Morgens an einer Landstraße mit uralten Linden zu beiden Seiten, an einer Allee, die nach Norden führt. Keine Ahnung, wie ich dort hingekommen bin. Aber ich bin da und ich bin allein. Kein Gepäck dabei, nur ein Lied im Kopf.
“Are you going to Scarborough Fair?”
An dieser Landstraße hört meine Flucht auf, beginnt die Hinbewegung zum Ersehnten. Keine Stagnation mehr, kein bloßes Durchspielen von Möglichkeiten, sondern tun, gehen, loslassen. Und vorwärtsträumen:
Durch Mecklenburg zur Ostsee, wo das Meer sich teilen wird. Dann durch Schwedens literarische Wälder. Dort lege ich mich ins Moos - und träume mich weiter.
“Parsley, sage, rosemary and thyme”
Meine Reise ist geradlinig und durchbricht den Kreislauf, welchen die Vernunft gern aufzwingt, den Gefängnishof-Kreislauf, der mich träge machte und schwindeln ließ. Mein Weg geht durch Mauern und Zeiten. Er ist alt wie der älteste Traum.
“Remember me to one who lives there”
Und du? Du lachst? Nennst es abfällig „Romantik“? Ich nenne es „wahres Leben“. Du sagst, es sind nur Worte. Aber es sind Samen, aus denen ein Zentaur aus Dichtung & Wahrheit erwachsen kann. Wer ihn streckenweise reitet, erkennt sich selbst und verliert die Angst davor, etwas verlieren zu können. Die Angst, verletzt zu werden. Die Angst.
Sieh, wie es übermütig durch ironisches Unkraut geht, das aus deiner Bodenständigkeit sprießt. Unkraut! Keine Linden, keine Alleen und keine Zentauren.
Aber Ironie ist gefühllos. Und bloße Bodenständigkeit zieht den Geist herunter, in Grabestiefe. Den Geist, der sich aufschwingen möchte. Aufschwingen zum Gesang der Lerche, zu den Erinnerungen, die einem einflüstern, wohin der Weg führen sollte.
“For she once was a true love of mine.”
Kennst du den Ort, wo die besten Gefühle der besten Menschen unsterblich sind? Das ist das Ziel meiner Reise.
Und du? Reicht dir, gut zu essen, guten Sex und keine Schmerzen zu haben? Reicht es, lange zu schlafen, ohne wahrhaftig zu träumen?
Falls du mich eines Morgens suchen solltest, weißt du, wo du mich finden wirst. Ich bin auf dem Weg.
Sonntag, 25. Mai 2008
Auf dem Weg
Sonntag, 4. Mai 2008
Junges Glück
Sie gehn auf Sonnenwegen,
Spazieren Hand in Hand.
Sie war direkt verlegen,
Als er ihr Blümchen fand.
Sie will nur diesen Einen:
Er warnt vor Stolpersteinen,
Er warnt vor tiefen Pfützen.
Als würde es was nützen.
Er ruft sie täglich an
Und nennt sie „kleine Maus“.
Sie sagt nur noch „mein Mann“
Und „unser schönes Haus“.
Für andre sind sie blind.
Selbst wenn sie Rentner sind,
Wolln sie einander stützen.
Als würde es was nützen.
Er lässt sie nie im Stich.
Wenn er zur Arbeit fährt,
Sagt sie: „Ich liebe dich!“
Und wenn er wiederkehrt,
Geschwächt und etwas kühl,
Gibt sie ihm das Gefühl,
Er könne sie beschützen.
Als würde es was nützen.
Dienstag, 29. April 2008
Der getigerte Schmetterling
Der getigerte Schmetterling
Will keine Tigerente sein
Und auch kein Schwein
Mit schwarzen Streifen.
Der getigerte Schmetterling
Ist kein Trauermantel oder – ärmer:
Ein Totenkopfschwärmer.
Er ist nicht bloß Seele.
Er ist das Leben.
Er fällt gern auf
Und nimmt in Kauf,
Dass seine Tarnung keine ist.
Jagen will er jedes Ding,
Das flieht, wenn er schreit.
Fliegen will er, wenn es schneit.
Er möchte nicht nur flattern.
Er will Unsterblichkeit
Für letzte Wochen.
Jetzt wird nicht mehr gekrochen,
Jetzt hat er Biss.
Montag, 28. April 2008
Terrassenschach
„The same procedure as last year?” – “The same procedure as every year.“
Ein warmer Maitag. Weiß beginnt.
Der blasse Läufer holt Bier aus dem Kühlschrank, der blasse Springer holt Gläser.
„Ich trink´ aus der Flasche“, sagt der Läufer und trinkt.
„Wusst´ ich doch nicht“, mault der Springer und gießt sich das Bier schnell ins Glas.
„Ich trink´ immer aus der Flasche“, sagt der Läufer und trinkt.
Dem Springer läuft Schaum über den Glasrand auf den Tisch.
„Huch!“, sagt der Springer und trinkt etwas Schaum ab.
„Wär´ dir so nicht passiert“, sagt der Läufer und trinkt.
„Ich hol´ schnell einen Lappen“, sagt der Springer und springt in die Küche.
Dann sitzen sie wieder zusammen und trinken gemeinsam Bier. Der Springer sieht zur Nachbarterrasse rüber.
Dort löst der blasse König ein mittelschweres Sudoku. Er sagt kein Wort.
Die blasse Dame sitzt daneben und sieht geradewegs zum dunklen Turm von vis-à-vis. Zwischen ihnen toben ein paar kleine Bauern.
Die Dame spricht über grüne Bäume und Discounter-Angebote. Dabei lächelt sie dem Turm zu. Der lächelt zurück.
Der König sagt kein Wort. Er probiert jetzt ein leichtes Sudoku.
Die Dame beschwert sich leise über die lauten Bauern. Und lächelt dabei.
Der Springer sieht, wie der Turm der Dame zuzwinkert.
"Gardez!", flüstert der Springer dem Läufer zu und stößt ihn mit dem Ellenbogen an.
Da bekleckert sich der Läufer, der gerade aus der Flasche trinken wollte, und flucht.
Der König sieht auf und erhebt sich.
Er wolle reingehen. Das Wetter. Zu warm. Er fühle sich matt.
Samstag, 29. März 2008
092 | In ein paar Tagen
Sicher, in ein paar Tagen, spätestens Wochen, sitzen wir sonnenverwöhnt im Straßencafé und genießen das wie erste kulinarische Genüsse der Saison. Dann tragen wir fast beiläufig unsere Sonnenbrillen und unsere Wirkung auf andere zur Schau. Sind voller Selbstwert- und Frühlingsgefühl, voller Sinnlichkeit und Pheromonen.
Aber jetzt? Sind wir Wartende, denen man es nicht ansieht. Wir laufen im blinden Aktionismus durch windige Straßen, fühlen das kaum noch auszuhaltende Bedürfnis, uns verlieben zu wollen wie Tom Hanks und Meg Ryan. Genau so.
Aber wir gleichen Hugh Grant in „Notting Hill“, der zu Bill Withers „Ain't No Sunshine” und Al Greens “How Can You Mend a Broken Heart?” durch London irrt.
Wir zweifeln, sind auf der Suche nach dem, was wir nicht festhalten konnten, in Berlin, Stuttgart oder Osnabrück. Wir wollen vergessen und leiden darunter, dass wir es nicht können; warten auf die Zeit, die uns dabei helfen muss.
Wir haben die Aura von Unberührbaren und suchen unser Heil im Chat. Oft sind wir bereits morgens müde, zählen abends Jahre und vertane Chancen durch und stellen gleich alles in Frage. Nachts gehen wir trotzdem viel zu spät ins Bett. Wer kann auch schon schlafen, wenn er wie Hugh Grant leidet.
Aber ganz sicher: In ein paar Tagen, spätestens Wochen, sind wir voller Frühlingsgefühl. Dann wird alles anders. Wie jedes Jahr.
Mittwoch, 26. März 2008
Damals, als ich glücklich war
Damals, als ich glücklich war,
Kam der wilde Wein
Uns in den Sinn,
Fielen die Gedanken
Wie wertlose Groschen
Zum Tanz der Moleküle.
Wir lachten über Clowns,
Die es ernst meinten,
Erfanden uns
Eigene Götter,
Bauten ein Haus
Für sie und uns
In erfüllten Räumen.
Bücher wurden unlesbar,
Maltest du mit Himbeereis
Ein Herz ans Fenster.
Wir tasteten Horizonte ab
Und entdeckten uns dahinter.
Im Herbst kultivierten wir
Den wilden Wein
Für eine bessere Ernte,
Weil die Bienen,
Die wir streicheln wollten,
Noch für uns schwärmten.
Noch grünte der Ahorn,
Noch bäumte sich die Sonne auf.
Wir waren geblendet wie Ikarus,
Damals, als ich glücklich war.
Heute fällt die Erinnerung
Allabendlich ein,
Schließt mit jedem Glas Wein
Leise eine Tür,
Dreht sich der Raum
Langsam zur Neige.
Samstag, 22. März 2008
Verdrossenheit
Der Februar versprach mir das Blaue vom Himmel,
Der März schickte wieder nur Schnee.
Die Landschaft bedeckt sich mit nasskaltem Schimmel,
Damit ich vor Sehnsucht vergeh´.
Was knospet und sprießt, ist der Rede nicht wert.
Der Himmel bleibt wortbrüchig grau.
Und wenn jemand über die Frühblüher fährt,
Dann interessiert´s keine Sau.
Der Frühling ist diesjahr ein einziger Flop.
Nur Kirschblüten leuchten so satt
Wie billigster Kitsch aus dem Asia-Shop,
Den keiner gern kauft, aber hat.
Ein klein wenig Sonne, ein klein wenig Liebe -
Und alles wird schön wie vor Jahren:
Die Landschaft, der Kitsch und die hungrigen Triebe;
Selbst die, die wir still überfahren.
