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Samstag, 28. Juni 2008

093 | Sinn des Lebens

Regen. Endlich Regen. Er spült das Fieber aus der Luft und wischt den klebrigen Schweiß von den Blättern der Bäume. Mein Kopf atmet wieder kühlen Verstand. Kein hitziges Verzetteln mehr, keine Maßlosigkeit, nur der barfüßige Gang zur wiedergefundenen Mitte.
Ich versuche in den Zufälligkeiten, die um mich her passieren, Zusammenhänge zu erkennen, glaube aber, dass diese Zusammenhänge Trugbilder sind:
Ein liegen gebliebener Murakami-Roman, der mich eigentlich begeistert, zwei sich eines Mittags neben der Haustür paarende unbekannte Großfalter, die von einem anderen Planeten zu stammen schienen und hier ihre Flitterwochen verbrachten. (Abends paarten sie sich immer noch neben der Haustür.) Ein runtergefallenes Weinglas, das ganz blieb, um später beim Abtrocknen zu zerbrechen. Ein Anrufer, der nichts zu sagen hat, ein E-Mail-Kettenbrief, der zum Nachdenken über die Vergänglichkeit einlädt. (Wer ihn wohl verfasst hat?) Aufhänger darin ist der Tod einer jungen Frau. Stunden später kommt von einem Bekannten ebenfalls die Nachricht vom Tod einer jungen Frau, seiner Freundin.
Und mit dem Regen kommt immer auch die Schwermut.
Wie gut erinnere ich mich an die Frau, die ich schon als Mädchen kannte? Wie gut habe ich sie überhaupt gekannt? Wer geht als nächstes? Ungeduldig trommelt der Regen ans Fenster.
Eine zur Phrase verkommene Weisheit fällt mir ein:
„Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.“ Für die Hinterbliebenen der jungen Frau so tröstlich wie die Mär vom gerechten Gott.
Menschen, die in mein Leben traten oder ich in ihres, sehe ich vor mir. Auch Menschen, die schon immer dagewesen zu sein schienen und es plötzlich nicht mehr sind. Menschen, die lästig wurden oder bedeutsam, als es zu spät war. Was war, was bin ich ihnen?
Da tut es einen Schlag gegen die Tür, wie wenn jemand anklopft oder ein später Vogel dagegenfliegt. Liegt er jetzt mit gebrochenem Genick davor wie die toten Fliegen auf dem Fensterbrett, das ich längst abwischen müsste? Spuren beseitigen, wie der Regen.
Aber sobald die Sonne durchbricht, werde ich rausgehen, den Kopf freilaufen, weil ich lebe. Und weil das mit dem Verstand bei geistiger Kurzatmigkeit auch nicht immer so klappen will.
Wer weiß, vielleicht besteht der Sinn des Lebens auch nur darin, das Beste aus allem zu machen. Und manchmal ahne ich da draußen auch, wie ich es für mich anstellen kann.

Sonntag, 25. Mai 2008

Auf dem Weg

Morgens an einer Landstraße mit uralten Linden zu beiden Seiten, an einer Allee, die nach Norden führt. Keine Ahnung, wie ich dort hingekommen bin. Aber ich bin da und ich bin allein. Kein Gepäck dabei, nur ein Lied im Kopf.
“Are you going to Scarborough Fair?”
An dieser Landstraße hört meine Flucht auf, beginnt die Hinbewegung zum Ersehnten. Keine Stagnation mehr, kein bloßes Durchspielen von Möglichkeiten, sondern tun, gehen, loslassen. Und vorwärtsträumen:
Durch Mecklenburg zur Ostsee, wo das Meer sich teilen wird. Dann durch Schwedens literarische Wälder. Dort lege ich mich ins Moos - und träume mich weiter.
“Parsley, sage, rosemary and thyme”
Meine Reise ist geradlinig und durchbricht den Kreislauf, welchen die Vernunft gern aufzwingt, den Gefängnishof-Kreislauf, der mich träge machte und schwindeln ließ. Mein Weg geht durch Mauern und Zeiten. Er ist alt wie der älteste Traum.
“Remember me to one who lives there”
Und du? Du lachst? Nennst es abfällig „Romantik“? Ich nenne es „wahres Leben“. Du sagst, es sind nur Worte. Aber es sind Samen, aus denen ein Zentaur aus Dichtung & Wahrheit erwachsen kann. Wer ihn streckenweise reitet, erkennt sich selbst und verliert die Angst davor, etwas verlieren zu können. Die Angst, verletzt zu werden. Die Angst.
Sieh, wie es übermütig durch ironisches Unkraut geht, das aus deiner Bodenständigkeit sprießt. Unkraut! Keine Linden, keine Alleen und keine Zentauren.
Aber Ironie ist gefühllos. Und bloße Bodenständigkeit zieht den Geist herunter, in Grabestiefe. Den Geist, der sich aufschwingen möchte. Aufschwingen zum Gesang der Lerche, zu den Erinnerungen, die einem einflüstern, wohin der Weg führen sollte.
“For she once was a true love of mine.”
Kennst du den Ort, wo die besten Gefühle der besten Menschen unsterblich sind? Das ist das Ziel meiner Reise.
Und du? Reicht dir, gut zu essen, guten Sex und keine Schmerzen zu haben? Reicht es, lange zu schlafen, ohne wahrhaftig zu träumen?
Falls du mich eines Morgens suchen solltest, weißt du, wo du mich finden wirst. Ich bin auf dem Weg.

Sonntag, 4. Mai 2008

Junges Glück

Sie gehn auf Sonnenwegen,
Spazieren Hand in Hand.
Sie war direkt verlegen,
Als er ihr Blümchen fand.
Sie will nur diesen Einen:
Er warnt vor Stolpersteinen,
Er warnt vor tiefen Pfützen.
Als würde es was nützen.

Er ruft sie täglich an
Und nennt sie „kleine Maus“.
Sie sagt nur noch „mein Mann“
Und „unser schönes Haus“.
Für andre sind sie blind.
Selbst wenn sie Rentner sind,
Wolln sie einander stützen.
Als würde es was nützen.

Er lässt sie nie im Stich.
Wenn er zur Arbeit fährt,
Sagt sie: „Ich liebe dich!“
Und wenn er wiederkehrt,
Geschwächt und etwas kühl,
Gibt sie ihm das Gefühl,
Er könne sie beschützen.
Als würde es was nützen.