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Sonntag, 11. Dezember 2016

172 | Abgelaufene Wortspeisen


„Schmackhaft“ ist ein aus der Mode gekommenes Wort. Wenn ich es höre, denke ich an „Der Fernsehkoch empfiehlt“ und HO-Gaststätten-Hausmannskost. Heute sagt man „lecker“. (Als Steigerung: „sehr lecker“ beziehungsweise: „total lecker“.) Das klingt schnörkellos ehrlich. Wie „schmeckt“ statt „mundet“. Schmeckte es früher, erbat man sich einen „Nachschlag“. Vor allem, wenn es bei der „Schulspeisung“ (noch so ein Wort) Milchreis mit Zucker und Zimt gab. Und anschließend „Kompott“ (mir damals am liebsten von Pflaumen statt von Rhabarber). Oder wenn die Küchenfrau Spirelli-Nudeln mit Jägerschnitzel und Tomatensoße aus ihren grünen Thermokübeln holte. War darin allerdings „tote Oma“ begraben, wollte niemand einen Nachschlag. Dann lieber nach der Schule „Hansa-Kekse“ im Konsum kaufen oder abgepackte „Eberswalder Würstchen“ in der Kaufhalle. Besser natürlich - so vorhanden - Warmes vom „Imbiß“ (damals noch mit „ß“) - am liebsten „Goldbroiler“ beim „Außer-Haus-Verkauf“. - Begehrte „Schnellkost“ (Fast Food), die man vor dem Mauerbau nur von der westdeutschen Wienerwald-Restaurantkette kannte.
Der Osten kupferte eben auch in kulinarischer Hinsicht gern vom Klassenfeind ab. So gab es in den 80ern „Ketwurst“ (Hot Dog), „Grilletta“ (Hamburger) und „Krusta“ (Pizza). Letztere sogar tiefgekühlt und - als Quadratur des Kreises - backofenfreundlich rechteckig. Selbst Ostberlins „Konnopkes Currywurst“, die es seit 1960 am U-Bahnhof Dimitroffstraße (heute Eberswalder) gab, hatte ein Westberliner Pendant zum Vorbild. Altstalinistische Traditionalisten hielten da wohl lieber weiterhin an Bockwürsten aus Kaisers Zeiten fest. Mit Senf oder Mostrich, ganz nach sprachlichem Belieben.
Ein berlinisches, wohl ebenfalls aus der Mode gekommenes Wort ist „stippen“ (in Sachsen „ditschen“). Es bedeutet „eintunken“, zum Beispiel Brot in reichlich auf dem Teller vorhandene Soße. Wurde mir an Kinderabenden der kartoffellose Gulaschrest vom Mittag aufgetischt, durfte ich stippen und die langweilige, obligatorische Stulle aufwerten. Lecker! (Gestippt wurde und wird auch beim Angeln, mit der Stipprute, um Köderfische zu fangen.)
Eines meiner Lieblingsworte ist „verkleppern“, was nichts mit Pferden, sondern mit dem Verrühren von Eiern zu tun hat. Doch wenn die Gabel dabei in Fahrt kommt, klingt es tatsächlich nach galoppierenden Gäulen.
Dann gibt es wörtliche Auslaufmodelle, die nur scheinbar der Küche entsprungen sind. „Bandsalat“ zum Beispiel. Der konnte sich jederzeit selbst anrichten und somit jede Musikkassette ungenießbar machen. Oder „Backfisch“ - die altväterliche Bezeichnung für ein „jugendliches Mädchen“.
Backfische gibt es jetzt nur noch bei Nordsee & co. Und manch Kindheitsessen wird von mir nur noch in der Erinnerung verspeist. „Falscher Hase“ zum Beispiel. Oder mit Fleischsalat gefüllte Fleischtomaten, geröstetes Zuckerbrot, Kohlrabi-Eintopf, Möhreneintopf, Käsetoast, süßsaure Eier, Spinat mit Ei, Häckerle und eingelegter Hering. Wobei ich Häckerle mal wieder machen könnte. Meine Mutter zumindest würde sich freuen.

Sonntag, 23. Oktober 2016

171 | Rethymnon

Abreisetag

Welch eine Überraschung: Auch Manolis sitzt vor dem „Ilios“. Er ist bereits wieder aus den Bergen zurück, weil der ausgeliehene Jagdhund, der die Welpen anlernen sollte, nichts taugt. Zumindest nicht zur Hasenjagd. Also noch ein wenig rumflachsen, lecker frühstücken, unverhofft eine Arbeitskollegin treffen ("Mensch, was machst du denn hier?!" - "Dasselbe könnte ich dich auch fragen!"), dann die endgültige Verabschiedung.

Andere anwesende Stammgäste müssen ebenfalls zurück in die Heimat. So empfindet selbst Susanne, die das ständige Kommen und Gehen gewohnt sein müsste, diese Mittagsstunde als wehmütig. 
Da wir erst abends von Heraklion aus fliegen, haben wir noch Zeit, uns im Norden die Hafenstadt Rethymnon anzusehen. Mit der oberhalb gelegenen venezianischen Festungsanlage, der Fortezza, mit dem Leuchtturm, mit den Minaretten aus der Türkenzeit.
Alles sehr romantisch; aber die Stadt ist nicht unsere. Sie ist touristisch überlaufen und die Türsteher vor den Restaurants bitten einen aufdringlich, Platz zu nehmen. Damit gleicht der gemütliche Rundgang am venezianischen Hafen mehr einem Spießrutenlauf. In Agia Galini war uns dergleichen niemals passiert.
Viele Besucher sind auffallend jung und stylisch, was mit Rethymnon als Standort der Universität Kreta zu tun haben mag. Wer sich nicht gerade in der Sonnenbrille seines Gegenübers spiegelt, ist wie überall mit dem Handy beschäftigt. Wie fast überall: Ich muss an zwei deutsche Mädchen aus Agia Galini denken, die allabendlich mit einer Katzenmutter und ihren Jungen beschäftigt waren. Die beiden vielleicht Dreizehnjährigen hatten alles, was sie brauchten. Genau wie die herumtollenden einheimischen Kinder.
Selbst die Geschäfte in Rethymnons Einkaufsstraßen sind nicht unser Fall. Alles ist auf Hochglanz poliert und der Rest kretischen Flairs längst verhökert.
Im Yachthafen entdecken wir zwei Hochseeangler, die ihre kapitalen Maifische ausnehmen und schuppen.

Dann fährt ein riesiger Amischlitten zu einem der Piraten-Eventschiffe vor, als würde „der Pate“ „Captain Hook“ ein Angebot machen wollen.
Und kurz darauf, auf dem Rückweg zum Auto, hören wir erstmalig eine Zikade zirpen.
Der Flughafen von Heraklion ist wie immer ein Alptraum: Durchsagen sind kaum zu verstehen. Überall wartende, wie eingepfercht wirkende Urlauber und keine Möglichkeit, etwas halbwegs Vernünftiges zu essen. Mit dem Geheul überforderter Kleinkinder (auch beim Platznehmen im Flieger), verpufft vorläufig sämtlicher Erholungseffekt. Das Beste wäre, auf der Stelle nach Agia Galini zurückzukehren. So aber landen wir halbwegs pünktlich im dunklen, zwanzig Grad kälteren Berlin, wo zwei Ordnungskräfte uns darauf hinweisen, das Flughafengebäude nur über den Zebrastreifenweg zu betreten. - Auf Kreta sahen wir lediglich einmal Polizisten, aber das Leben verlief dennoch in geordneten Bahnen. Weil kretische Menschen mehr ihren Instinkten als den Gesetzen vertrauen. Liebe Susanne, du hast wohl alles richtig gemacht!

Samstag, 22. Oktober 2016

170 | Hinter Triopetra

7. Tag

Heute wird wieder im „Ilios“ gefrühstückt. Susanne bereitet uns Eier und einen appetitlichen Gemüseteller zu. Dazu gibt es Kaffee und Orangensaft.
Mittags fahren wir zum Triopetra-Strand, der nach drei im Wasser stehenden Felsen benannt ist. Zwei Kilometer weiter lassen wir uns in einer einsamen Bucht nieder.
Die Sonne ist angenehm warm, der Wind unbeschwert leicht. Hinter uns drehen zwei Adler  über dem Berg ihre Runden, vor uns plätschert das Libysche Meer gegen die Küste. Die nächsten Menschen sind in weiter Ferne. Lesen, dösen - einfach perfekt.
Perfekt auch das Tauchen über felsigem Meeresboden. Überall sehe ich Fische. Dann ein kleiner Schock: eine armlange Muräne zwischen zwei Steinen kurz vor mir. Braun gesprenkelt und entschlossen, ihr Versteck verlassen zu wollen. In meine Richtung! Erst tauche ich rückwärts, dann wird geschwommen, als hätten Haie Kurs auf den Strand genommen. Na gut, so schlimm nun auch nicht.
Als ich das Wasser verlasse, kommt mir meine Freundin entgegen. Auch sie etwas panisch, da sich ein dicker, bärtiger Grieche eilig unserem Lager genähert, sie angeglotzt und sich umgesehen hatte, ob sie alleine sei. Dass sie das nicht ist, erkennt er nun hoffentlich. Er badet, um sein bärtiges Gesicht zu wahren und verschwindet kurz darauf Richtung Holperstraße. Besser ist das.
Am Spätnachmittag wird noch etwas trockenes Deko-Schwemmholz gesammelt; dann fahren wir unter einem zwischen den Bergen hängenden Wolkenfeld zurück.
An unserem letzten Abend gönnen wir uns Thunfisch im „Onar“, bevor wir im „Ilios“ einkehren.
Susanne und Manolis sitzen bei Stammgästen aus Baden, die ebenfalls ihren letzten Abend genießen. Und da Susanne sich nicht zerteilen kann, bittet sie uns, mit an dem Tisch Platz zu nehmen.
Ich berichte Manolis von meinem Muränen-Abenteuer, doch er winkt ab und hält sie für ein „Baby“. Weil Fische durch Taucherbrillen immer größer aussähen.
„No, no, no“, sage ich augenzwinkernd, „she was five or ten meters long!“
Gegen zehn verabschieden wir ihn mit Umarmung. Er muss ins Bett. Morgen früh will er in die Berge aufbrechen, um Wildhasen zu jagen. Wie gerne würde ich ihn dabei begleiten, statt ins kalte Deutschland zurückzukehren. In einem Jahr, sage ich, komme ich mit meinen Jungs wieder. Er nickt und meint mit schelmischem Seitenblick auf meine Freundin, dass wir dann nicht nur angeln gingen. Wir träfen uns auch mit russischen Frauen, mit „Olga“ und „Tamara“. „Drink champagne, eating fruit ...“ Welch ein Schlitzohr! Fehlt bloß noch, dass er das Meersalz, welches er uns in einer Plastiktüte verpackt schenkt, als zu schmuggelndes Drogenpäckchen bezeichnet.
Von Susanne verabschieden wir uns erst gegen Mitternacht. Sie werden wir immerhin morgen wieder zum Frühstück sehen.