Sonntag, 14. Juni 2009

102 | Was kochen

Sonntagmittag in Berlin. Durch das gardinenlose Küchenfenster räkelt sich ein sommerlicher Strandhimmel. Blasse Häuser sonnen sich unter Urlaubsfliegern, dazwischen verliebte Linden. Sie swingen zu Van Morrisons „Brown Eyed Girl“:
„Standing in the sunlight laughing, / Hiding behind a rainbow's wall, / Slipping and sliding / All along the water fall, with you / My brown eyed girl, / You my brown eyed girl.“
Der Abend gestern war gut und lang. Der Tag ist schön wie du, denke ich. Morgen ist bis morgen egal.
Ich setze den Pastatopf auf und schneide Fleischwurst in kleine Würfel. Es gibt heute keinen Sonntagsbraten, nichts Aufwändiges. Es gibt Spaghetti. Unser Studentenessen, bei dem jeder Handgriff sitzt und die Gedanken spielen gehen dürfen.
„Laughing and a running hey, hey / Skipping and a jumping ...“
Die Würfel in Olivenöl anbraten, eine gehackte Zwiebel hinterher. Frisch gemörserten schwarzen Pfeffer, eine zerdrückte Knobi-Zehe und getrocknetes Oregano. Und etwas Salz. Und etwas Zucker. Und überhaupt.
„Do you remember when we used to sing, / Sha la la la la la la la la la la te da ...“ Dosentomaten drüber, gefrorene italienische Kräuter rein. Es blubbert im Topf, als wäre da was einverstanden und wolle mitsingen.
„Making love in the green grass / Behind the stadium with you / My brown eyed girl /You my brown eyed girl/ Do you remember when we used to sing / Sha la la la la la la la la la la te da.“
Ordentlich Salz ins Nudelwasser, die Spaghetti aus der Packung hinterhergekloppt. Und die Blubbersoße umgerührt. My brown eyed girl. Du schläfst nebenan und träumst von sommerlichen Strandhimmeln, die uns gehören. Der Abend gestern war lang.
Ich öffne das Fenster, vermenge die Nudeln mit einer Gabel, damit sie nicht wie wir aneinander kleben. Habe ich dir je gesagt, dass ich dich liebe? Dieser Tag ist so wunderbar einfach wie ein guter Song zum Kochen. Die Soße noch etwas nachsalzen und Parmesan reiben. Ich werde dich jetzt wachküssen, my brown eyed girl.

Sonntag, 31. Mai 2009

101 | Mit Biermann am Alex

Heute sah ich mir zum zweiten Mal die Open-Air-Ausstellung „Friedliche Revolution von 1989/90“ auf dem Alexanderplatz an. Und traf dort Wolf Biermann.
„Schön, dass Sie da sind, Herr Biermann“, sagte ich im Vorübergehen. Aber ich war irritiert: Kein Kamera-Team, keine Kontroverse, kein Gefolge. Eine nette Frau war im Hintergrund an seiner Seite und machte am Ende ein Foto von ihm und mir, was ich peinlich berührt nett fand. Sie wolle es mir später zumailen.

Eigentlich wollte ich es bei diesem Schön-dass-Sie-da-sind-Satz belassen. Weil ich zwar einiges über ihn weiß und sogar Biermann-Prosa in meinem Regal stehen habe, aber er mich nicht mal ansatzweise kennen kann. Ich hatte große Lust, mich mit ihm zu unterhalten, doch dränge ich mich nur ungern auf. Aufdränger wird es in Biermanns Leben schon genug gegeben haben, dachte ich. Und damit meine ich nicht unbedingt die Herren von der Stasi. Aber dann kamen wir doch ins Plaudern, sprachen über alte DDR-Geister, die weder ihn noch mich loslassen.
Alexanderplatz. Hier fand am 4. November 1989 die Großdemonstration statt, bei der meine Oktober-Demo-Ängste einer November-Euphorie wichen. Biermann durfte an diesem Sonnabend nicht auftreten. Er war zur Ruhe gezwungen. Dabei streitet er doch so leidenschaftlich gern. Überhaupt, sagte Biermann, fühlte er sich bei dem ganzen Wirbel nach seiner Ausbürgerung wie im Auge eines Hurricans, wo Windstille herrscht. Zumindest auf den Aktionsradius bezogen. In ihm wird es jedoch gewaltig gestürmt haben. So sehr, dass die Nachwehen nie ganz aufhören und eine politische Wetterfühligkeit zurückbleibt.
(Ich finde es übrigens sehr sympathisch, dass er auch noch eine Gänsehaut bekommt, wenn das 89er Wendevolk den „Wir-sind-das-Volk!“-Imperativ skandiert.)

Wir sprachen über Ursachen von Revolutionen und davon, dass Krenz ´89 nur deshalb kein Remake des Tian‘anmen-Massakers inszenierte, weil die militärischen Einsatzmittel für die Menschenmassen nicht ausreichten. „Die hätten den Fleischwolf verstopft!“, sagte Biermann. Er liebt drastische Bilder. Außerdem hatte die Parteiführung bekanntlich keine Rückendeckung von den Russen: Wenn auch nur ein NVA-Panzer auf Demonstranten geschossen hätte, hätten die Russen ihrerseits den Panzer unter Beschuss genommen. „Ohne die Russen“, so Biermann, „wäre alles noch mindestens 20 Jahre so weitergegangen“.
Wo stünde ich dann heute? Hätte ich mich wie so viele mit den Verhältnissen abgefunden? Hätte ich weiter aufbegehrt? Meinen Jahrgang erlöste die Wende genau im richtigen Augenblick. Rückblickend fiel bei uns politisches Erwachen und erfolgreiches Aufbegehren zusammen. Wobei die einen mehr und die anderen weniger aufbegehrten. Nachdem auch noch die Mauer dem Überdruck eines willensstarken Volkes nachgab, schien alles möglich. Zumindest in den Augen eines 18-Jährigen. Zeit des Aufbruchs. Erst später ging mir auf, dass Aufbruch immer auch Abschied bedeutet. Abschied von liebgewonnenen Gewohnheiten und Menschen.
„Kuck mal“, sagte Biermann ernst vor einem großen Foto, das ihn ernst zwischen Jürgen Fuchs, Gerulf Pannach und Christian Kunert im August ´77 auf einem West-Berliner Balkon zeigt. Die drei waren nach ihm abgeschoben worden. „Zwei von ihnen sind bereits tot.“
Aber nicht Biermann. Er kam mir wie ein sehr lebendiger Wiedergänger zwischen den als Mauerzitat errichteten Ausstellungswänden vor. Um alles zu sehen, musste er mehrfach die Seiten wechseln. Als lebendes Sinnbild.

Das Beste an dem Gespräch mit dem Dichter war, dass er mich ernst nahm. Dass er sich aus Interesse mit mir, einem unbedeutenden Ausstellungsbesucher, unterhielt. Er tat es nicht nur, weil er Volksnähe demonstrieren wollte oder Werbung machte für seinen späteren Konzert-Auftritt im Deutschen Historischen Museum. Denn Heuchelei liegt ihm nicht, dagegen singt er sein Leben lang an.
Ich wünschte ihm und seiner Begleiterin schließlich alles Gute und schlenderte Unter den Linden entlang, um meine Eindrücke zu sortieren.
Unter den Linden. Wie selbstverständlich großstädtisch alles wirkt nach 20 Jahren. Überall kann ich Dinge, die man früher nicht kaufen konnte, in Restaurants essen. Kann an den Bücherständen der Humboldt-Universität Gedanken erwerben, die früher verboten waren. Ich kann sogar die Szenerie wechseln und das Land westwärts verlassen. Ganz selbstverständlich.
Vor der Humboldt-Universität, wo auch Biermann in ganz und gar nicht selbstverständlichen Zeiten studiert hatte, entdeckte ich seinen aktuellen Lyrik-Band „Heimat. Neue Gedichte“. Inzwischen bei Hoffmann und Campe verlegt, nicht mehr bei Kiepenheuer. Bei Campe veröffentlichte auch Heine seine neuen Gedichte. Und seinen Heimkehr-Zyklus.
In „Heimkehr nach Berlin Mitte“ schreibt Biermann „Ich bin Legende ohne Totenschein“. In „Biermanns Bilanzballade im elften Jahr“ heißt es am Ende: „Ich lebe und stehe nun splitternackt / Mal wieder am Anfang und weine beim Lachen.“
Manchmal schreibt er mir aus dem Herzen, klingt ein Vers lange nach.
Ich zahlte 8,-€ dafür und ging mehr als reich beschenkt in den Tag.

Samstag, 11. April 2009

100 | Usedom vor Ostern

Karwoche. Endlich Urlaub. Nach öfter Rügen einmal Usedom. Und das bei bestem Aprilwetter.

Wenn die Schwäne mit dem Sonnenaufgang ihre Nachtquartiere verlassen und rauschend auf der Ostsee landen, jogge ich zwischen den Seebrücken der drei Kaiserbäder, zwischen hochfahrenden Möwen, vertäuten Kuttern und stöckelnden Nordic-Walkern. An manchem Morgen kreuzt auch ein Nacktbader meinen Weg, wird ein toter Fisch oder Kormoran von prustenden Wellen angespült.

Nachmittags fotografiere ich im flaumgrünen, naturgeschützten Hinterland Tagpfauenaugen, Spechte, Falken und Hasen. Und uralte, gebrochene Bäume. Trügerische Oasen der Stille. Denn Touristen sind ganzjährig vor Ort, wenn auch noch erträglich. Und Verkäuferinnen, Restaurant- und Gutshofladenbetreiber, die von ihnen leben. So gut, dass sie es nicht nötig haben, freundlich zu sein oder ihr Preis-Leistungsverhältnis zu überdenken. Natürlich gilt das nicht für alle. Leckeren fangfrischen Fisch zum fairen Preis kann man beispielsweise im Restaurant „Fischstübchen“ in Neeberg lächelnd serviert bekommen. Obwohl gerade Usedomer Heringswoche ist, bestelle ich dort einen Ostseeschnäpel, den Steinlachs, der nur vor der Insel gefangen wird. Er schmeckt wie eine Kreuzung aus Zander und Lachs. Dazu ein Lübzer vom Fass.

In den Koserower Salzhütten, wo früher die Heringe am Strand in Fässern konserviert wurden, kann man wohl den besten Räucheraal der Insel kaufen. Mir schmeckt er zumindest besser als der aus Rankwitz, dem „Geheimtipp“ für Busladungen voller Pauschalurlauber. Dazu ein böhmisches Schwarzbier und ofenfrisches Schwarzbrot, mehr braucht es nicht. Allerdings steigt der Genuss mit einem Gang auf den benachbarten Streckelsberg noch einmal ordentlich an. Von der Steilküste aus versuche ich kauend Vineta zu entdecken, die vor Koserow versunkene Sagenstadt. Fischern von hier ging einmal ein Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert ins Netz, das „Vineta-Kreuz“. Heute befindet es sich in der Koserower Dorfkirche.
Alle hundert Jahre, heißt es, soll Vineta am Ostermorgen auftauchen, um von einem Sonntagskind erlöst zu werden. Jetzt ist zwar Karwoche; doch wurde ich an einem Montag geboren. Also kein Vineta. Nicht mal seine silbernen Glocken läuten herauf.
Da sich die Bernsteinhexe ebenfalls nicht zeigt und der Aal verzehrt ist, wandere ich durch den Buchenwald in Richtung Kölpinsee.
Aber bald schon zieht es mich zur Südspitze des Gnitz, wo es am Rande eines weiteren Naturschutzgebietes einen weiteren Berg gibt - den weißen. Die 32 Meter hohe Kliffwand soll vom Achterwasser aus gut zu sehen sein, wie ein Rügener Kreidefelsen, nur kleiner. Unten die schweren Findlinge, oben leichtes Vogelgezwitscher. Die Leichtigkeit setzt sich mit dem Abstieg nach dem Wald fort: Über hügelige Magerrasenflächen geht es an Salzwiesen und Moorlandschaften vorbei. Das Auge blickt weit. Das Ohr lauscht den Hummeln in vereinzelten Bäumen.

Dann fahre ich auf eine Stippvisite nach Wolgast, der kleinen und vielleicht beschaulichen Stadt an der Peene; mit gemütlichen Anglern am Hafen, die vorleben, dass man Zeit verschwenden muss, um viel von ihr zu bewahren.
Den besten Kuchen soll es in der „Conditorei“ und dem „Café Arthur Biedenweg“ geben. Conditorei mit „C“ und Arthur mit „h“. Das deutet auf das fast 100-jährige Bestehen hin. Darauf ruht sich die Bedienung offenbar aus, als ich modernen Service einfordere: Sie kommt einfach nicht, obwohl ich längst zahlen will. Vielleicht ist sie auch zum Angeln am Hafen, denke ich. Aber immerhin stimmt das mit dem Kuchen, der ist hier sehr gut.
Dass niemand kommt, genieße ich wenig später allerdings im Heimatmuseum. Ungestört schlendere ich durch die drei Etagen des ehemaligen Lagerhauses aus dem 17. Jahrhundert, das vor 200 Jahren auch als Wirtschaft genutzt wurde. Ich lese von Stadtbränden und Zerstörungen im dreißigjährigen Krieg. Hier und da liegen neuzeitliche Grabungsfundstücke oder Hausrat von diversen Dachböden aus. Am meisten interessieren mich die Bilder des 1777 in Wolgast geborenen romantischen Malers Philipp Otto Runge, der wie ich gern Usedom und Rügen durchstreift hatte. Für die Brüder Grimm schrieb er das Märchen „Vom Fischer und syner Fru“ auf, bevor er mit Anfang dreißig an einer Lungentuberkulose starb. Im nächsten Jahr wiederholt sich sein Todestag zum zweihundertsten Mal.

Nicht weit vom Museum entfernt steht die Petri-Kirche, auf dessen 40 Meter hohen Turm ich steige, um mir Wolgast und seine Werft einmal von oben zu besehen. Da dort aber ein ordentlicher Wind weht, halte ich es nicht lange aus und steige über die enge Wendeltreppe wieder zum Kirchenschiff hinab. Erstaunlich, dass man dort von den letzten großen Stadtbränden, bei denen auch die Kirche brannte, keine Spuren mehr findet: Wandmalereien an Decken und Wänden, ein zweitklassig gemalter Totentanz-Zyklus und eine eingemauerte heidnische Steinplatte, der man als Gegenzauber ein Kreuz eingeritzt hatte.
Unter dem Altar befindet sich die Herzogengruft, wo der letzte Pommernherzog aus der Wolgaster Linie 1625 mit edelsteinbesetztem Goldschmuck beigesetzt worden war. Den großen Brand drei Jahre später hat er dort unbeschadet überstanden. Bis zum Ende des dreißigjährigen Krieges wurden in der Gruft sogar noch weitere Familienangehörige bestattet. Aber gut vierzig Jahre darauf kamen 1688 die Grabräuber und brachen Zugang und Särge auf. Sie durchwühlten sie derart, dass die sterblichen Überreste ordentlich durcheinander gerieten und der Schmuck schnell vergriffen war. Weil anderntags der Küster und der Totengräber von Wolgast nicht auffindbar waren, kam man ihnen und ihren Greifswalder Hehlern schnell auf die Schliche. Man setzte sie bald in Hamburg oder Danzig fest. Nur die kostbaren Grabbeigaben waren auf immer verschollen.
Die sanierten Särge aber kann man in der Gruft hinter einer Glastür besichtigen, was - wenn man sich allein in der Gruft befindet - fast ein wenig gruselig ist. Als ich mich zum Gehen abwende, entdecke ich an der linken Wand hinter den Särgen eine wie mit Ruß angebrachte Nachricht: „CE 1587“ steht zuoberst. Darunter:
„ICH CHRISTOFFEL EIRICH
HA TAS FIRSCHLICH
BEKREWIS GEMIE“
Demnach hat ein Christoffel Eirich die fürstliche Gruft erbaut, also das „Begräbnis gemacht“. Aber dass er es so an die Wand schreiben durfte ... Was sollte er auch machen? Anders als bei guten Malern, Musikern und Schriftstellern nimmt die Nachwelt von Maurern mit Architektur-Ambitionen nur dann Notiz, wenn man ihr selbige derart hinterlässt. Vielleicht hatte man Herrn Eirichs Versuch, nicht vergessen zu werden, zuerst überpinselt, bis es jetzt als historisches Kuriosum wieder lesbar gemacht wurde; selbst wenn es die Totenwürde fürstlicher Särge mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit zu überschreien droht.

Karwoche. Bei dem Anblick der Särge wird mir immer mehr nach innerlicher Auferstehung zu Mute. Also fahre ich zum Ausgangspunkt meiner Wochenreise auf die Insel zurück, miete mir in Heringsdorf einen Strandkorb und staune, wie viele Urlauber dort vor dem Wasser inzwischen unterwegs sind. Sie scheinen aus dem Nichts zu kommen und selbst am Ziel ihrer Reise noch immer voller Unrast zu stecken. Der Anblick, über den die Möwen dümmlich lachen, gleicht mehr einer Völkerwanderung als einem Osterspaziergang. Es wogt vor den Wellen. Jeder scheint auf dem Weg zur nächsten Mahlzeit zu sein und verdeckt mir den Blick auf die See, auf die Ruhe, auf das Wesentliche. Da wird es auch für mich Zeit, äußerlich aufzuerstehen und wieder heimwärts aufzubrechen. Mit Staus in Richtung Berlin ist nicht zu rechnen.

Dienstag, 31. März 2009

099 | „Waiting for the sun“

„At first flash of Eden we raced down to the sea / Standing there on freedom´s shore“
(Jim Morrison)

Berlin, Alexanderplatz. Die Sonne blendet. Erster Lichtblick des Jahres.
Ein Trommler mit Bob-Marley-Mütze sitzt schattenlos unter dem Fernsehturm wie unter dem Baum der Erkenntnis. Er gibt den Rhythmus des Frühlings vor. Die Klarinettistin neben ihm seine Fernweh-Melodie. Das eine fährt in die müden Knochen, das andere ins Herz der Erinnerung.
Aber der größte Zauber geht von der Sonne aus. Die Wartenden an der Straßenbahnhaltestelle wirken überrascht, selbst wenn sie ihre Augen geschlossen halten: Noch trägt keiner seine Sonnenbrille. Sinne sind offen; Masken bekommen menschliche Züge.
Eine Bacchantin in engen Bluejeans lächelt vorüber. Sie weiß die Blicke vieler Wartender auf ihrem Hintern. Blicke von Männern und Blicke von Frauen. Blicke von Genießern.
Niemand sieht die vier Fassadenkletterer am Fernsehturm, die 70 m über der Bacchantin wie Raupen des Eichenprozessionsspinners hängen. Vielleicht sind es auch Satyrn. Vielleicht ein Reinigungskommando. Oder Greenpeace-Aktivisten, die ein Transparent entrollen wollen. Doch niemanden würde es interessieren. Nicht heute. Denn nach all dem Medienwinter ist heute die Sonne aufgegangen. Und alles drängt raus.
(„Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge / Durch die Gärten und Felder zerschlägt“ echot es durch zu schließende Schulen.)
Tram und Schritte werden magnetisch von Parks und Straßencafés angezogen. Alles lächelt und bestaunt das Sonnenwunder, als wäre Bacchus persönlich in der Stadt, um sein Evangelium der Lebenslust zu verkünden.
Bloß auf dem Wochenmarkt welken rote holländische Tulpen in der Blüte ihrer Tage. („Die heiß´n ´Pretty Woman`. Brauch´n nua etwas Wassa, dann werd´n se wieda.“) Weißer Spargel liegt aus. Und Erdbeeren gibt es noch vor der Zeit zum Schleuderpreis.
Im Park jagen losgelassene Hunde vom Winterbrot fett gewordene Enten. Aus krustiger Wurzelrinde quellen lava-artig Feuerkäfer hervor und erstarren im Licht. Weiter oben durchbrechen Kastanienblätter klebrigbraune Knospen.
Darunter sitzen die Mädchen auf Bänken. Sie lesen oder schreiben Gedichte. Auf der Wiese zu ihren Füßen liegen die Männer im T-Shirt, gehen die Kroküsschen auf.
Als hätte Amor mit tausendfachem Beschuss Land & Leute befruchten wollen, ragen zig Frühblüher wie die Befiederung der Liebespfeile aus dem Boden. So keimen auch die Gefühle, so blühen die Blicke.

Berlin ist berauscht. Und du? Wie war dein Tag?

„Can´t you feel it, now that spring has come / That it´s time to live in the scattered sun“
(Jim Morrison)

Sonntag, 15. März 2009

098 | Kaminer im KNOTONI

„Mit ironischem Augenzwinkern“, heißt es auf der Homepage des Kinos Toni, „liest und erzählt Wladimir Kaminer Geschichten aus dem Leben.“ Sonnabend, 20.00 Uhr. Ich stellte mir Kaminer mit so einem nervösen Augenzucken wie bei Harald Schmidt vor und wollte vor allem sehen, wie er damit lesen kann. Also fuhr ich gestern zum Weißenseer Antonplatz.
Die neonroten Leuchtbuchstaben des Kinos waren schon von der Straßenbahn aus zu sehen. Aber nicht alle. Das „I“ von KINO hatte sich verabschiedet und das „O“ sah angebissen aus. KNO TONI stand über dem Eingang. Knotoni, klingt wie ein Pastagericht.
Darunter hatte sich eine Schlange gebildet, für vorbestellte, aber nicht abgeholte Karten. Ich hatte meine bereits ein paar Tage zuvor gekauft und ging entspannt an den Wartenden vorbei.
Weil im Saal bereits um 19.30 Uhr alle Plätze besetzt waren, musste ich auf die Galerie ausweichen. Von dort oben konnte ich nur mit gerecktem Kopf in weiter Ferne ein Caféhaus-Tischchen mit Stuhl und grüner Nachttischlampe vor rotem Samtvorhang ausmachen. Die Leute hinter mir sahen bloß den Kinovorhang. Dann kam der Schriftsteller. Auf seinem T-Shirt stand programmatisch „Russendisco“. Darüber glitzerte ein roter Stern. Russendisco und Kaminer gehören zusammen wie früher der Kreml mit seinem roten Stern. Aber das war einmal.
Der seit 19 Jahren in Berlin („am Mauerpark“) lebende Schriftsteller hatte ein Herz für uns Zwangsgaleristen und setzte sich nicht. Er stand die ganze Stunde lang vor einem Mikrofonständer und sorgte durch seine vorgelesenen Geschichten und Stegreif-Anekdoten genauso für gute Unterhaltung wie durch seine bodenständige, humorvolle Art („Möchten Sie mich etwas fragen?“). Das ironische Augenzucken konnte ich trotzdem nicht erkennen. Den Tisch nutzte er nur zum Abstellen seines Sekt- und Wasserglases.
Aus seinem neuen Buch „Es gab keinen Sex im Sozialismus“ las er kaum was („Das können sie schließlich selbst tun.“), dafür dieses und jenes von Computerausdrucken. „Möchten Sie jetzt etwas Altes oder Neues hören?“ - „Beides!“ kam die einhellige Antwort aus dem Publikum. Das war übrigens gemischt. Von Studentinnen über ältere Biedermänner war alles vertreten. Darunter auch eine Nervensäge, die genau hinter mir saß. Sie erklärte ihrer Freundin Pointen und schien mich mit ihrem lauten Lachen genickschussartig exekutieren zu wollen. Kaminer verriet in der Ferne, wie er auf den Titel seines neuen Buches kam. Anschließend las er einen aktuellen Text, der sich wie andere auch mittelbar auf die weltweite Finanzkrise bezog. Darin ging es um einen Alten, der sich regelmäßig zur Sparkasse schleppte, um sich von einem Filialmitarbeiter sein Schließfach öffnen zu lassen. Einmal bat er den auch, die enthaltene Kiste herauszuheben; ihm sei sie inzwischen zu schwer. Der nette Banker durfte sogar einen Blick in die Kiste werfen. Sie war randvoll mit Goldmünzen gefüllt.
„Nehmen Sie eine!“, forderte der Alte den Angestellten auf. Als der zögerlich zugriff, hielt er einen ALDI-Schokoladentaler in der Hand und der Alte freute sich. In der ganzen Kiste war nur Schokolade. Und eine Metallplatte darunter, wegen des Gewichts.
„Ich habe zwei Kinder“, sagte der Alte, „die sich nicht um mich kümmern. Deren Gesichter werden sicherlich wie Ihres aussehen, wenn sie einmal das hier erben werden ...“
Das Lachen der Nervensäge schreckte mich auf. Dann wurde geklatscht. Dann eilte alles zum Buchsignieren.
Ich ging entspannt an den Wartenden vorbei nach draußen, während das angebissene „O“ von KNOTONI ironisch in den verregneten Frühlingsabend zuckte.

Sonntag, 9. November 2008

097 | Rain Dogs in the Downtown Train

für Finni

„Im traurigen Monat November war´s (...)“
Mit der U 8 fahren wir durch den kühlen Rest eines verregneten Tages. Sitzend, wie die anderen Fahrgäste, Weddinger Migranten zumeist. Junge Männer mit Fremdenlegionärshaarschnitt, Frauen mit schokobraunem Haar oder zartbitterem Kopftuch. Jeder von ihnen hockt in seiner kleinen Welt. Isoliert und gelähmt von der Arbeit, von alltäglichen Teufelskreisen, die sich wie eiserne Bande um ihre Herzen legen.
„the downtown trains are full with all the brooklyn girls / they are try so hard to break out of their little worlds“
Aber wir, wir haben uns gefunden, zwischen all diesen Paralleluniversen. Frag mich nicht, wie. Wir hatten wohl Glück, obwohl wir dabei zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Aber wir erkannten uns und das, was mit uns geschieht. Es gibt sie vielleicht ja doch, die richtige Zeit in der falschen, das Märchen im Lokalteil der Zeitung. Jetzt lauschen wir der Stimme unseres Erzählers und schweigen irgendwie anders als der prosaische Rest.
Pankstraße. Die U-Bahn hält. Aber keiner geht, keiner kommt. Nur aus einigen Ohrhörern zischt und stampft leise Musik, Sountracks wie nahende Gegenzüge. Jemand nickt dazu im Takt; eine Frau hält ihre Augen geschlossen. Als stünde sie zwischen den Geleisen. Einer der Fremdenlegionäre sieht zu ihr rüber. Sieht ihr Make-up, die gezupften Brauen, ihren schlanken Körper. Den nahenden Zug sieht er nicht. Er kaut mechanisch auf seinem Kaugummi herum, wie ein angeketteter Hund auf seinem Knochen. Die anderen Fremdenlegionäre sind ebenfalls mit Kaugummis bewaffnet. Brothers in Arms ohne Auftrag und ohne Heimat. Rain Dogs, denke ich.
Da zischt und stampft es auch in mir, durchfährt mich Tom Waits heisere Stimme „with all the Rain Dogs“. „For I am a Rain Dog, too“, hallen alte Zeiten nach. Aber du bist bei mir, denke ich. Ich habe also wirklich Glück. Mir ist in dem Moment, als erklärten sich so alle einsamen Fahrten vergangener Jahre. Einsam gegangene Wege und Straßen, durchwachte Nächte. Als das Herz krampfte und sich meine kleine Welt fenster- und türenlos gab. Vielleicht muss man sich ja oft krank und elend fühlen, um irgendwann unerwartet sein Glück zu erkennen, tief zu fühlen und zu gesunden.
Oh, wie schön du bist, denke ich. Ich ...
„Nächster Halt: Gesundbrunnen.“

Komm, lass uns rausgehen in den Abend, der sich längst als Nacht verkleidet hat. Wie ein Kind zu Halloween, das uns nicht erschrecken kann. Auf dem Bahnsteig hören wir, wie es hinter uns kracht. Als wäre etwas zerbrochen.
„Heinrich, der Wagen bricht“, flüsterst du verschwörerisch lächelnd. „Nein“, lächle ich zurück und küsse dein magnetisches Gesicht, ohne mich noch einmal umzudrehen. Hand in Hand fliegen wir die glitzernden Treppen hinauf. Wie zum Hochzeitsball des Prinzen.
„Oh, how we danced and we swallowed the night“
In den Pfützen erzittern die Lichter des Gesundbrunnen-Centers von unserem Gekichere.
„Oh, how we danced away all of the lights“
Wir erfreuen uns kindisch an der kitschigen Weihnachtsdeko der Geschäfte. Und in unseren Augen spiegelt sich dabei das Glück der Besitzlosen wider. Wir sind Ausbrecher und Selbstläufer. Gefühle jonglieren Gedanken, die einmal so schwer waren, dass sie uns an solchen Abenden runtergezogen hätten wie der übersättigte Nebel die Schwärze des Himmels.
„We´ve always been out of our minds“
Bei Kaiser´s kaufen wir übermütig eine Flasche goldbraunen Tequila.
„Golden brown texture like sun (...)“
Die Kassiererin grinst uns an, als hätte sie unseren Plan durchschaut oder könne uns in die geöffneten Sonnen-Anbeter-Herzen blicken.
Oh, wie schön du bist, denke ich.

Your „long hair black as a raven.
Oh, how we danced and you
Whispered to me
You´ll never be going back home,
You´ll never be going back home.“

Denn später werden wir die Einzigen sein, die sich an diesen Abend erinnern können, an diesen vernieselten Abend, irgendwo im Wedding, irgendwann im November.

Sonntag, 28. September 2008

096 | Es gibt so Tage

Es gibt so Tage, da scheint die Sonne schon am Morgen zeitlos ruhig. Man ist müßig, macht sich einen Tee und liest die Sonntagszeitung, als würde man ein Entspannungsbad nehmen.
Dann gibt es so Tage, da weiß man hinterher nicht einmal, ob die Sonne überhaupt aufgegangen war. Also man macht sich über alles Mögliche Gedanken, nur nicht über die Sonne. Aber eigentlich machen die Gedanken alles Mögliche mit einem selbst.

Man geht wie ein Geist durch die Straßen seiner Kindheit. Befinden sich diese Straßen wie bei mir in Berlin und ist die Kindheit schon ein viertel Jahrhundert her, gibt man es nach einer Weile sogar wieder auf, jemand Vertrauten erkennen zu können. Sogar die Namen am Hauseingang, dem Eingang zum Ort der Geburt & Geborgenheit, sind fremd. Die Tür ist verschlossen.
„Aber wenn die Laternen angehen“, flüstern die Gedanken, „kommst du wieder hoch.“ Die Laternen gehen nicht an, und mich bringt so schnell gar nichts hoch.
„Wer in Berlin wehmütig wird, hat verloren“, flüstert es weiter. „Weiter!“, flüstere ich echohaft zurück.
Ecke Choriner / Schwedter sitzen drei Typen vor einer Kneipe. Einer mit Glatze, Anzug und Zuhälterbrille ruft mehrfach in sein Handy: „Hier spricht Gürgen Mengele! Gürgen Mengele!!" Er sagt nicht Jürgen, auch nicht Josef. Die beiden anderen kichern.
Ich frage nicht nach Sinn und Unsinn, suche keine Zusammenhänge.
„Weiter!“
Im „Mauersegler“, der Terrassen-Kneipe am Mauerpark, gibt es eine Hochzeit. Aber keiner sieht nach Hochzeitsgesellschaft aus. Eine angetrunkene Band rockt „Sah ein Knab ein Röslein steh´n“. Das „Röslein! Röslein!“ klingt nach Lindenberg. Und nach „Gürgen Mengele!“
Nebenan in der Bernauer eine Mauergedenkstätte: große Schwarzweißbilder an der Hausfassade, mit hölzernem Aussichtsturm. Von diesem Westberliner Aussichtsturm aus winkten meine Großeltern meiner Mutter zu, die mich im Kinderwagen auf der anderen Seite hin und her schob. Sie wagte nicht zurückzuwinken. Sie weinte nur leise.
Hier sah ich später mit meinem Cousin verstohlen in den Westen rüber. Aus einem Flurfenster, zu dem wir uns nachts geschlichen hatten. Jetzt ist die Mauer genauso verschwunden wie meine Großeltern. Und meinen Cousin sehe ich auch nur noch selten.
„Weiter, immer weiter!“
Auf dem Aussichtsplateau des Wasserturms wirken die Leute wie geisterhafte Besucher einer Gartenparty. Einige haben ihre Kinder mitgebracht, andere spielen Boule. Aber jedes Grüppchen sieht durch die anderen hindurch. Denn Geister können einander nicht erkennen. Selbst die Kinder blicken nur dem Gummiball nach, der dem Abhang zurollt.
Da denkt es in mir, dass ich selbst nur ein Geist bin. So wie Dr. Crowe in „The Sixth Sense“, der gar nicht weiß, dass er bereits tot ist.
„Du bist einer von ihnen“, flüstert es in mir.
„Aber ich kann sie sehen“, flüstere ich zurück.
Sogar den Wind, der durch die sich verfärbenden Blätter geht, kann ich sehen. Und die Wolken, die noch vor ein paar Wochen am Himmel trieben. Dann lassen mich meine wirren Gedanken, die mich hergeführt haben, im Stich.
Und so warte ich mit den anderen Geistern am Wasserturm. Wir warten auf die vermeintlich fehlenden Gäste. Wir warten dort noch, wenn längst keine Gartenpartys mehr stattfinden. Wenn die Wintersonne die Sehenden blendet, bis sie ihre Augen geschlossen halten. Bis sie von wärmeren Tagen träumen. Falls die wirren Gedanken sie lassen.