nachwehen nie ganz aufhören und eine politische Wetterfühligkeit zurückbleibt.
(Ich finde es übrigens sehr sympathisch, dass er auch noch eine Gänsehaut bekommt, wenn das 89er Wendevolk den „Wir-sind-das-Volk!“-Imperativ skandiert.)
Wir sprachen über Ursachen von Revolutionen und davon, dass Krenz ´89 nur deshalb kein Remake des Tian‘anmen-Massakers inszenierte, weil die militärischen Einsatzmittel für die Menschenmassen nicht ausreichten. „Die hätten den Fleischwolf verstopft!“, sagte Biermann. Er liebt drastische Bilder. Außerdem hatte die Parteiführung bekanntlich keine Rückendeckung von den Russen: Wenn auch nur ein NVA-Panzer auf Demonstranten geschossen hätte, hätten die Russen ihrerseits den Panzer unter Beschuss genommen. „Ohne die Russen“, so Biermann, „wäre alles noch mindestens 20 Jahre so weitergegangen“.
Wo stünde ich dann heute? Hätte ich mich wie so viele mit den Verhältnissen abgefunden? Hätte ich weiter aufbegehrt? Meinen Jahrgang erlöste die Wende genau im richtigen Augenblick. Rückblickend fiel bei uns politisches Erwachen und erfolgreiches Aufbegehren zusammen. Wobei die einen mehr und die anderen weniger aufbegehrten. Nachdem auch noch die Mauer dem Überdruck eines willensstarken Volkes nachgab, schien alles möglich. Zumindest in den Augen eines 18-Jährigen. Zeit des Aufbruchs. Erst später ging mir auf, dass Aufbruch immer auch Abschied bedeutet. Abschied von liebgewonnenen Gewohnheiten und Menschen.
„Kuck mal“, sagte Biermann ernst vor einem großen Foto, das ihn ernst zwischen Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach und Christian Kunert im August ´77 auf einem West-Berliner Balkon zeigt. Die drei waren nach ihm abgeschoben worden. „Zwei von ihnen sind bereits tot.“
Aber nicht Biermann. Er kam mir wie ein sehr lebendiger Wiedergänger zwischen den als Mauerzitat errichteten Ausstellungswänden vor. Um alles zu sehen, musste er mehrfach die Seiten wechseln. Als lebendes Sinnbild.
Das Beste an dem Gespräch mit dem Dichter war, dass er mich ernst nahm. Dass er sich aus Interesse mit mir, einem unbedeutenden Ausstellungsbesucher, unterhielt. Er tat es nicht nur, weil er Volksnähe demonstrieren wollte oder Werbung machte für seinen späteren Konzert-Auftritt im Deutschen Historischen Museum. Denn Heuchelei liegt ihm nicht, dagegen singt er sein Leben lang an.
Ich wünschte ihm und seiner Begleiterin schließlich alles Gute und schlenderte Unter den Linden entlang, um meine Eindrücke zu sortieren.
Unter den Linden. Wie selbstverständlich großstädtisch alles wirkt nach 20 Jahren. Überall kann ich Dinge, die man früher nicht kaufen konnte, in Restaurants essen. Kann an den Bücherständen der Humboldt-Universität Gedanken erwerben, die früher verboten waren. Ich kann sogar die Szenerie wechseln und das Land westwärts verlassen. Ganz selbstverständlich.
Vor der Humboldt-Universität, wo auch Biermann in ganz und gar nicht selbstverständlichen Zeiten studiert hatte, entdeckte ich seinen aktuellen Lyrik-Band „Heimat. Neue Gedichte“. Inzwischen bei Hoffmann und Campe verlegt, nicht mehr bei Kiepenheuer. Bei Campe veröffentlichte auch Heine seine neuen Gedichte. Und seinen Heimkehr-Zyklus.
In „Heimkehr nach Berlin Mitte“ schreibt Biermann „Ich bin Legende ohne Totenschein“. In „Biermanns Bilanzballade im elften Jahr“ heißt es am Ende: „Ich lebe und stehe nun splitternackt / Mal wieder am Anfang und weine beim Lachen.“
Manchmal schreibt er mir aus dem Herzen, klingt ein Vers lange nach.
Ich zahlte 8,-€ dafür und ging mehr als reich beschenkt in den Tag.
Samstag, 11. April 2009
100 | Usedom vor Ostern
Karwoche. Endlich Urlaub. Nach öfter Rügen einmal Usedom. Und das bei bestem Aprilwetter.
Wenn die Schwäne mit dem Sonnenaufgang ihre Nachtquartiere verlassen und rauschend auf der Ostsee landen, jogge ich zwischen den Seebrücken der drei Kaiserbäder, zwischen hochfahrenden Möwen, vertäuten Kuttern und stöckelnden Nordic-Walkern. An manchem Morgen kreuzt auch ein Nacktbader meinen Weg, wird ein toter Fisch oder Kormoran von prustenden Wellen angespült.

Nachmittags fotografiere ich im flaumgrünen, naturgeschützten Hinterland Tagpfauenaugen, Spechte, Falken und Hasen. Und uralte, gebrochene Bäume. Trügerische Oasen der Stille. Denn Touristen sind ganzjährig vor Ort, wenn auch noch erträglich. Und Verkäuferinnen, Restaurant- und Gutshofladenbetreiber, die von ihnen leben. So gut, dass sie es nicht nötig haben, freundlich zu sein oder ihr Preis-Leistungsverhältnis zu überdenken. Natürlich gilt das nicht für alle. Leckeren fangfrischen Fisch zum fairen Preis kann man beispielsweise im Restaurant „Fischstübchen“ in Neeberg lächelnd serviert bekommen. Obwohl gerade Usedomer Heringswoche ist, bestelle ich dort einen Ostseeschnäpel, den Steinlachs, der nur vor der Insel gefangen wird. Er schmeckt wie eine Kreuzung aus Zander und Lachs. Dazu ein Lübzer vom Fass.
In den Koserower Salzhütten, wo früher die Heringe am Strand in Fässern konserviert wurden, kann man wohl den besten Räucheraal der Insel kaufen. Mir schmeckt er zumindest besser als der aus Rankwitz, dem „Geheimtipp“ für Busladungen voller Pauschalurlauber. Dazu ein böhmisches Schwarzbier und ofenfrisches Schwarzbrot, mehr braucht es nicht. Allerdings steigt der Genuss mit einem Gang auf den benachbarten Streckelsberg noch einmal ordentlich an. Von der Steilküste aus versuche ich kauend Vineta zu entdecken, die vor Koserow versunkene Sagenstadt. Fischern von hier ging einmal ein Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert ins Netz, das „Vineta-Kreuz“. Heute befindet es sich in der Koserower Dorfkirche.
Alle hundert Jahre, heißt es, soll Vineta am Ostermorgen auftauchen, um von einem Sonntagskind erlöst zu werden. Jetzt ist zwar Karwoche; doch wurde ich an einem Montag geboren. Also kein Vineta. Nicht mal seine silbernen Glocken läuten herauf.
Da sich die Bernsteinhexe ebenfalls nicht zeigt und der Aal verzehrt ist, wandere ich durch den Buchenwald in Richtung Kölpinsee.
Aber bald schon zieht es mich zur Südspitze des Gnitz, wo es am Rande eines weiteren Naturschutzgebietes einen weiteren Berg gibt - den weißen. Die 32 Meter hohe Kliffwand soll vom Achterwasser aus gut zu sehen sein, wie ein Rügener Kreidefelsen, nur kleiner. Unten die schweren Findlinge, oben leichtes Vogelgezwitscher. Die Leichtigkeit setzt sich mit dem Abstieg nach dem Wald fort: Über hügelige Magerrasenflächen geht es an Salzwiesen und Moorlandschaften vorbei. Das Auge blickt weit. Das Ohr lauscht den Hummeln in vereinzelten Bäumen.

Dann fahre ich auf eine Stippvisite nach Wolgast, der kleinen und vielleicht beschaulichen Stadt an der Peene; mit gemütlichen Anglern am Hafen, die vorleben, dass man Zeit verschwenden muss, um viel von ihr zu bewahren.
Den besten Kuchen soll es in der „Conditorei“ und dem „Café Arthur Biedenweg“ geben. Conditorei mit „C“ und Arthur mit „h“. Das deutet auf das fast 100-jährige Bestehen hin. Darauf ruht sich die Bedienung offenbar aus, als ich modernen Service einfordere: Sie kommt einfach nicht, obwohl ich längst zahlen will. Vielleicht ist sie auch zum Angeln am Hafen, denke ich. Aber immerhin stimmt das mit dem Kuchen, der ist hier sehr gut.
Dass niemand kommt, genieße ich wenig später allerdings im Heimatmuseum. Ungestört schlendere ich durch die drei Etagen des ehemaligen Lagerhauses aus dem 17. Jahrhundert, das vor 200 Jahren auch als Wirtschaft genutzt wurde. Ich lese von Stadtbränden und Zerstörungen im dreißigjährigen Krieg. Hier und da liegen neuzeitliche Grabungsfundstücke oder Hausrat von diversen Dachböden aus. Am meisten interessieren mich die Bilder des 1777 in Wolgast geborenen romantischen Malers Philipp Otto Runge, der wie ich gern Usedom und Rügen durchstreift hatte. Für die Brüder Grimm schrieb er das Märchen „Vom Fischer und syner Fru“ auf, bevor er mit Anfang dreißig an einer Lungentuberkulose starb. Im nächsten Jahr wiederholt sich sein Todestag zum zweihundertsten Mal.

Nicht weit vom Museum entfernt steht die Petri-Kirche, auf dessen 40 Meter hohen Turm ich steige, um mir Wolgast und seine Werft einmal von oben zu besehen. Da dort aber ein ordentlicher Wind weht, halte ich es nicht lange aus und steige über die enge Wendeltreppe wieder zum Kirchenschiff hinab. Erstaunlich, dass man dort von den letzten großen Stadtbränden, bei denen auch die Kirche brannte, keine Spuren mehr findet: Wandmalereien an Decken und Wänden, ein zweitklassig gemalter Totentanz-Zyklus und eine eingemauerte heidnische Steinplatte, der man als Gegenzauber ein Kreuz eingeritzt hatte.
Unter dem Altar befindet sich die Herzogengruft, wo der letzte Pommernherzog aus der Wolgaster Linie 1625 mit edelsteinbesetztem Goldschmuck beigesetzt worden war. Den großen Brand drei Jahre später hat er dort unbeschadet überstanden. Bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges wurden in der Gruft sogar noch weitere Familienangehörige bestattet. Aber gut vierzig Jahre darauf kamen 1688 die Grabräuber und brachen Zugang und Särge auf. Sie durchwühlten sie derart, dass die sterblichen Überreste ordentlich durcheinander gerieten und der Schmuck schnell vergriffen war. Weil anderntags der Küster und der Totengräber von Wolgast nicht auffindbar waren, kam man ihnen und ihren Greifswalder Hehlern schnell auf die Schliche. Man setzte sie bald in Hamburg oder Danzig fest. Nur die kostbaren Grabbeigaben waren auf immer verschollen.
Die sanierten Särge aber kann man in der Gruft hinter einer Glastür besichtigen, was - wenn man sich allein in der Gruft befindet - fast ein wenig gruselig ist. Als ich mich zum Gehen abwende, entdecke ich an der linken Wand hinter den Särgen eine wie mit Ruß angebrachte Nachricht: „CE 1587“ steht zuoberst. Darunter:
„ICH CHRISTOFFEL EIRICH
HA TAS FIRSCHLICH
BEKREWIS GEMIE“
Demnach hat ein Christoffel Eirich die fürstliche Gruft erbaut, also das „Begräbnis gemacht“. Aber dass er es so an die Wand schreiben durfte ... Was sollte er auch machen? Anders als bei guten Malern, Musikern und Schriftstellern nimmt die Nachwelt von Maurern mit Architektur-Ambitionen nur dann Notiz, wenn man ihr selbige derart hinterlässt. Vielleicht hatte man Herrn Eirichs Versuch, nicht vergessen zu werden, zuerst überpinselt, bis es jetzt als historisches Kuriosum wieder lesbar gemacht wurde; selbst wenn es die Totenwürde fürstlicher Särge mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit zu überschreien droht.

Karwoche. Bei dem Anblick der Särge wird mir immer mehr nach innerlicher Auferstehung zu Mute. Also fahre ich zum Ausgangspunkt meiner Wochenreise auf die Insel zurück, miete mir in Heringsdorf einen Strandkorb und staune, wie viele Urlauber dort vor dem Wasser inzwischen unterwegs sind. Sie scheinen aus dem Nichts zu kommen und selbst am Ziel ihrer Reise noch immer voller Unrast zu stecken. Der Anblick, über den die Möwen dümmlich lachen, gleicht mehr einer Völkerwanderung als einem Osterspaziergang. Es wogt vor den Wellen. Jeder scheint auf dem Weg zur nächsten Mahlzeit zu sein und verdeckt mir den Blick auf die See, auf die Ruhe, auf das Wesentliche. Da wird es auch für mich Zeit, äußerlich aufzuerstehen und wieder heimwärts aufzubrechen. Mit Staus in Richtung Berlin ist nicht zu rechnen.
Wenn die Schwäne mit dem Sonnenaufgang ihre Nachtquartiere verlassen und rauschend auf der Ostsee landen, jogge ich zwischen den Seebrücken der drei Kaiserbäder, zwischen hochfahrenden Möwen, vertäuten Kuttern und stöckelnden Nordic-Walkern. An manchem Morgen kreuzt auch ein Nacktbader meinen Weg, wird ein toter Fisch oder Kormoran von prustenden Wellen angespült.

Nachmittags fotografiere ich im flaumgrünen, naturgeschützten Hinterland Tagpfauenaugen, Spechte, Falken und Hasen. Und uralte, gebrochene Bäume. Trügerische Oasen der Stille. Denn Touristen sind ganzjährig vor Ort, wenn auch noch erträglich. Und Verkäuferinnen, Restaurant- und Gutshofladenbetreiber, die von ihnen leben. So gut, dass sie es nicht nötig haben, freundlich zu sein oder ihr Preis-Leistungsverhältnis zu überdenken. Natürlich gilt das nicht für alle. Leckeren fangfrischen Fisch zum fairen Preis kann man beispielsweise im Restaurant „Fischstübchen“ in Neeberg lächelnd serviert bekommen. Obwohl gerade Usedomer Heringswoche ist, bestelle ich dort einen Ostseeschnäpel, den Steinlachs, der nur vor der Insel gefangen wird. Er schmeckt wie eine Kreuzung aus Zander und Lachs. Dazu ein Lübzer vom Fass.
In den Koserower Salzhütten, wo früher die Heringe am Strand in Fässern konserviert wurden, kann man wohl den besten Räucheraal der Insel kaufen. Mir schmeckt er zumindest besser als der aus Rankwitz, dem „Geheimtipp“ für Busladungen voller Pauschalurlauber. Dazu ein böhmisches Schwarzbier und ofenfrisches Schwarzbrot, mehr braucht es nicht. Allerdings steigt der Genuss mit einem Gang auf den benachbarten Streckelsberg noch einmal ordentlich an. Von der Steilküste aus versuche ich kauend Vineta zu entdecken, die vor Koserow versunkene Sagenstadt. Fischern von hier ging einmal ein Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert ins Netz, das „Vineta-Kreuz“. Heute befindet es sich in der Koserower Dorfkirche.
Alle hundert Jahre, heißt es, soll Vineta am Ostermorgen auftauchen, um von einem Sonntagskind erlöst zu werden. Jetzt ist zwar Karwoche; doch wurde ich an einem Montag geboren. Also kein Vineta. Nicht mal seine silbernen Glocken läuten herauf.
Da sich die Bernsteinhexe ebenfalls nicht zeigt und der Aal verzehrt ist, wandere ich durch den Buchenwald in Richtung Kölpinsee.
Aber bald schon zieht es mich zur Südspitze des Gnitz, wo es am Rande eines weiteren Naturschutzgebietes einen weiteren Berg gibt - den weißen. Die 32 Meter hohe Kliffwand soll vom Achterwasser aus gut zu sehen sein, wie ein Rügener Kreidefelsen, nur kleiner. Unten die schweren Findlinge, oben leichtes Vogelgezwitscher. Die Leichtigkeit setzt sich mit dem Abstieg nach dem Wald fort: Über hügelige Magerrasenflächen geht es an Salzwiesen und Moorlandschaften vorbei. Das Auge blickt weit. Das Ohr lauscht den Hummeln in vereinzelten Bäumen.

Dann fahre ich auf eine Stippvisite nach Wolgast, der kleinen und vielleicht beschaulichen Stadt an der Peene; mit gemütlichen Anglern am Hafen, die vorleben, dass man Zeit verschwenden muss, um viel von ihr zu bewahren.
Den besten Kuchen soll es in der „Conditorei“ und dem „Café Arthur Biedenweg“ geben. Conditorei mit „C“ und Arthur mit „h“. Das deutet auf das fast 100-jährige Bestehen hin. Darauf ruht sich die Bedienung offenbar aus, als ich modernen Service einfordere: Sie kommt einfach nicht, obwohl ich längst zahlen will. Vielleicht ist sie auch zum Angeln am Hafen, denke ich. Aber immerhin stimmt das mit dem Kuchen, der ist hier sehr gut.
Dass niemand kommt, genieße ich wenig später allerdings im Heimatmuseum. Ungestört schlendere ich durch die drei Etagen des ehemaligen Lagerhauses aus dem 17. Jahrhundert, das vor 200 Jahren auch als Wirtschaft genutzt wurde. Ich lese von Stadtbränden und Zerstörungen im dreißigjährigen Krieg. Hier und da liegen neuzeitliche Grabungsfundstücke oder Hausrat von diversen Dachböden aus. Am meisten interessieren mich die Bilder des 1777 in Wolgast geborenen romantischen Malers Philipp Otto Runge, der wie ich gern Usedom und Rügen durchstreift hatte. Für die Brüder Grimm schrieb er das Märchen „Vom Fischer und syner Fru“ auf, bevor er mit Anfang dreißig an einer Lungentuberkulose starb. Im nächsten Jahr wiederholt sich sein Todestag zum zweihundertsten Mal.

Nicht weit vom Museum entfernt steht die Petri-Kirche, auf dessen 40 Meter hohen Turm ich steige, um mir Wolgast und seine Werft einmal von oben zu besehen. Da dort aber ein ordentlicher Wind weht, halte ich es nicht lange aus und steige über die enge Wendeltreppe wieder zum Kirchenschiff hinab. Erstaunlich, dass man dort von den letzten großen Stadtbränden, bei denen auch die Kirche brannte, keine Spuren mehr findet: Wandmalereien an Decken und Wänden, ein zweitklassig gemalter Totentanz-Zyklus und eine eingemauerte heidnische Steinplatte, der man als Gegenzauber ein Kreuz eingeritzt hatte.
Unter dem Altar befindet sich die Herzogengruft, wo der letzte Pommernherzog aus der Wolgaster Linie 1625 mit edelsteinbesetztem Goldschmuck beigesetzt worden war. Den großen Brand drei Jahre später hat er dort unbeschadet überstanden. Bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges wurden in der Gruft sogar noch weitere Familienangehörige bestattet. Aber gut vierzig Jahre darauf kamen 1688 die Grabräuber und brachen Zugang und Särge auf. Sie durchwühlten sie derart, dass die sterblichen Überreste ordentlich durcheinander gerieten und der Schmuck schnell vergriffen war. Weil anderntags der Küster und der Totengräber von Wolgast nicht auffindbar waren, kam man ihnen und ihren Greifswalder Hehlern schnell auf die Schliche. Man setzte sie bald in Hamburg oder Danzig fest. Nur die kostbaren Grabbeigaben waren auf immer verschollen.
Die sanierten Särge aber kann man in der Gruft hinter einer Glastür besichtigen, was - wenn man sich allein in der Gruft befindet - fast ein wenig gruselig ist. Als ich mich zum Gehen abwende, entdecke ich an der linken Wand hinter den Särgen eine wie mit Ruß angebrachte Nachricht: „CE 1587“ steht zuoberst. Darunter:
„ICH CHRISTOFFEL EIRICH
HA TAS FIRSCHLICH
BEKREWIS GEMIE“
Demnach hat ein Christoffel Eirich die fürstliche Gruft erbaut, also das „Begräbnis gemacht“. Aber dass er es so an die Wand schreiben durfte ... Was sollte er auch machen? Anders als bei guten Malern, Musikern und Schriftstellern nimmt die Nachwelt von Maurern mit Architektur-Ambitionen nur dann Notiz, wenn man ihr selbige derart hinterlässt. Vielleicht hatte man Herrn Eirichs Versuch, nicht vergessen zu werden, zuerst überpinselt, bis es jetzt als historisches Kuriosum wieder lesbar gemacht wurde; selbst wenn es die Totenwürde fürstlicher Särge mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit zu überschreien droht.

Karwoche. Bei dem Anblick der Särge wird mir immer mehr nach innerlicher Auferstehung zu Mute. Also fahre ich zum Ausgangspunkt meiner Wochenreise auf die Insel zurück, miete mir in Heringsdorf einen Strandkorb und staune, wie viele Urlauber dort vor dem Wasser inzwischen unterwegs sind. Sie scheinen aus dem Nichts zu kommen und selbst am Ziel ihrer Reise noch immer voller Unrast zu stecken. Der Anblick, über den die Möwen dümmlich lachen, gleicht mehr einer Völkerwanderung als einem Osterspaziergang. Es wogt vor den Wellen. Jeder scheint auf dem Weg zur nächsten Mahlzeit zu sein und verdeckt mir den Blick auf die See, auf die Ruhe, auf das Wesentliche. Da wird es auch für mich Zeit, äußerlich aufzuerstehen und wieder heimwärts aufzubrechen. Mit Staus in Richtung Berlin ist nicht zu rechnen.
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