Seiten

Sonntag, 28. Oktober 2018

199 | Rücktour

Unser Pensionswirt meinte, wir könnten uns Zeit lassen mit dem Auschecken. Und so gingen wir gestern ein letztes Mal entspannt am Hafen frühstücken, dann zum Verabschieden ins „Ilios“.
Manolis war gerade von der Jagd zurückgekehrt. Die Gräser und Büsche seien zu hoch gewesen, sagte er, wodurch etliche Hasen fliehen konnten. Einen hatte er jedoch erwischt und ihm bereits, wie wir in der Küche sahen, das Fell abgezogen. Für Vegetarier sicher kein schöner Anblick. Aber Pilze hatte Manolis auch aus den Bergen mitgebracht.
Er trank noch seinen Frappé aus, rauchte eine letzte E-Zigarette, umarmte uns herzlich und ging geschafft schlafen. Susanne hielt es noch ein wenig mit uns aus. Auch sie freute sich auf das Saisonende, wenn sie wieder zum Lesen und E-Mail-Schreiben kommt, zum Besuchen und Empfangen von Freunden.
Während wir an Cola und Sprite mit Eiswürfeln nippten, ging draußen ein jugendlich wirkender Mann vorbei. Ein 26-jähriger Pakistani, wie Susanne sagte. Er arbeite für einen Obst- und Gemüseladen oben in der Straße, liefere Orangen in Restaurants oder hole leere Gasflaschen von Cafés ab. Immer fröhlich und freundlich winkend. Immer dankbar für das, was das Leben ihm bot. Dabei habe er hier keine Familie und als Flüchtling nur einen unbestimmten Aufenthaltsstatus. Und das bisschen Geld, was er verdiene, schicke er ausnahmslos in die alte Heimat. Ganz anders dagegen die beiden jungen Griechinnen, die heute früh gackernd am Nachbartisch saßen, sich ständig schminkten und die Kellnerin beim Bezahlen nicht einmal ansahen. Menschenschicksale.
Nachdem wir auch Susanne fest gedrückt hatten und vor 14.00 Uhr abfuhren, gingen die Zwillinge noch einmal schnorcheln. Das Wetter war einfach zu schön, wie auch eine auf dem Weg sitzende Gottesanbeterin fand.
Und dann saßen wir auch schon wie letztes Jahr in Agia Varvara in „unserem Imbiss“ und aßen köstliche Gyros- und Souvlaki-Pita. Außer Notfall-Keksen würde es bis spät abends ja nichts mehr geben.
Tanken mussten wir ebenfalls noch. Nur was? Benzin oder Diesel? Auf dem Mietwagen-Zettel, wo es normalerweise vermerkt wird, stand nichts dazu. Laut Handschufach-Bordbuch sollten wir Diesel nehmen, doch das wollte der Service-Mann nicht recht glauben und startete den alten Citroen Jumpy, um den Motor zu hören.
„Benzine!“, behauptete er und lachte.
„Are you shure?“, fragte ich.
Erst da fiel mir auf, dass wir ein Bordbuch von Fiat dabei hatten. Aber der Mann nickte.
„Benzine, benzine!“
„And if that not true?“
„Boom!“, machte er und lachte weiter.
Obwohl der Tank noch zu einem Viertel voll war, musste ich wegen der hohen griechischen Benzinpreise und Besteuerung fast glatte 100 € zahlen.
Auf der Weiterfahrt nach Heraklion machte es nicht „Boom!“. Das teure Benzin schien also die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Bei der Auto-Rückgabe gab es auch keine Probleme. Dass die Schlösser der nur manuell abzuschließenden Türen ausgeleiert waren und das Bordbuch fehl am Platz, sagte ich nicht. Dass wir über der Sichtblende einen Fotoapparat gefunden hatten, ebenfalls nicht. In Berlin werde ich die Besitzer, die ihren Fotos nach auch in Thailand gewesen sein mussten, über Facebook ausfindig zu machen versuchen. Denn wer weiß, ob die Leute von der Autovermietung die Kamera am Ende nicht behalten hätten.
Dann wechselte ich am Flughafen die Hose von kurz auf lang, gab mit den Jungs die Koffer ab und checkte uns ein. Zum Glück waren die nervigen Umbauarbeiten beendet und das Flughafengebäude machte endlich einen angenehmeren Eindruck. Vor dem Abflug gab es eine halbe Stunde Wartezeit, weil man in Tegel, wo der Eurowings-Flieger herkam, getrödelt hatte. Die machte der Pilot aber bis auf zehn Minuten wieder gut. Und das trotz leichter Turbulenzen. Somit konnte uns Andrea gegen 22.00 Uhr freudestrahlend in die Arme schließen.
Unser einhelliges Fazit: Ein super Urlaub ganz nach unserem Geschmack.

Samstag, 27. Oktober 2018

198 | Noch einmal Matala

Der gestrige Morgen begrüßte uns mit wolkenfreiem Himmel. Und mit der Nachricht, dass es in Westgriechenland ein Seebeben gegeben hat. Zum Glück nicht bei uns. Hier gab es zwar nach dem Frühstück im ganzen Ort kein Wasser mehr, und am Vorabend war zweimal kurz der Strom ausgefallen. Doch das lag an den vergangenen Böen und Regenfällen.
Für unseren letzten ganzen Tag hatte der Wetterbericht windstille 22°C angesagt, und wir wollten auf jeden Fall irgendwo an den Strand. Nur wo? Der Prevele Beach war laut Internet eine einzige Enttäuschung. Außerdem lag er ziemlich weitab. Und der Strand von Triopetra? Zu steinig. Am Ende wollten die Jungs noch einmal nach Matala.
Vorher reservierten wir bei Susanne den Tisch unter der Sonne für abends, während Manolis draußen fischte. Anschließend gingen wir hoch zu den Ikarus- und Daedalus-Statuen und dann zur Pension, wo wir das mit dem Wasser feststellten. Was soll´s, sagten wir uns, auf nach Matala, denn „Today is life, tomorrow never comes.“

Die Regenfälle hatten vor zwei Tagen den vor dem Parkplatz endenden trockenen Bachlauf in ein reißendes Flüsschen verwandelt und mittig einen Strandabschnitt ins Meer gespült. Wir stellten den Wagen besser wieder oberhalb ab, auf dem Campingplatz-Gelände. Dann ging es mit Taucherbrille und Schnorchel ins Meer.


Doch das Wasser war zu milchig-trüb, die Sicht an Land umso besser: Zwei Rentnerpaare aus Deutschland hatten sich bis ganz nach vorn gewagt. Mit Hütchen, langen Sachen und Rucksäcken standen sie wie Völkerkundler unter den Halbnackten. Die Herren mit riesigen Fotoapparaten vor den Bäuchen, die Frauen mit gut gemeinten Ratschlägen („Kremple doch deine Schuhe hoch!“ sic!), bevor sie von einer frech auflaufenden Welle umspült wurden.
Später, nachdem wir die Handtücher, Taucherbrille und Wasserflasche zum Auto gebracht hatten, zogen wir einmal mehr durch den Ort, wo die Jungs schlecht schmeckende, mit kaltem Knorpelfleisch gefüllte Gyros-Pita aßen.
Zufällig entdeckten wir hinter einem Haus den Weg zum Red Beach, an dem ich noch nie war. Ich hatte nur im Internet darüber gelesen. In Flipflops folgten wir blauen Pfeilen und weißen Punkten bergauf und stellten fest, dass Matalas zweiter Strand nicht gleich hinter der Felswand liegt.
Der alte Hippie-Trail führte uns an einer bewohnt aussehenden Höhle und aufgeschichteten Steinhaufen vorbei. Immer aufwärts und dann wieder abwärts, bis wir nach einer halben Stunde an einem etwa 300 m langen geröllfreien Uferbereich mit blauen Schirmchen und einer bunt bemalten Bar ankamen. Der Bar von Janis, wie wir lesen konnten, der für 9,- € „best Mojitos“ anbot.
So anstrengend der Weg auch war, gelohnt hat er sich auf jeden Fall. Die Jungs kürten den weichen rotbraunen Sandstrand mit seiner malerischen Brandung und dem hellblau klaren Wasser zum schönsten überhaupt. Blöd nur, dass wir keine Taucherbrille mehr dabei hatten.


Auch jetzt, Ende Oktober, war der Red Beach gut besucht, aber nicht zu voll. Die rechte Strandhälfte gehörte den FKK-Freunden. Dahinter, vor einer riesigen Sandsteinwand, hatten Künstler Reliefs und Skulpturen aus Felsbrocken gearbeitet. Sie schienen über jede Menge Zeit verfügt zu haben und somit über das Wissen, was wahrer Luxus ist. Vierzig, fünfzig Jahre früher fühlte sich das Leben hier sicher noch wie ein einziger endloser Sommer an. Schade, dass ich 1992, als ich das erste Mal auf Kreta war und in Matala campte, keine Ahnung von diesem Strand hatte. Aber für uns Heutige stand fest: Wir kommen auf jeden Fall wieder, wenn wir im nächsten Herbst erneut auf unserer Lieblingsinsel sind.
Den Tag beschlossen wir mit Rinder-Stifado, 4-5 Stunden gegartem Zicklein, das morgens geschlachtet wurde, und Hackfleischbällchen auf mediterranem Kartoffelsalat selbstverständlich im „Ilios“. Manolis war von seiner vielen Arbeit kaputt: früh mit dem Boot raus (wieder nichts gefangen), mittags das Ziegengulasch zubereitet, abends mit Susanne gekocht und gekellnert. Und dann wollte er am nächsten Morgen zur Jagd gehen. Natürlich liebt er es, doch so ein Programm drei Jahre ohne Urlaub durchzuziehen, ist hart.

Als Abschiedsgeschenk bekamen wir eine schwere Tüte voll Honig, Olivenöl, Bergkräutertee und Raki mit, worüber Andrea sich auch freuen darf. So eine Tüte ist neben schönen Erinnerungen wohl das Beste, was man sich von Kreta mitnehmen kann.

Freitag, 26. Oktober 2018

197 | Rethymnon

Beim Frühstück am Hafen war es gestern schön sonnig, aber auch sehr windig. Und auf ganz Kreta sollte es laut Wetterbericht nicht wärmer als 17 bis 18°C werden. Um zu baden, worauf wir Lust hatten, nicht gerade ideal. Also beschlossen wir, nach Norden zu fahren und dem Großen die Hafenstadt Rethymnon zu zeigen. Aber erst nach Mittag, wenn es sich da oben laut WetterApp ausgeregnet hätte.

Unterwegs in den Bergen waren wieder riesige aufsitzende Wolkenmassen zu sehen und dramatisch angestrahlte Gipfel. Ließen die Böen, die uns auf den Serpentinen schlingern ließen, nach, begann es zu nieseln.
Die Jungs hatten vor, in Rethymnon schwimmen zu gehen und bereits bloß Badehosen und – bis auf den Großen – Flipflops an. Einem der Zwillinge fiel jedoch ein, dass er seine Jacke vergessen hatte, weshalb er an der Strandpromenade, wo wir parkten, meine bekam. Ich lief also in T-Shirt und Shorts zwischen gut verpackten Leuten herum und mein vergesslicher Sohn war mir für alle Zeiten dankbar.
Ans Schwimmen war natürlich nicht zu denken. Dafür war allein die Brandung zu stark. Das Wetter war genau wie im letzten Jahr, nur dass es nicht (mehr) regnete. Wir schlenderten durch windgeschützte Straßen der Altstadt entgegen, aßen etwas in einem Gyros-, Pizza-Laden und besahen uns Geschäfte.


Die venezianisch-osmanisch geprägten Häuser waren teilweise saniert und teilweise in verheerendem Zustand. Vor dem venezianischen Hafen schlossen wir erneut Wetten ab, wie viele Kellner uns ansprechen würden, um uns in ihre Restaurants zu locken. Der Gewinner sollte von den übrigen Dreien je einen Euro bekommen. Doch nur einmal angesprochen zu werden, damit hatte keiner gerechnet. Und am Ende gingen wir freiwillig in ein Lokal, um uns mit Tee und heißer weißer Schokolade aufzuwärmen.
Pünktlich zum Einbruch der Dämmerung waren wir in Agia Galini zurück und zogen zum Essen ins „Onar“. Unser Lieblingskellner schnappte sich eines der immer mitgeschleppten Kombolois, setzte sich hin, legte die Beine hoch und demonstrierte den Jungs, auf welche Haltung es bei diesem Fingerspiel ankäme: cooler Altherren-Gesichtsausdruck, (imaginären) Schnurrbart zwirbeln und die Umgebung hochmütig scannen. Der Mann war lustig und ging mit seiner entschleunigten Art maßgeschneidert auch auf die anderen Gäste ein. Kein Abspulen ewig gleicher Sprüche wie bei Stochos´ Evi. Die Zwillinge bestellten Chicken-Souvláki, mein Großer und ich die Fischplatte für zwei Personen. Davor, ein Muss im „Onar“, frittierte Auberginen. Das Fischessen begann mit Fischeintopf, der hervorragend schmeckte. Danach war ich im Grunde schon satt. Aber mich erwarteten noch eine frittierte Sardine, eine Rotbarbe und ein unbekannter Fisch, gebratenes Doradenfilet und ein Stück gegrillter Thun- und Schwertfisch. Und Kartoffeln mit gegrillter Paprika. Und ein Stück Schokokuchen als Abschluss. Der Raki, der uns zweimal nachgeschenkt wurde, war so willkommen wie lange nicht, doch der aufwärts zur Pension führende Weg eine einzige Qual.

Für unsere Freunde aus dem „Ilios“ waren wir an diesem Abend zu satt und zu kaputt. Wir setzten uns nur noch bei leiser Laptop-Musik auf die Terrasse und nutzten unsere Jungs-Zeit für gute Jungs-Gespräche.