Seiten

Samstag, 25. März 2017

173 | Leipziger Buchmesse 2017


Das letzte Mal war ich vor achtzehn oder neunzehn Jahren in Leipzig. Damals hatte das Messegelände gerade eröffnet und die Stadt sich vom Dreckspatzen zum Phönix gemausert. Wie in Erfurt, Dresden und Leipzig hieß es auch hier: Die Stadt ist schön geworden. An die Treppen in der Glashalle, wo es geschäftig wie von einem Bienenstock summt und brummt, kann ich mich noch erinnern. Und was die Stellflächen der Hallen 1-5 angeht: gefühlt wie gehabt. Verlage präsentieren sich mit einladend oder abweisend wirkenden Leuten, in Foren wird interviewt, gelesen und diskutiert. Ende der Neunziger gab es natürlich keine Messestände von Amazon, Tolino und Co. Mit Begriffen wie Self-Publishing, E-Book und Bloggerlounge hätte ich damals auch nichts anfangen können. Was mich noch heute befremdet: all die übergewichtigen Jugendlichen, die in knuddeligen Fantasy-Kostümen zur 4. Manga-Comic-Convention (Halle 1) pilgern und als lebendige Zeichentrickfiguren ihren vermeintlichen Realitätsverlust öffentlich machen. Die übrigen Besucher sehen genormter, jedoch vielfältiger aus. Von adrett bis verbildet ist alles dabei. Und manch älterer Herr, wie jener vom Imbiss-Stand, der sich Milch aus dem Dosierständer auf seinen Wiener-Würstchen-Teller drückt, entspricht ganz dem Klischee vom armen Poeten bzw. Leser.
Nachdem ich ein Interview mit Nika Lubitsch, der Krimi-Autorin und Self-Publishing-Millionärin, verfolgt habe, gehe ich rüber ins Congress-Center. Dort bin ich für einen dreistündigen Autoren-Workshop angemeldet. Thema: „Social Network richtig nutzen“. Moderiert wird das Ganze von Wiebke Ladwig und Maria Koettnitz. Mit mir sind zwölf interessierte Schreiber gekommen, die nach drei kurzweiligen, informativen Stunden wissen, dass a) Instagram besser genutzt werden sollte, wir b) eine Facebook-Gruppe gründen und c) man seine vertraute Social-Media-Blase mit anderen Blasen vernetzen muss. Oder so.
Am nächsten Tag, einem Samstag, wird durch die Stadt geschlendert. In den Parks macht sich bei bestem Wetter Frühling breit. In der Plagwitzer Karl-Heine-Straße kommt man vor studentischen Cafés auch ohne Heizpilze aus. Überall gibt es etwas zu entdecken,
vom 1-Euro-Antiquariat mit DDR-Büchern (Buch & Antik Volksbuchhandlung) bis zum liebevoll eingerichteten „Handmade- und RecordStore“ (www.WestFach.de).
Vor allem aber Leichtigkeit und Lebensfreude.

Sonntag, 11. Dezember 2016

172 | Abgelaufene Wortspeisen


„Schmackhaft“ ist ein aus der Mode gekommenes Wort. Wenn ich es höre, denke ich an „Der Fernsehkoch empfiehlt“ und HO-Gaststätten-Hausmannskost. Heute sagt man „lecker“. (Als Steigerung: „sehr lecker“ beziehungsweise: „total lecker“.) Das klingt schnörkellos ehrlich. Wie „schmeckt“ statt „mundet“. Schmeckte es früher, erbat man sich einen „Nachschlag“. Vor allem, wenn es bei der „Schulspeisung“ (noch so ein Wort) Milchreis mit Zucker und Zimt gab. Und anschließend „Kompott“ (mir damals am liebsten von Pflaumen statt von Rhabarber). Oder wenn die Küchenfrau Spirelli-Nudeln mit Jägerschnitzel und Tomatensoße aus ihren grünen Thermokübeln holte. War darin allerdings „tote Oma“ begraben, wollte niemand einen Nachschlag. Dann lieber nach der Schule „Hansa-Kekse“ im Konsum kaufen oder abgepackte „Eberswalder Würstchen“ in der Kaufhalle. Besser natürlich - so vorhanden - Warmes vom „Imbiß“ (damals noch mit „ß“) - am liebsten „Goldbroiler“ beim „Außer-Haus-Verkauf“. - Begehrte „Schnellkost“ (Fast Food), die man vor dem Mauerbau nur von der westdeutschen Wienerwald-Restaurantkette kannte.
Der Osten kupferte eben auch in kulinarischer Hinsicht gern vom Klassenfeind ab. So gab es in den 80ern „Ketwurst“ (Hot Dog), „Grilletta“ (Hamburger) und „Krusta“ (Pizza). Letztere sogar tiefgekühlt und - als Quadratur des Kreises - backofenfreundlich rechteckig. Selbst Ostberlins „Konnopkes Currywurst“, die es seit 1960 am U-Bahnhof Dimitroffstraße (heute Eberswalder) gab, hatte ein Westberliner Pendant zum Vorbild. Altstalinistische Traditionalisten hielten da wohl lieber weiterhin an Bockwürsten aus Kaisers Zeiten fest. Mit Senf oder Mostrich, ganz nach sprachlichem Belieben.
Ein berlinisches, wohl ebenfalls aus der Mode gekommenes Wort ist „stippen“ (in Sachsen „ditschen“). Es bedeutet „eintunken“, zum Beispiel Brot in reichlich auf dem Teller vorhandene Soße. Wurde mir an Kinderabenden der kartoffellose Gulaschrest vom Mittag aufgetischt, durfte ich stippen und die langweilige, obligatorische Stulle aufwerten. Lecker! (Gestippt wurde und wird auch beim Angeln, mit der Stipprute, um Köderfische zu fangen.)
Eines meiner Lieblingsworte ist „verkleppern“, was nichts mit Pferden, sondern mit dem Verrühren von Eiern zu tun hat. Doch wenn die Gabel dabei in Fahrt kommt, klingt es tatsächlich nach galoppierenden Gäulen.
Dann gibt es wörtliche Auslaufmodelle, die nur scheinbar der Küche entsprungen sind. „Bandsalat“ zum Beispiel. Der konnte sich jederzeit selbst anrichten und somit jede Musikkassette ungenießbar machen. Oder „Backfisch“ - die altväterliche Bezeichnung für ein „jugendliches Mädchen“.
Backfische gibt es jetzt nur noch bei Nordsee & co. Und manch Kindheitsessen wird von mir nur noch in der Erinnerung verspeist. „Falscher Hase“ zum Beispiel. Oder mit Fleischsalat gefüllte Fleischtomaten, geröstetes Zuckerbrot, Kohlrabi-Eintopf, Möhreneintopf, Käsetoast, süßsaure Eier, Spinat mit Ei, Häckerle und eingelegter Hering. Wobei ich Häckerle mal wieder machen könnte. Meine Mutter zumindest würde sich freuen.

Sonntag, 23. Oktober 2016

171 | Rethymnon

Abreisetag

Welch eine Überraschung: Auch Manolis sitzt vor dem „Ilios“. Er ist bereits wieder aus den Bergen zurück, weil der ausgeliehene Jagdhund, der die Welpen anlernen sollte, nichts taugt. Zumindest nicht zur Hasenjagd. Also noch ein wenig rumflachsen, lecker frühstücken, unverhofft eine Arbeitskollegin treffen ("Mensch, was machst du denn hier?!" - "Dasselbe könnte ich dich auch fragen!"), dann die endgültige Verabschiedung.

Andere anwesende Stammgäste müssen ebenfalls zurück in die Heimat. So empfindet selbst Susanne, die das ständige Kommen und Gehen gewohnt sein müsste, diese Mittagsstunde als wehmütig. 
Da wir erst abends von Heraklion aus fliegen, haben wir noch Zeit, uns im Norden die Hafenstadt Rethymnon anzusehen. Mit der oberhalb gelegenen venezianischen Festungsanlage, der Fortezza, mit dem Leuchtturm, mit den Minaretten aus der Türkenzeit.
Alles sehr romantisch; aber die Stadt ist nicht unsere. Sie ist touristisch überlaufen und die Türsteher vor den Restaurants bitten einen aufdringlich, Platz zu nehmen. Damit gleicht der gemütliche Rundgang am venezianischen Hafen mehr einem Spießrutenlauf. In Agia Galini war uns dergleichen niemals passiert.
Viele Besucher sind auffallend jung und stylisch, was mit Rethymnon als Standort der Universität Kreta zu tun haben mag. Wer sich nicht gerade in der Sonnenbrille seines Gegenübers spiegelt, ist wie überall mit dem Handy beschäftigt. Wie fast überall: Ich muss an zwei deutsche Mädchen aus Agia Galini denken, die allabendlich mit einer Katzenmutter und ihren Jungen beschäftigt waren. Die beiden vielleicht Dreizehnjährigen hatten alles, was sie brauchten. Genau wie die herumtollenden einheimischen Kinder.
Selbst die Geschäfte in Rethymnons Einkaufsstraßen sind nicht unser Fall. Alles ist auf Hochglanz poliert und der Rest kretischen Flairs längst verhökert.
Im Yachthafen entdecken wir zwei Hochseeangler, die ihre kapitalen Maifische ausnehmen und schuppen.

Dann fährt ein riesiger Amischlitten zu einem der Piraten-Eventschiffe vor, als würde „der Pate“ „Captain Hook“ ein Angebot machen wollen.
Und kurz darauf, auf dem Rückweg zum Auto, hören wir erstmalig eine Zikade zirpen.
Der Flughafen von Heraklion ist wie immer ein Alptraum: Durchsagen sind kaum zu verstehen. Überall wartende, wie eingepfercht wirkende Urlauber und keine Möglichkeit, etwas halbwegs Vernünftiges zu essen. Mit dem Geheul überforderter Kleinkinder (auch beim Platznehmen im Flieger), verpufft vorläufig sämtlicher Erholungseffekt. Das Beste wäre, auf der Stelle nach Agia Galini zurückzukehren. So aber landen wir halbwegs pünktlich im dunklen, zwanzig Grad kälteren Berlin, wo zwei Ordnungskräfte uns darauf hinweisen, das Flughafengebäude nur über den Zebrastreifenweg zu betreten. - Auf Kreta sahen wir lediglich einmal Polizisten, aber das Leben verlief dennoch in geordneten Bahnen. Weil kretische Menschen mehr ihren Instinkten als den Gesetzen vertrauen. Liebe Susanne, du hast wohl alles richtig gemacht!