tag:blogger.com,1999:blog-11035208974092350892008-05-08T22:05:23.185+01:00Franks UnfugFranks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comBlogger162125tag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-82932768761700818842008-05-04T20:54:00.003+01:002008-05-05T13:34:09.659+01:00Junges GlückSie gehn auf Sonnenwegen,<br />Spazieren Hand in Hand.<br />Sie war direkt verlegen,<br />Als er ihr Blümchen fand.<br />Sie will nur diesen Einen:<br />Er warnt vor Stolpersteinen,<br />Er warnt vor tiefen Pfützen.<br />Als würde es was nützen.<br /><br />Er ruft sie täglich an<br />Und nennt sie „kleine Maus“.<br />Sie sagt nur noch „mein Mann“<br />Und „unser schönes Haus“.<br />Für andre sind sie blind.<br />Selbst wenn sie Rentner sind,<br />Wolln sie einander stützen.<br />Als würde es was nützen.<br /><br />Er lässt sie nie im Stich.<br />Wenn er zur Arbeit fährt,<br />Sagt sie: „Ich liebe dich!“<br />Und wenn er wiederkehrt,<br />Geschwächt und etwas kühl,<br />Gibt sie ihm das Gefühl,<br />Er könne sie beschützen.<br />Als würde es was nützen.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-8642723156845796572008-04-29T19:44:00.002+01:002008-04-29T19:53:46.144+01:00Der getigerte SchmetterlingDer getigerte Schmetterling<br />Will keine Tigerente sein<br />Und auch kein Schwein<br />Mit schwarzen Streifen.<br /><br />Der getigerte Schmetterling<br />Ist kein Trauermantel oder – ärmer:<br />Ein Totenkopfschwärmer.<br />Er ist nicht bloß Seele.<br /><br />Er ist das Leben.<br />Er fällt gern auf<br />Und nimmt in Kauf,<br />Dass seine Tarnung keine ist.<br /><br />Jagen will er jedes Ding,<br />Das flieht, wenn er schreit.<br />Fliegen will er, wenn es schneit.<br />Er möchte nicht nur flattern.<br /><br />Er will Unsterblichkeit<br />Für letzte Wochen.<br />Jetzt wird nicht mehr gekrochen,<br />Jetzt hat er Biss.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-31024274806406218122008-04-28T18:56:00.001+01:002008-04-28T19:01:42.384+01:00Terrassenschach„The same procedure as last year?” – “The same procedure as every year.“<br /><br />Ein warmer Maitag. Weiß beginnt.<br /><br />Der blasse Läufer holt Bier aus dem Kühlschrank, der blasse Springer holt Gläser.<br />„Ich trink´ aus der Flasche“, sagt der Läufer und trinkt.<br />„Wusst´ ich doch nicht“, mault der Springer und gießt sich das Bier schnell ins Glas.<br />„Ich trink´ immer aus der Flasche“, sagt der Läufer und trinkt.<br />Dem Springer läuft Schaum über den Glasrand auf den Tisch.<br />„Huch!“, sagt der Springer und trinkt etwas Schaum ab.<br />„Wär´ dir so nicht passiert“, sagt der Läufer und trinkt.<br />„Ich hol´ schnell einen Lappen“, sagt der Springer und springt in die Küche.<br />Dann sitzen sie wieder zusammen und trinken gemeinsam Bier. Der Springer sieht zur Nachbarterrasse rüber.<br />Dort löst der blasse König ein mittelschweres Sudoku. Er sagt kein Wort.<br />Die blasse Dame sitzt daneben und sieht geradewegs zum dunklen Turm von vis-à-vis. Zwischen ihnen toben ein paar kleine Bauern.<br />Die Dame spricht über grüne Bäume und Discounter-Angebote. Dabei lächelt sie dem Turm zu. Der lächelt zurück.<br />Der König sagt kein Wort. Er probiert jetzt ein leichtes Sudoku.<br />Die Dame beschwert sich leise über die lauten Bauern. Und lächelt dabei.<br />Der Springer sieht, wie der Turm der Dame zuzwinkert.<br />"Gardez!", flüstert der Springer dem Läufer zu und stößt ihn mit dem Ellenbogen an.<br />Da bekleckert sich der Läufer, der gerade aus der Flasche trinken wollte, und flucht.<br />Der König sieht auf und erhebt sich. <br />Er wolle reingehen. Das Wetter. Zu warm. Er fühle sich matt.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-23037987360172907312008-03-29T09:53:00.002+01:002008-03-29T09:57:13.004+01:00092 | In ein paar TagenSicher, in ein paar Tagen, spätestens Wochen, sitzen wir sonnenverwöhnt im Straßencafé und genießen das wie erste kulinarische Genüsse der Saison. Dann tragen wir fast beiläufig unsere Sonnenbrillen und unsere Wirkung auf andere zur Schau. Sind voller Selbstwert- und Frühlingsgefühl, voller Sinnlichkeit und Pheromonen.<br />Aber jetzt? Sind wir Wartende, denen man es nicht ansieht. Wir laufen im blinden Aktionismus durch windige Straßen, fühlen das kaum noch auszuhaltende Bedürfnis, uns verlieben zu wollen wie Tom Hanks und Meg Ryan. Genau so. <br />Aber wir gleichen Hugh Grant in „Notting Hill“, der zu Bill Withers „Ain't No Sunshine” und Al Greens “How Can You Mend a Broken Heart?” durch London irrt. <br />Wir zweifeln, sind auf der Suche nach dem, was wir nicht festhalten konnten, in Berlin, Stuttgart oder Osnabrück. Wir wollen vergessen und leiden darunter, dass wir es nicht können; warten auf die Zeit, die uns dabei helfen muss.<br />Wir haben die Aura von Unberührbaren und suchen unser Heil im Chat. Oft sind wir bereits morgens müde, zählen abends Jahre und vertane Chancen durch und stellen gleich alles in Frage. Nachts gehen wir trotzdem viel zu spät ins Bett. Wer kann auch schon schlafen, wenn er wie Hugh Grant leidet.<br />Aber ganz sicher: In ein paar Tagen, spätestens Wochen, sind wir voller Frühlingsgefühl. Dann wird alles anders. Wie jedes Jahr.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-39188891953940256512008-03-26T08:39:00.001+01:002008-03-26T17:43:25.906+01:00Damals, als ich glücklich warDamals, als ich glücklich war,<br />Kam der wilde Wein<br />Uns in den Sinn,<br />Fielen die Gedanken<br />Wie wertlose Groschen<br />Zum Tanz der Moleküle.<br /><br />Wir lachten über Clowns,<br />Die es ernst meinten,<br />Erfanden uns<br />Eigene Götter,<br />Bauten ein Haus<br />Für sie und uns<br />In erfüllten Räumen.<br /><br />Bücher wurden unlesbar,<br />Maltest du mit Himbeereis<br />Ein Herz ans Fenster.<br />Wir tasteten Horizonte ab<br />Und entdeckten uns dahinter.<br /><br />Im Herbst kultivierten wir<br />Den wilden Wein<br />Für eine bessere Ernte,<br />Weil die Bienen,<br />Die wir streicheln wollten, <br />Noch für uns schwärmten.<br /><br />Noch grünte der Ahorn,<br />Noch bäumte sich die Sonne auf.<br />Wir waren geblendet wie Ikarus,<br />Damals, als ich glücklich war.<br /><br />Heute fällt die Erinnerung<br />Allabendlich ein,<br />Schließt mit jedem Glas Wein<br />Leise eine Tür,<br />Dreht sich der Raum<br />Langsam zur Neige.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-40593320394097558012008-03-22T18:27:00.003+01:002008-03-22T23:29:57.834+01:00VerdrossenheitDer Februar versprach mir das Blaue vom Himmel,<br />Der März schickte wieder nur Schnee.<br />Die Landschaft bedeckt sich mit nasskaltem Schimmel,<br />Damit ich vor Sehnsucht vergeh´.<br /><br />Was knospet und sprießt, ist der Rede nicht wert.<br />Der Himmel bleibt wortbrüchig grau.<br />Und wenn jemand über die Frühblüher fährt,<br />Dann interessiert´s keine Sau.<br /><br />Der Frühling ist diesjahr ein einziger Flop.<br />Nur Kirschblüten leuchten so satt<br />Wie billigster Kitsch aus dem Asia-Shop,<br />Den keiner gern kauft, aber hat.<br /><br />Ein klein wenig Sonne, ein klein wenig Liebe -<br />Und alles wird schön wie vor Jahren:<br />Die Landschaft, der Kitsch und die hungrigen Triebe;<br />Selbst die, die wir still überfahren.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-53736653267206728222008-03-20T19:19:00.000+01:002008-03-20T19:20:06.726+01:00Das Gefühl ist klüger als der Verstand,<br />Sagtest du, <br /><br />Als ich nicht verstand,<br />Warum du mich verlässt.<br /><br />Klug erklären konntest du es kaum.<br />Klug war auch nicht, was ich fühlte.<br /><br />Es tat nur weh.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-3843964491424622722008-03-16T17:36:00.005+01:002008-03-16T17:55:59.864+01:00Bleibende BilderSind wie entwertete Briefmarken, mein Freund,<br />Abgelöste Zeichen <br />von Ansichtenkarten und Abschiedsbriefen.<br />Sammlerstücke in weißgepresster Faust,<br />Die ich hilflos bleibend öffne, wenn der Wind geht.<br /><br />Klebende Bilder, nicht von der Hand zu weisen<br />Von verblasener Luft . <br />Verschwommen und wertlos sind sie;<br />Vergilbte Antworten winden sich bei Flauten. <br />Nur die Fragen, mein Freund, bleiben stets frisch<br /><br />Und gehen retour.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-40341127536113703372007-10-20T13:50:00.000+01:002007-10-20T17:22:31.191+01:00091 | Nehringen<a href="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoISRW0ROI/AAAAAAAAAE8/D5GRUtG8Jys/s1600-h/DSC00129.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoISRW0ROI/AAAAAAAAAE8/D5GRUtG8Jys/s200/DSC00129.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5123416636077130978" /></a><br />Für eine Woche nahm ich mir eine Auszeit. <br />Da ich meine Idyllen im Norden weiß, mich aber nicht zwischen Mecklenburg oder Vorpommern entscheiden konnte, bezog ich genau an Nordvorpommerns Grenze Quartier, im Winzig-Ort Nehringen an der Trebel. <br />Nehringen, so entnimmt man es den Beschreibungen, besitzt „das letzte erhaltene Ensemble schwedischen Barocks in Vorpommern“. Aha. Das wird den meisten so viel sagen wie der 2. Hauptsatz der Thermodynamik und wenig Lust machen, dort hinzureisen. Was schade wäre. Denn Nehringen besitzt vor allem Flair.<br />Es ist ein kleines, malerisches Gutsdorf mit Kirche, Gutshaus und –park, einer Handvoll Katen, Häuschen und Gehöften. Alles wirkt hier zeitlos, entstammt aber augenscheinlich dem 18. und 19. Jahrhundert. Das ist vorstellbarer.<br /><a href="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoIoBW0RPI/AAAAAAAAAFE/vC38HFqzFDw/s1600-h/DSC00147.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoIoBW0RPI/AAAAAAAAAFE/vC38HFqzFDw/s200/DSC00147.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5123417009739285746" /></a><br />Weil die Schweden nach dem 30-jährigen Krieg in Vorpommern nun einmal Fuß gefasst hatten, wurde ihnen das Land letztlich auch zugesprochen. Anfang des 18. Jahrhunderts war ein gewisser Graf von Meyerfeldt Generalgouverneur für Rügen und Vorpommern. Der fand Nehringen wie ich bezaubernd und ließ sich 1720 ein Gutshaus und zwei angrenzende „Kavaliershäuser“ bauen, um Besuch unterzubringen. Vielleicht fand er Nehringen allerdings nicht nur bezaubernd, sondern vor allem „strategisch bedeutsam“. Schließlich hatten die letzten 20 Jahre vor seiner Ankunft die Dänen Pommern besetzt. Ein ständiges Hin und Her! <br />Nicht umsonst stand hier auch einmal eine Grenzfeste, von der bloß noch die breite Ruine des so genannten „Fangelturmes“ im Gutspark übrig ist. Dort steht er seit dem frühen 14. Jahrhundert auf einem Hügel. Und wäre er nicht so baumumwachsen, könnte ich ihn von meinem Stubenfenster aus sehen, so wie die Kirche und das alte Pfarrhaus. <br />Dicht heran darf man an den Fangelturm derzeit nicht. Er ist abgesperrt, weil er sich offenbar für seinen Zustand schämt und Zudringlinge mit zerbrochenen Backsteinen bewirft.<br /><br />Graf von Meyerfeldt jedenfalls ließ 1721 und in den folgenden sechs Jahren die Andreas-Kapelle von 1350 zur barocken Schlosskirche umgestalten. Dann war es vorerst gut, das Barock-Ensemble perfekt. Das heißt, 1744 musste der 1598 gebaute Kirchturm neu errichtet werden. Irgendwie hört so etwas schließlich nie auf.<br />1730, als die Arbeiten an der Kirche abgeschlossen waren, wurde übrigens noch ein Pfarrwitwensitz gebaut, eine einfache Kate, die ebenfalls erhalten ist. <br /><br />In Nehringen, dem zeitweiligen Garnisonsort, ging es wie in ganz Mecklenburg-Vorpommern nicht immer so friedlich zu, wie es den Anschein hat. Die Herzogsfamilien des Nordens machten sich früher das Leben schwer, weil oft viele Familienmitglieder gleichzeitig regieren wollten. Da zerstückelte man dann schon mal seinen Erbbesitz, was die Machtposition natürlich schwächte. <br />Kein Wunder, dass im 30-jährigen Krieg Wallenstein Regent in Mecklenburg wurde und auch Pommern nach aller Kriegskunst verwüstete. <br />In dieser Zeit muss die Wehrmauer des Nehringer Kirchhofs mit seinen Schlüsselschießscharten entstanden sein. Ob dort allerdings jemals Flintenläufe rausguckten, weiß ich nicht zu sagen.<br /><a href="http://bp3.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoJAxW0RQI/AAAAAAAAAFM/T3HHi9m8kM4/s1600-h/DSC00128.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp3.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoJAxW0RQI/AAAAAAAAAFM/T3HHi9m8kM4/s200/DSC00128.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5123417434941048066" /></a><br />Dass sich in Nehringen alle zusammengehörigen Barockbauten erhalten haben, ist gar nicht selbstverständlich. Denn die mussten vor allem 40 DDR-Jahre über standhaft bleiben. Und hätte sich der hier ansässige Küster, Herr Bergemann, von dem wohl bereits die Großeltern auf dem Kirchhof liegen, damals nicht so stark für den Erhalt der St.-Andreas-Kirche gemacht, wäre diese wohl mitsamt Mehmel-Orgel, Kanzel, Decken- und Tafelgemälden, Beichtstuhl und Patronatsloge abgerissen worden. <br />Heute steht die Kirche unter Denkmalschutz und der Herr Bergemann hat für seine gute Tat das Bundesverdienstkreuz erhalten. <br />Ein zweites Kreuz sollte man im übrigen für denjenigen bereitlegen, der sich für die dringend erforderliche Sanierung des Gutshauses und Fangelturmes stark macht.<br /><br />Als ich mir ohne Furcht vor fallenden Steinen die Kirche und den Kirchhof in Ruhe besah, tuschelten die gelben Blätter der verschnittenen Linden über mir bewegt wie alte Leute. Was der Fremde hier wohl tue? Ich antwortete nicht, sondern lauschte in den goldenen Oktober hinein: drei Vögel hielten einen Schwatz, eine Biene brummte wie ein winziger Traktor vorbei, irgendwo kletterte ein Eichhörnchen einen Baum hoch.<br />Auf dem Boden zwangen Moos und braunes Laub alte Grabplatten zur Ruhe. <br />Ein mit Zäunchen umfriedetes Grabmal sah ich mir genauer an. Dort liegt ein Carl Freiherr von Pachelbel-Gehag-Ascheraden. Was für ein Name! Ob er mit dem süddeutschen Musiker – einem Bürgerlichen - verwandt war? Wohl kaum. Oder mit dem Rügener Baron von Ascheraden? Schon eher.<br />Denn geboren wurde er 1859 in Zimkendorf. Das liegt bei Stralsund. Mit 82 Jahren starb er im benachbarten Keffenbrink, drei Jahre vor Kriegsende. Sein Titel ist auf der Grabplatte ablesbar, nicht aber, was er für ein Mensch war. Vielleicht ein pommerscher Stechlin, mit dem das Gute der alten Zeit wegstarb.<br /><a href="http://bp2.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoJghW0RRI/AAAAAAAAAFU/a0HyxOXT_iM/s1600-h/DSC00136.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp2.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoJghW0RRI/AAAAAAAAAFU/a0HyxOXT_iM/s200/DSC00136.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5123417980401894674" /></a><br />Ein Platz, den der Freiherr vielleicht wie ich besonders in sein Herz geschlossen hatte, ist die 1911 erbaute und von 1983 bis 1990 rekonstruierte Klapp- und Zugbrücke über der Trebel. Auf ihr stand ich oft bei bestem Herbstlicht und blinzelte übers Wasser und bewachsene Moor. Hier war der „Pass von Nehringen“, der sonst schwer zugänglichen Landesgrenze. <br />Von dieser Holzbrücke aus wanderte ich ins Mecklenburgische, nach Wasdow oder einmal nach Groß Methling:<br /><a href="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoJ7BW0RSI/AAAAAAAAAFc/KgAlnBb96Fo/s1600-h/DSC00139.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoJ7BW0RSI/AAAAAAAAAFc/KgAlnBb96Fo/s200/DSC00139.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5123418435668428066" /></a><br />Die Landschaft hatte die Ruhe weg und der Himmel war so weit, dass mein Geist wieder zu fliegen lernte. <br />Über dem Weg, der wie die Abzugsgräben die Trebelniederung durchschneidet, lagen in Kopfhöhe Spinnfäden. Auf dem Boden krochen Raupen und Käfer, waren Spinnen und Schnecken unterwegs, in der Luft Eintagsfliegen und Schmetterlinge, die wie ich das Wetter für einen Ausflug nutzten. <br />Ganz in meiner Nähe landete lautlos ein Schwarzer Milan. <br />Dafür knisterte und flatterte im Gesträuch von den kleineren Vögeln und Phantommäusen. Nur einmal sah ich so eine Maus. Sie lag frisch erlegt vor mir auf dem Weg. Der Milan wird sie zuvor fallen gelassen haben, um mir zu bedeuten, wer der Herr im Revier sei.<br /><br />Die gesamte Natur war beseelt und hielt ihre Andacht. Mir war, als beobachte sie mich mit stockendem Atem, ob ich ihrer auch wirklich gewahr würde. <br />„Ja!“, schrie der Milan. Ja, dachte ich, ja!<br />Ein mir entgegenkommendes Auto schunkelte trunken von Schlagloch zu Schlagloch und wirkte dabei recht albern. Nur der Fahrer musterte mich bierernst. <br />Überhaupt schienen alle Autofahrer sich zu fragen, was einer wie ich hier tue, so allein im Niemandsland. <br />Ich wusste es.<br /><a href="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoKTBW0RTI/AAAAAAAAAFk/nUgrVm7wijE/s1600-h/DSC00141.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoKTBW0RTI/AAAAAAAAAFk/nUgrVm7wijE/s200/DSC00141.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5123418847985288498" /></a><br />Im angrenzenden Auenwald bemerkte ich neben dem inzwischen befestigten Weg eine Ansammlung von Feldsteinen, die sich von anderen auf Feldern zusammengetragenen Haufen darin unterschied, dass es in der Mitte eine Mulde gab. Vielleicht stand ich vor einem in Vorzeiten geplünderten Hühnengrab. Davon gibt es ja sehr viele in Norddeutschland. <br />Darüber grünte noch der Ahorn im Schatten der Buchen. <br /><a href="http://bp2.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoKshW0RUI/AAAAAAAAAFs/j7QXAqFWs8M/s1600-h/DSC00150.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp2.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoKshW0RUI/AAAAAAAAAFs/j7QXAqFWs8M/s200/DSC00150.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5123419286071952706" /></a><br />Beim Weitergehen hörte ich auf den Herzschlag meiner Schritte, dachte an die fahrenden Romantiker und fühlte mich, so aus der Zeit geworfen, recht wohl. Das Haus, in dem ich untergekommen war, ist übrigens eine alte Bauernkate von 1805, dem Jahr als Schiller starb. Auch daran musste ich unterwegs denken. <br />Bei ein paar weidenden Kühen, die nicht mal muh machten, blieb ich stehen und lauschte wieder in den Nachmittag. Es war nichts zu hören als die heiseren Rufe einer weiteren Wildgansformation am Himmel, nichts zu sehen außer Himmel und Erde und ein paar Rauchzeichen dazwischen.<br /><a href="http://bp2.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoLBhW0RVI/AAAAAAAAAF0/zKR3g7py0t4/s1600-h/DSC00143.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp2.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/RxoLBhW0RVI/AAAAAAAAAF0/zKR3g7py0t4/s200/DSC00143.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5123419646849205586" /></a><br />Am Ende meiner Woche sah ich vor der Rückfahrt ein letztes Mal aus dem Stubenfenster zum alten Pfarrhaus über die Straße. <br />Hier muss der Freiherr von Pachelbel vorbeigegangen sein, um sich die neue Trebelbrücke zu besehen, dachte ich. Die Fenster des Pfarrhauses werden da schon schräg in ihren abgesenkten Fächern gesteckt haben. Aber es gab noch kein Moos auf dem Dach. <br />Von nebenan, aus einem Fenster des Pfarrwitwensitzes heraus, wird den Freiherrn eine alte Dame beobachten haben. <br />„Der Herr Carl ...“, hat sie vielleicht gedacht. <br />Und dann wurde es Herbst. Endgültig. So wie jetzt.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-28765431441928734812007-10-11T21:33:00.000+01:002007-10-11T22:39:55.924+01:00090 | Brandenburg ...Letztens war ich in Brandenburg, der Stadt. Dabei hatte ich trotzdem den Ohrwurm von Rainald Grebe im Kopf, der sich nicht auf die „Wiege der Mark“, sondern auf das Land bezieht:<br /><br />„In Brandenburg, in Brandenburg ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt. Was soll man auch machen mit siebzehn, achtzehn in Brandenburg ...“<br /><a href="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6U1RW0RAI/AAAAAAAAADM/XM9c1F2TQFE/s1600-h/DSC00100_OT.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6U1RW0RAI/AAAAAAAAADM/XM9c1F2TQFE/s200/DSC00100_OT.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5120193469279912962" /></a><br />So schlimm war es natürlich nicht. Aber dennoch: Selbst Freunden erscheint das erinnerte Brandenburg an der Havel trist und seelenlos. Obwohl es noch diese gefühlte Seele, diese gefühlte DDR gibt. Dort, wo die Stadt im Westen angekommen ist, wo saniert und gebaut wurde, entsteht bei demografischer Rückschrittlichkeit leider bloß der traumhafte Eindruck eines potjomkinschen Dorfes. Beispielsweise vor der wunderschönen Jugendstilvilla Lehmann in der Plauer Straße. <br /><a href="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6VTRW0RBI/AAAAAAAAADU/ZhPQHH0Hdec/s1600-h/DSC00097_OT.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6VTRW0RBI/AAAAAAAAADU/ZhPQHH0Hdec/s200/DSC00097_OT.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5120193984675988498" /></a><br />Authentischer wirken irgendwie die zerfallenen Bauten oder gar mutwillig Zerstörtes - wie der Webcam-Monitor auf der Brücke am Domstreng und der Parkautomat davor. Das ist Brandenburger Jugendkultur wie sie im Rufe steht! Da steht sie sogar Berlin in nichts nach. Für den fehlenden wirtschaftlichen Antrieb Brandenburgs springen Fördervereine und Förderprogramme als Ersatzmotoren an. Der Rest ist Schläfrigkeit, trotz der hübschen Beschreibung des „Lebens in der Stadt“ in der Webpräsenz. <br />Die Alte Mühle am Mühlendamm illustriert den Zustand Brandenburgs: Ein sanierter und ein ruinierter Gebäudekomplex werden von einer Brücke verbunden. Darunter fließt Wasser, fließt Zeit.<br /><br />Weiter westlich, am Salzhofufer, sitzen die Trinker. Sie haben sich viel Würde im Verborgenen bewahrt und stieren fatalistisch wie Angler auf die Niedere Havel. Als würde dort eines Tages eine Antwort vorbeischwimmen oder ein Schiff anlegen, das sie mitnimmt.<br />Nach einer Zeitreise ins 11. Jahrhundert wird ihnen wahrscheinlich nicht der Sinn stehen, vielleicht aber der damit verbundene Weg, der aus dem Schlamassel herausführen kann: Auf dem 11.000qm großen Areal direkt hinter ihnen bietet die BAS (Brandenburg an der Havel Arbeitsförderungs- und Strukturentwicklungsgesellschaft mbH) gestrandeten Existenzen die Möglichkeit dafür. Ganz im Sinne der experimentellen Archäologie entstand und entsteht dort ein Slawendorf, das mehr ist als ein Abenteuerspielplatz für Schülergruppen oder ein Mittelalterfest für Besucher. Hier lernt man über archaische Arbeitsprozesse seinen menschlichen und sozialen Wert kennen.<br /><a href="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6W5RW0RFI/AAAAAAAAAD0/9mveNoX5JQQ/s1600-h/DSC00086_OT.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6W5RW0RFI/AAAAAAAAAD0/9mveNoX5JQQ/s200/DSC00086_OT.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5120195737022645330" /></a><br />Der tatsächlich im Mittelalter entstandene Dom („norddeutsche Backsteingotik“) enthält so viele erwähnenswerte Kunstschätze, dass man genügend Leute damit langweilen könnte. Interessanter ist wie so oft, was vielleicht nicht im Reiseführer steht. Da wären die sogenannten Drolerien zu nennen. Das sind im Brandenburger Dom an die Gewölbedecke gemalte Wasserspeier-Köpfe, die allerdings kein Wasser spucken sollen. Denn sabbern die offenen Münder, zeigen sie an den Stellen, wo einzelne Backsteine fehlen, ein undichtes Dach an. Auf Ideen kamen die Leute ...<br />Überhaupt die Backsteine. Da wurde früher von Tüchtigen eine Bodenfläche ausgehoben und wieder mit Lehm, Ton, Wasser, Sand und Pferden gefüllt. Jawohl, mit Pferden. Die stampften über Wochen alles zu Matsch und gaben Urin als Konservierungsmittel dazu. Der verhinderte Salpeter am späteren Mauerwerk. Darauf muss man auch erst mal kommen!<br />So ein in Form gebrachter Matsche-Stein wog seine 9 kg. 600 Stück davon musste ein Arbeiter in 12 Stunden pro Tag fertigen, bevor er als Wackerstein ins Bett fallen konnte. <br />Steine ganz anderer Art befinden sich am Haupteingang des Domes. Dort sieht man erhobenen Hauptes fabelartige Szenen auf Kalksteinkampfern: Ein Fuchs als Priester predigt den Gänsen, bevor er sich auf sie stürzt und dafür letztlich hingerichtet wird. Vis-á-vis spielt ein Affe Schach, daneben lässt sich ein Hebekran erkennen ... Der Sinn erschließt sich nicht überall. Was die Sache für mich spannend macht. Wer hinterließ solche Rätsel?<br />Und was waren das für junge Männer, welche ihre Namens im 16. Jahrhundert ins Chorgestühl ritzten? „Peter“ steht dort, glaube ich mich zu erinnern, und „Johannes Stabe“. Ob es irgendwo noch mehr Spuren von diesen „Scratchern“ gibt? In einem Archiv, einem Kirchenbuch? Wer waren Peter und Johannes?<br /><br />Vor etwa 10 Jahren wanderte ich im Herbst mit einem Freund zwischen Jena und Auerstedt herum. Wir wollten auf den Feldern der Schlacht von 1806 eine Nachlese halten, Patronenhülsen oder Koppelschlösser finden. Außer einem verendeten Bussard fanden wir jedoch nichts. Aber mein Freund, der Hobby-Archäologe, zeigte mir bei sich bereits gefundene Schätze. Da war nichts, was das Denkmalamt auf den Plan rufen könnte: ein paar Scherben von „frisch abgeregneten Äckern“, nicht mehr. Doch eine dieser Scherben war sein ganzer Stolz. Ich konnte nur zuerst nicht erkennen, warum. Sie war terrakottafarben, klein und ohne Muster. „Aber der Fingerabdruck!“, sagte mein Freund. „Vor beinahe 2000 Jahren hat ein römischer Töpfer auf genau dieser Scherbe seinen Fingerabdruck hinterlassen!“ Das beeindruckte mich.<br />Und es ist wie mit den Namen im Chorgestühl, nur bescheidener, weil zufällig. <br />Was bleibt insgesamt von menschlichen Spuren im kollektiven Gedächtnis erhalten? <br />Im Brandenburger Dom hängt das Familienwappen derer von Katt. Es zeigt eine Katze mit erlegter Maus im Maul. Der berühmteste von Katt ist als Katte durch seinen Tod für den geliebten preußischen Thronfolger Friedrich II. bekannt, der mit ihm stiften gehen wollte. Das mit dem Tod weiß man. Wer weiß aber etwas über Kattes Leben? Er bleibt als die Maus aus seinem Familienwappen in Erinnerung.<br /><br />In der St.-Petri-Kapelle neben dem Dom hängen an der Empore die Wappen anderer honoriger Familien, zum Beispiel das der von Ribbecks aus dem Havelland. Wie viele Familienmitglieder dieses Namens wird es gegeben haben und geben? Und wie viele ungeschriebene Romane gehen damit einher? Was aber erinnert wird, ist eine Birne, ist ein Gedicht aus der Feder eines ganz anderen „Fon“.<br /><a href="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6VuRW0RCI/AAAAAAAAADc/4INYxRpjKxU/s1600-h/DSC00083_OT.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6VuRW0RCI/AAAAAAAAADc/4INYxRpjKxU/s200/DSC00083_OT.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5120194448532456482" /></a><br />Die Petri-Kapelle ist übrigens nur selten zugänglich, zumeist bei Kunstausstellungen. Eigentlich viel gab es auch nicht zu sehen, doch empfand ich die Atmosphäre als äußerst erwähnenswert. Der Gang durch den verwilderten Vorgarten, in dem ein Holzkahn modert, war wie der Eintritt durch eine geheime romantische Pforte. Dazu das stille Herbstlicht ... <br /><br /><br /><a href="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6WHRW0RDI/AAAAAAAAADk/iLXCRv8yld0/s1600-h/DSC00084_OT.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6WHRW0RDI/AAAAAAAAADk/iLXCRv8yld0/s200/DSC00084_OT.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5120194878029186098" /></a><br />In der Kapelle roch es nach alten Zeiten, Kirchenbüchern und Familiengruften. Das weiße Zellengewölbe kontrastiert dort alles etwas futuristisch. Die offenen Sakramentsnischen sind leer, wirken aber vollkommen. Und dass der letzte Slawenfürst Brandenburgs unter der Kapelle begraben sein soll, war fühlbar möglich.<br /><br /><br /><br /><a href="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6WjBW0REI/AAAAAAAAADs/vO8M9AG_9js/s1600-h/DSC00079_OT.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rw6WjBW0REI/AAAAAAAAADs/vO8M9AG_9js/s200/DSC00079_OT.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5120195354770555970" /></a><br />Brandenburg. Brandenburg ist nichts Homogenes, sondern die Summes aus Eindrücken. Brandenburg hat Potential, ist Berlin im Kleinen, nur verwurzelter, weniger sexy, aber genauso arm. Genauso reich.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-11092841716499589662007-09-18T20:25:00.001+01:002007-09-20T21:38:32.217+01:00089 | Wieder in DresdenAm Wochenende befand ich mich bei ungeahnt mildem Wetter in Dresden. Ein liebes Freundespaar heiratete, und die Sonne erwärmte sich ordentlich für sie. <br />Nach einer Art Polterabend in der Wohnung der Brautleute zog ich vor Mitternacht mit dem Bräutigam und seinen männlichen Gästen zur Junggesellennacht aus. Es ging zur Wiedereröffnung der legendären Kakadu-Bar im Stadtteil Weißer Hirsch. Sogar ein Film wurde vor 3 Jahren danach benannt („Der rote Kakadu“), aber der floppte. <br />In den 50ern war die Bar ein szeniges Tanzlokal, ein Jazz- und Rock´n´Roll-Keller. Jetzt tanzt dort Schicki mit Micki, paffen Designerbrillen teure Zigarren am Tresen. <br />Die Inneneinrichtung der Bar ist schon beeindruckend, die Kellner sind perfekt gekleidet und geschult. Da lässt sich nichts sagen. Aber der Kakadu wurde wiederbelebt und auf schwarze Zahlen abgerichtet, womit der Mythos stirbt. Denn der Geldadel bringt selten wahre Rock´n´Roller zum Vorschein. Der Mythos wird von Anzugträgern totgetanzt, die sich steifhüftig vor schönen Frauen bewegen. Als Beobachter kam ich mir wie ein „Englishman in New York“ vor, nur eben umgekehrt. Und trotz der schummrig-warmen Beleuchtung fröstelte es mich deshalb ein wenig. <br /><br />Nach viel zu wenig Schlaf ging es morgens zum Standesamt der prachtvollen Villa Weigang, in der jeden Sonnabend 20 Paare heiraten. <br />„Bitte Ruhe! Eheschließung!“ empfängt eines von vielen typisch deutschen Schildern, bevor alle Beteiligten kleinlaut die neu-kurfürstliche Amtsstube betreten. Gerade mal „ja“ durfte das Brautpaar nach einer gewöhnlichen Zeremonie sagen. <br /><br />Entspannt lief unsere Gesellschaft hinterher an der Elbe entlang zum berühmten SchillerGarten, wo direkt neben dem Blauen Wunder erstklassig gebruncht werden sollte. <br /><br />Schiller war zwischen 1785 und 1787 auf der gegenüberliegenden Elbseite Gast eines Freundeskreises um Christian Gottfried Körner, Vater des dichtenden Befreiungskriegers Theodor. Man kümmerte sich um den mittellosen Schiller. Und Körner wurde für ihn nach dessen Tod nicht nur Verleger der ersten Gesamtausgabe seiner Werke, sondern zu Lebzeiten neben Goethe auch wichtigster Freund. Von der körnerschen Gastfreundschaft begeistert schrieb Schiller seine „Ode an die Freude“. <br />In der später nach Schiller benannten Schankwirtschaft lernte der Dichter Justine, die anmutige Tochter der Wirtin, kennen, welche ab und zu die Gäste bediente. Sie musste, nachdem sie ihm sein Glas Milch gebracht hatte, mit ihrer schönen Stimme am Spinett vorsingen. Schauspielerin sollte sie werden, befand Schiller enthusiastisch. Aber das schickte sich damals nicht. So wurde sie Anwaltsgattin und Senatorenwitwe, bevor sie 93-jährig verstarb. Schiller machte sie aber zuvor als „Gustel von Blasewitz“ im Wallenstein unsterblich. Und hätte Schiller wie ich das Rührei mit Lachs im SchillerGarten genießen dürfen, hätte er sicherlich eine weitere Ode geschrieben.<br /><br />Am Ende einer nachmittäglichen Auszeit fand die eigentliche Hochzeitsfeier auf dem Schloss Nöthnitz statt, was einmal „Viehhof“ bedeutete und nun für Studienzwecke oder Feierlichkeiten zugänglich ist. <br />Bis heute ist nicht nur der Baumeister des Renaissance-Schlosses unbekannt, sondern für viele Dresdner sogar das Schloss selbst. Obwohl es nur 10 Autominuten vor der Landeshauptstadt liegt, musste der Taxifahrer gelotst werden.<br />Dabei ist das Anwesen durch Winckelmann berühmt geworden, welcher als erster Kunsthistoriker und Archäologe überhaupt gilt. Der Sohn eines Schusters arbeitete von 1748 bis 1754 in der Bibliothek des Schlosses und durfte die 40.000 Bücher umfassende Sammlung für private Forschungen nutzen. Nach Dienst, versteht sich. Was hieß, dass er sich von 3.00 Uhr bis 7.00 Uhr morgens und ab Feierabend bis weit in die Nacht mit der Antike beschäftigte. Offenbar kam der Mann ohne Schlaf aus. <br />Später unternahm er Studienreisen nach Italien, verfasste wissenschaftliche Schriften und sorgte dadurch dafür, dass der Klassizismus den Rokoko ablöste. <br />Mit 50 Jahren fiel Winckelmann einem Raubmörder zum Opfer. Da der Kunsthistoriker schwul war, könnte das bei seinem Tod allerdings auch eine gewisse Rolle gespielt haben.<br /><br />Ganz klar, dass viele der Schlossräume mit Bücherschränken, Abgüssen römischer Skulpturen und Veduten-Stichen ausgestattet sind. Der Rokoko-Festsaal jedoch atmet ganz den Geist des Ancien Régime: herrschaftliche Ölgemälde vor heller Purpurtapete aus Damast, ein stucküberdachter Kronleuchter in der Mitte des Raumes. <br />Aber vor allem das Abendmenü sorgte dafür, dass ich mich recht nobel fühlen konnte: Vitello tonnato und andere Antipasti eröffneten nach der Rede des Bräutigams den lukullischen Reigen. Mit Poularde, Rinderragout oder gefüllten Crépes, Weiß- oder Rotwein tanzte die Zunge sich vor zum Dessert. Wahlweise gab es Zuppa inglese, Tiramisú oder Apfeltarte aus Blätterteig. Dazu Crémant und natürlich Prosecco. <br />Die Gäste rekrutierten sich aus Schauspielern, Musikern und anderen Kreativen. Statt dröger Sättigungsspielchen und vieler Reden wurde am Flügel gespielt und gesungen. <br />Bevor es um Mitternacht ans Tanzen ging, spielten die zwei engagierten DJ´s Free Jazz. Ich als Banause sah, dass sie ihr Saxophon und Schlagzeug beherrschten, aber hörte es nicht. <br /><br />Insgesamt hielten mich meine Begeisterung und die netten Gespräche bis in die frühen Morgenstunden wach. Und die Begeisterung hält noch an. <br />Diese Hochzeit war nicht nur im eigentlichen Wortsinn ein Fest. Denn ich traf jede Menge Menschen, die nicht nur interessant, sondern vor allem auch sympathisch waren. So wie Dresden, in das ich mich von Besuch zu Besuch mehr vergucke. Nu, nu!Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-26426249379743042822007-09-06T21:07:00.000+01:002007-09-06T21:11:34.554+01:00088 | Summer´s almost goneLebkuchen zum Kaffee, Regen wie im Oktober und mit Strickjacke am Schreibtisch sitzen. All das deprimiert mich nicht wirklich. Mit etwas mehr Zeit würde ich das Couchwetter sogar genießen. Aber wenn ich „Fallende Blätter“ von Element of Crime höre oder „Summer´s almost gone“ von den Doors, dann wird mir schon zugig ums Gemüt. Eben dort, wo es vor kurzem noch leise liebliches Geläute gab. <br />Irgendwie endet jedes Jahr mit dieser September-Melancholie. Denn was danach kommt, ist kaum erwähnenswert. Um so schlimmer, wenn die Bäume jetzt noch auf Grün stehen und selbst Altweibersommertage als Frist das Ende höchstens verlängern helfen.<br /><br />Dieser Sommer war nicht groß, beseh´ ich mir die magere Ausbeute: viel Arbeit und wenig Muße zum satt werden. Allerdings gab es gute und bessere Momente. So war ich bei einem SEEED-Konzert und tanzte gleich auf mehreren Hochzeiten. Ich saß aber nicht ein einziges Mal im Biergarten oder am Meer. Dafür in Mecklenburgs Mitte, wo es wegen der Einsamkeit weitaus schöner sein kann. <br />Und wie ich diese Landschaft liebe! Den Geruch von Wasser, Wildwiesen und Wäldern. Den Anblick zerfallener Gehöfte und liebevoll sanierter Katen. <br />Auf Mecklenburgs Seenplatte gibt es Himmel im Großbildformat, mit Schwalbenschrillen und mehr sichtbaren Feldsteinen als Menschen. <br />Mich fasziniert, dass es so bereits in meiner Kindheit war und wohl auch vor 200 Jahren. Nur stehen heute andere Bengel an der Elde in Plau und angeln wie Huck Finn nach Barschen. <br />Stehen bleiben. Gedanklich zurückreisen. So immunisiert sich der Großstadtallergiker. <br /><br />Gern würde ich wie Eichendorffs Taugenichts mein Ränzlein packen und in die weite Welt hinauswandern. Dem Sommer und der Romantik hinterher. Und vielleicht tue ich es auch eines Tages. Wenn es möglich und Zeit ist. Durch Brandenburg nach Norden. Oder südwestlich in den Harz. Mit Fontane oder Heine als Begleiter.<br /><br />Diesen Sommer ging ich höchstens spazieren, am Nordrand der Schwäbischen Alb. Hätte ich Urlaubskarten verschickt, stünde auf ihnen: Wetter gut, Landschaft gut, Essen gut. <br />Hätte ich einen langen Brief nach Hause verfasst, schriebe ich, dass mir die Heimat fehlt. Und damit meine ich die Natur, die einen Dialekt spricht, welchen das Herz am besten versteht. <br /><br />Draußen wird es bereits dunkel und richtig kalt. <br />Aber ehe ich noch die letzte, die existentielle Strophe aus Rilkes „Herbsttag“ deklamiere, lautet mein lapidares Fazit: <br /><br />Der Sommer war nicht groß, aber: Herr, es ist Zeit!Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-14798167314978416842007-07-08T20:19:00.000+01:002007-07-08T20:21:49.986+01:00087 | "Die schönsten Franzosen kommen aus New York"Gestern war ich in der Neuen Nationalgalerie, um mir die französischen Meisterwerke aus dem 19. Jahrhundert anzusehen, welche das New Yorker Metropolitan Museum of Art ausgeliehen hatte. Nach der MoMA also ein weiteres Massenspektakel.<br /> <br />Obwohl ich mir vor und zu Bildern gerne eigene Gedanken mache, gönnte ich mir einen Audioguide. Das hatte den Vorteil, dass ich mehr sah, weil ich mehr erfuhr. Außerdem bekam ich nicht viel von den überflüssigen Bemerkungen der anderen Ausstellungsbesucher mit. Nur einmal hörte ich einen Mann sagen: „Hier kann ich mich nicht in die Bilder versenken!“ Was hatte er auch erwartet? Man geht ja schließlich nicht in die Disco und beschwert sich darüber, dass man sich nicht in Ruhe unterhalten könne. <br />Mir gelang hingegen die zeitweilige Zwiesprache mit den Gemälden. Mal halfen die ersten Takte von Debussys „Clair de lune“ nach, mal sprach mich ein Bild direkt beim Vornamen an. Und es waren nicht immer die bekanntesten. Hier eine Idylle aus farbigem Licht, dort ein entrückter Gesichtsausdruck. Ich konnte mich in der „Disco“ tatsächlich etwas „versenken“. Es war wie eine VIP-Party, auf die ich mich gefreut hatte, bei der ich innehielt und die Prominenz in Ruhe betrachtete: Ingres, Degas, Manet, Monet, Renoir, Cézanne, Gauguin, Van Gogh ...<br />Auf einen alten Bekannten freute ich mich ganz besonders: Modigliani! Hier rückte er wieder in mein Bewusstsein, mit seinen Porträts und Akten voller Poesie. Obwohl Konturen und Flächen auf das Wesentliche zurückgeworfen sind, lassen sich Tiefe und Melancholie perfekt ausloten. Hinterstrahlt von Künstlerlegende und finaler Tragik: 1920 starb der junge alkoholkranke Bohemian an Typhus und ließ eine schwangere Frau und ein kleines Mädchen zurück. Aber Jeanne, so hieß seine 19-jährige Geliebte, stürzte sich einen Tag später vom Dach ihres Hauses in den Tod. <br />Modiglianis Tochter wuchs bei einer Tante in Florenz auf und wurde später die Biografin ihres Vaters. Eine therapeutische Lebensaufgabe.<br /><br />Vor vielen Jahren reizte es mich, so zu leben wie Modigliani. Oder wie Jim Morrison. Nur wollte ich natürlich nicht so enden. Dann lieber wie Oscar Wildes Dorian Gray, der alle erdenklichen Gifte in sich aufnimmt, welche man ihm aber nicht ansieht. Eine alterslose Stil-Ikone der Jugend. Heute betrachte ich das Altern als philosophische Notwendigkeit, um sinnvoll mit dem Zeit-Guthaben umzugehen. Und ich lebe meistens vernünftig. Das ist die Voraussetzung für Dauer und Zufriedenheit. Aber das reicht natürlich nicht. Manchmal muss man sich eben etwas Gift unter die Hausmannskost mischen, um auf das Wesentliche zurückgeworfen zu werden, um Tiefe und Melancholie auszuloten.<br /><br />Ließen mich die drei ausgestellten Modigliani-Bilder still und nachdenklich werden, so entzündeten Van Goghs „Schwertlilien“ und „Zypressen“ ein regelrechtes Feuer der Begeisterung in mir. Van Goghs Malerei muss man im Original betrachten, um sie fühlen zu können. Eine wahnsinnige Lebensgier scheint den glühenden Pinsel geführt zu haben, der züngelnde und qualmende Spuren hinterließ. Denn bei Van Gogh war alles Opferfeuer für die Sonne.<br /><br />Die „schönsten Franzosen“ oder die Créme de la créme aus New York ist massengefällige Kunst, keine Frage. Aber das war sie ja nicht immer. Und wenn man seinen eigenen Weg durch die Ausstellung nimmt, seine Erfahrung in den Bildern widerspiegelt, dann hat das Ganze auch bewusstseinserweiterndes Potential. Man muss nur genau hinsehen.<br /><br />Die VIP-Party ist übrigens noch bis zum 7. Oktober in vollem Gange.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-29407116399158665282007-05-18T20:08:00.000+01:002007-05-31T19:01:57.888+01:00086 | Alte Karten und BriefeMeine größten Schätze bewahre ich im Oberstübchen auf: in zwei Kartons auf dem Dachboden. In dem einen befinden sich Fotos und Schriftstücke meiner Familiengeschichte, in dem anderen Briefe und Ansichtskarten, die ich früher erhielt. <br />Die erste Post erreichte mich bei der Kur. Da war ich vier Jahre alt und fühlte mich sehr einsam, denn Mutter-Kind-Kuren waren noch nicht erfunden. Die Prinzenrolle von meiner West-Oma, welche Knabbertrost hätte spenden können, wurde mir aus Gründen einer ausgewogenen Ernährung abgenommen und beim separaten Kaffeekränzchen meiner Erzieherinnen konsequent vernichtet. Ich sah es, als ich mich wegen irgendeiner Frage vertrauensvoll an sie wenden wollte.<br />Abends sang Reinhard Lakomy melancholisch zu Sandmanns Abendgruß: <br />"Geschichten erzählen von Freude und Fleiß, Geschichten erzählen, die noch keiner weiß. Frag doch die Leute, frag doch die Leute ... frag die Leut." Da wurde ich noch trauriger. <br />Wie unbeschwert sahen dagegen meine Eltern auf dem alten Hochzeitsfoto aus, das ich mir an einen freien Nagel übers Bett gehängt hatte. Von ihnen erhielt ich die meiste Post, vor allem Ansichtskarten, weil ich noch nicht lesen konnte. Ich sah sie mir immer vor dem Einschlafen an. Nach vier Wochen konnte ich die Karten bereits thematisch sortieren: Tiere, Sandmannfiguren, Karten mit Berlinmotiven, Karten aus dem Indianermuseum Radebeul, Szenen aus Rotkäppchen. Dieses Märchen spielte ich als erstes nach, schließlich kannte ich es auswendig. Später dachte ich mir Dialoge für die Kartentieren aus. Die Rückseite eines Stuhles war meine Puppentheaterbühne.<br />Briefe, welche meine Erzieherin nach Hause schickte, sind ebenfalls erhalten. Ich zeichnete dazu mit dem Buntstift Schiffe, Häuser und Gärten, aber auch einen Jungen mit Schirmmütze, der an vielen Luftballons hängt und am Fernsehturm vorbeifliegt, nach Hause.<br />Als mich meine Eltern vom Bahnhof abholten, sollte ich sagen, welche Veränderung ich bei meinem Vater feststellen konnte. Eine neue Jacke? Die Sonnenbrille? Ich wusste es nicht. Es war der Bart. Mein Vater hatte sich einen Vollbart wachsen lassen, und mir war es nicht aufgefallen.<br /><br />Die Post, die ich im Ferienlager erhielt, erscheint mir heute weniger bedeutsam, obwohl ich nach dem Mittagessen immer ganz aufgeregt war, ob was für mich dabei wäre. Wichtiger waren Briefe, die wir Kinder uns nach jedem melodramatischen Abschied zuschickten, als der Heimatalltag uns wieder hatte. Wir nahmen uns fürs nächste Jahr vor, gemeinsam im selben Durchgang dabei zu sein, was wegen der Urlaubsplanung unserer Eltern jedoch nicht immer klappte. Nach zwei, drei Briefwechseln schlief die Schreiblust stets wieder ein. “Aus den Augen, aus dem Sinn” hatte meine Mutter gesagt. Und ich wollte es nie wahrhaben. <br />Manchmal entspann sich jedoch eine Brieffreundschaft, die Jahre hielt, bis zum Ende der Kindheit oder spätestens bis zum Prüfungsstress in der 10. Klasse.<br /><br />Die wertvollste Post ist aber die der Jugendlieben: Briefe mit Herzchen, Gedichten, gepressten Blättern. Manchmal auch nur ein herausgerissener Zettel mit einer Adresse, einem übermütigen oder schmollenden Satz. <br />Gestern las ich mir einiges davon durch. Eine Anke P. lernte ich 1988 kennen. Das heißt, wir sahen uns höchstens dreimal. Sie war in der 9. Klasse, ich in der 11. Die Herbstferien verbrachte sie bei einer Tante auf dem Dorf. Anke schrieb mir Tagebuch-Briefe. Von der Öde dort, aber auch von einer merkwürdigen Begegnung mit einem Hirsch. Der stand morgens so versteinert wie sie auf dem Waldweg und starrte sie an. Dann lief er weg. So ähnlich war das wohl auch mit uns. Unsere Wege kreuzten sich zufällig, und wir hatten noch keine Scheu voreinander, legten unsere Herzen bloß, liebten oder benutzten uns, bevor ich im Dickicht verschwand. Bis dahin war aber alles ungeplant und möglich. Obwohl sie Friseurin werden wollte.<br />Meine Briefe wurden von Ankes Mutter nachgeschickt. Ich schrieb – sie zitierte mich – irgendetwas mit “Friedhöfen” und “zu sich finden”. Wie das eben so ist mit 16 oder 17. <br /><br />Es mag pathetisch sein, aber mit meiner Jugend ging auch die Ära des Briefeschreibens und In-sich-Hineinhorchens zu Ende. Denn Handyanrufe und E-Mails sind – philosophisch gesehen – kommunikatives Fastfood. Es sei denn, man druckt sich E-Mails aus. Aber selbst dann fehlt die Handschrift.<br />Trotz dieser Erkenntnis bin ich allerdings auch nicht mehr zum computerlosen Briefeschreiben zu bewegen, was schade ist. Ich hüte, wie gesagt, nur noch meinen angegilbten Hort im Oberstübchen.<br /><br />Es ist schon verrückt, was in alten Briefen steht, wirkt oft so präsent, dass man gleich antworten möchte. Dabei wurde das meiste vor 20 Jahren aufgegeben. Und wie in Brechts Gedicht “Erinnerung an Marie A.” - “Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer” - kann ich mich an manchen Namen, manchen Kuss von manchem Mädchen nicht erinnern. Und das ist sogar mehr als traurig. Denn was wird bleiben von unseren Erinnerungen, unseren Gefühlen, Worten und Taten? Ein Pappkarton mit Versatzstücken. Manches davon ist allerdings Impuls für weitreichende Erinnerungen. Z.B. ein Telegramm, in dem steht, wann ich in Bansin am Zeltplatz-Büro erwartet werde. Ich war 18 und wollte trampen. Mein Rucksack hatte Übergewicht, aber in mir traten alle Bands aus Woodstock noch einmal auf. Und obwohl ich von so gut wie keinem Autofahrer mitgenommen wurde, kam ich irgendwann auf Usedom an. Da mich wegen eines Missverständnisses niemand erwartete, schlief ich allein direkt am Meer. Abends wurden Strandfeuer entzündet. Bei Sonnenaufgang badete ich in der Ostsee. Am Vormittag trampte ich zurück.<br /><br />Was sie wohl heute machen? Die, die mich einmal erwarteten und die, welche mich sitzen ließen. Die Verführung, nach ihnen zu googlen, ist groß. Brecht hat das wohl geahnt, als er sein lyrisches Ich an den Kuss unter einer weiß blühenden Wolke und einem Pflaumenbaum erinnern lässt: <br />“Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen” ---<br />“Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind.<br />Doch jene Wolke blühte nur Minuten.<br />Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.”Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-26516938676568857862007-04-27T16:43:00.000+01:002007-04-27T08:42:45.247+01:00085 | Ablenzen in DresdenMal wieder raus. Bei dem Wetter! Nach Dresden. Denn Dresden ist Spurensuche im unbekannt Vertrauten. <br />Einmal war ich wohl dort, als Kind, mit der Schulklasse im Hygienemuseum. Erinnern kann ich mich an die gläserne Frau und die schwarz-gelben Straßenbahnen, welche so ganz anders aussahen als die Berliner Trams. Dresden war fremd und ungemütlich. Vielleicht lag´s am Wetter, vielleicht am schwarzen Trümmerhaufen der Frauenkirche. Oder am Dialekt. Dresden, Leipzig, mir war es einerlei. Allerlei ist passiert seitdem.<br />Dresden ist Wiederaufbau, und darin beständiger als Berlin. Ich berührte die Frauenkirche und dachte an Romain Rollands "Pierre und Luce", an den gleichnamigen Song der SKEPTIKER. Dresden ist wieder gepflegtes Barock, ist sinnliche Architektur. Nachts überquerte ich durchs Kronentor den Hof des Zwingers. Ich kam aus dem Schauspielhaus, wo ich das Songdrama "Ewig jung" gesehen hatte. Von der Augustus-Brücke sah ich einem Feuerwerk zu, das bei den Brühlschen Terrassen gezündet wurde. Dann zog ich weiter in die Neustadt, dem "Szeneviertel" Dresdens. Szeneviertel sind vor allem immer auch Touristenviertel. Da kann Dresdens Neustadt fast schon mit dem gefälligen Berliner Scheunenviertel mithalten. Im "El Cubanito" traf ich mit Schauspielern zusammen, einige von ihnen hatte ich vorher auf der Bühne gesehen. Mit Flaschenbier und Mojitos redeten wir uns an der Mitternacht vorbei, ohne auch einmal auf die Uhr zu sehen.<br />Am Vormittag des nächsten Tages ging ich zum Elbufer zurück. Skater überholten Jogger, Jogger überholten Spaziergänger. Dasselbe Programm wie in Berlin, Hamburg oder München. Die gleichen Menschen vor wechselnder Kulisse.<br />Das macht mir Dresden heute so vertraut.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-48100641802620711062007-02-09T21:30:00.000+01:002007-02-18T20:56:56.656+01:00084 | Abfahrt & Sushi<a href="http://bp3.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4xfxaMHcI/AAAAAAAAACE/r4lvc1pOqWo/s1600-h/IMG_0410.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp3.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4xfxaMHcI/AAAAAAAAACE/r4lvc1pOqWo/s200/IMG_0410.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5030012255728311746" /></a><br />Schon am gestrigen Abend rauschten die Wellen ordentlich aufs Ufer. Wenn man sie nur hört und nicht sieht, hat es was Bedrückendes. So eine Art Post-Tsunami-Syndrom.<br />Auf der Binzer Seebrücke, die ich wenigstens einmal betreten wollte und wohin sonst mein erster Weg führte, wollten die Fotos wegen der steifen Schneebrise schnell gemacht sein. Nur die Möwen hatten ihren Spaß und lachten alle Kapuzenträger aus. <br /><br />Wieder im Berliner Umland ging ich in „meinen“ Stahnsdorfer Sushi-Laden, wo die Misosuppe mit Butterfisch sogar besser schmeckt als die Fischsuppen, die ich auf Rügen bekam. Der edle Fisch als Einlage wird nämlich stets überschätzt. Das Geheimnis ist der intensiv schmeckende Fischsud. Danach gab es ein paar California Rolls – hmm, lecker! <br />Schade ist nur, dass der kleine Sushi-Laden trotz hervorragender Qualität, stilvollen Ambientes und sehr netten 33-jährigen Besitzers nach einem halben Jahr immer noch ein Schattendasein fristet, weil er zu unbekannt ist. Wer durch Stahnsdorf fährt, sollte unbedingt einkehren:<br /><br />“Sencha Tee & Sushi”, Dienstag bis Sonntag 12 bis 22 Uhr, Kastanienweg 36 in Stahnsdorf, 03329/69 68 10, www.sushi-in-stahnsdorf.de.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-44146526615038734982007-02-08T21:50:00.000+01:002007-02-18T21:06:29.738+01:00083 | Vor LiddowEigentlich sagte mir das Wetter: Junge, bleib, wo du bist, lies dein Buch weiter oder schlaf dich endlich mal aus! Keine schlechte Idee, das mit dem Ausschlafen. Denn jeden Morgen bin ich gegen 6.00 wach. Jeden. Dafür knick´ ich abends beizeiten ein. Ja, ich hätte aufs Wetter hören sollen. Aber ich wollte Fotos machen, mein Buch nahm ich trotzdem mit.<br />Ich hatte vor, „zum abgeschiedensten und schönsten Winkel Rügens“, dem „Liddower Haken“ zu fahren. <br />In Patzig sollte ein „Mühlenmuseum“ sein. Vielleicht ein Motiv, dachte ich. Aber zuerst gab es eine umständliche Umleitung mit Traktor- und Feldwegen. Unterwegs hielt ich am bronzezeitlichen Hügelgräberfeld der Woorker Berge. Hm. Reingucken müsste man können. Aber so ... Viele Wolken, viel kalter Wind, kein reizvolles Motiv. In Patzig: kein Hinweis auf ein Mühlenmuseum, nur die Gaststätte „Zur Mühle“. Den Ehrgeiz, mich durchzufragen, hatte ich nicht. So wichtig war mir das Ganze kaum. Wen hätte ich auch fragen können? Keine Einheimischen, keine Touristen. Abgeschieden, wie gesagt. Also weiter über Rappin zum Großen Jasmunder Bodden, weiter nach Liddow, zum Wasser. Dann der Feldweg. Mit großen Pfützen. Eine war so breit, dass ich über den Acker ausweichen musste. Und mich dabei festfuhr. Das erste Mal, total dämlich. <br />Ich überlegte, ob ich mit Pfadfindertricks was erreichen könnte, aber da hätte ich mich schon wieder eingesaut. Also den ADAC rufen, selbst auf die Gefahr hin, dass ich ausgelacht werde.<br />Dann saß ich eine Stunde im Auto und wartete. Links ein Acker, rechts ein Acker. Hier ein Hügelgrab, da eine Baumgruppe, wohin sich einige Rehe vor dem kalten Wind in Sicherheit brachten. Und ich mitten drin. Über mir brodelten die Wolken, um mich zischte das Wetter: Siehste, Junge, hättste mal auf mich gehört.<br />Na wenigstens hatte ich mein Buch dabei: Sven Regeners Herr-Lehmann-Nachfolger „Neue Vahr Süd“. Schön dick und unterhaltsam der Roman; und Zeit hatte ich ja nun.<br />Nachdem ich wieder mobil war, reinigte ich mein Auto in Bergen und gönnte mir später einen Sauna-Besuch und anschließend eine mit Schrimps gefüllte Scholle.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-62401352542802554292007-02-07T23:27:00.000+01:002007-02-18T21:13:49.853+01:00082 | Groß Zicker/Mönchgut<p><a href="http://bp2.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vrhaMHXI/AAAAAAAAABI/m4aTM9o26ZI/s1600-h/IMG_0323.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp2.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vrhaMHXI/AAAAAAAAABI/m4aTM9o26ZI/s200/IMG_0323.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5030010258568519026" /></a></p><br /><br />Der dritte Tag sollte gemächlich werden. Trotz des anfangs unbeständigen Wetters beschloss ich, mich mit dem Auto und Fotoapparat auf Motivsuche zu begeben. Ich fuhr aufs Mönchgut nach Groß Zicker. Im Winter ist es ein idyllisches Fischerdorf mit auf Eis gelegten Heringen vor der Anlegestelle. Die reetgedeckten Katen deuten aber auf den Sommer mit weitaus besseren Einnahmequellen: Touristen.<br /><br /><p><a href="http://bp3.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vrxaMHYI/AAAAAAAAABQ/xZEUKFHZ8ck/s1600-h/IMG_0333.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp3.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vrxaMHYI/AAAAAAAAABQ/xZEUKFHZ8ck/s200/IMG_0333.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5030010262863486338" /></a></p> <br /> <br />Nun gut, ich bin schließlich auch einer. <br />Ein besonderer Hingucker und Hingeher ist die Dorfkirche von 1360. Die befindet sich mit umsäumenden alten Grabstellen neben dem Hotel und Fischrestaurant „Boddenblick“. Dort lässt sich auch leckerer Fisch essen, vor allem aber – wenn man aus der Kälte kommt – warmer Apfel- oder Pflaumenkuchen. Von der Oma mit „gouder Budder“ gebacken. Dazu eine heiße Schokolade, was will man mehr.<br />„Ist aber ein hübscher Ort“, sagte ich zur jungen, stämmigen Bedienung. Könne sein, erwiderte sie trocken, aber sie sei noch nie im Ort gewesen. Das ließ mich stutzen. Laut Autokennzeichen (es stand nur ein Kleinwagen vor dem Haus) musste sie aus der Müritz-Gegend kommen. Doch sie sprach die Zuckerbäckerin beim Betreten der Küche immer mit „Oma“ an, manchmal so laut, dass die Handvoll Gäste ihren Spaß hatte: „Oma! Ich soll dir für den Kuchen ein Kompliment machen!“ Wie in dieser alten Werbung mit Hella von Sinnen: „Ernaa!! Was kosten die Kondomäää?!!!“<br />Na und wenn das ihre Oma war, wenn die in Groß Zicker sogar wohnte, warum kennt sich die Enkelin in dem vielleicht 100-Seelen-Nest nicht aus? Und warum muss sich der Gast wie an einer Tankstelle den Schlüssel für die Toilette geben lassen? So viele Nichtgäste mit unerledigter Notdurft liefen nun wirklich nicht in Groß Zicker rum. Aber trotz dieser „regionalen Besonderheiten“ war es im „Boddenblick“ wie im Ort sehr „püschelig“, wie eine Hamburger Freundin gesagt hätte.<br /><br /><br /><p><a href="http://bp3.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vrxaMHZI/AAAAAAAAABY/TuWM-GwT35U/s1600-h/IMG_0340.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp3.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vrxaMHZI/AAAAAAAAABY/TuWM-GwT35U/s200/IMG_0340.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5030010262863486354" /></a></p><br /><br /><br />Das „Pfarrwitwenhaus“ von 1723 ist mit seinem zipfelmützenartigen Rohrdach natürlich „das Postkartenmotiv“. In dem Haus aus Holz und Lehm kamen einst mittellose Pfarrwitwen unter. Und bis 1984 wurde die Kate noch bewohnt, bevor man ein Museum daraus machte, um den Touristen etwas zu bieten. <br />Wer zuletzt hier lebte, würde mich natürlich interessieren. Vielleicht eine in die einsamen Jahre gekommene Seemannsbraut. <br /><br />Unweit vom Pfarrwitwenhaus bündelte und schnürte ein Mann bei Sonnenschein Binsen für die Reetdächer. Aus seinem daneben stehenden offenen Auto sang Cat Stevens „Lady D'Arbanville “. Der Mann drehte lauter, was mir gefiel; weil es zur Stimmung passte und weil ich das sentimentale Lied schon immer mochte. Backsteinwände wurden von Baumschatten gestützt, von den moosigen Schilfdächern tropfte getauter Schnee.<br /><br /><p><a href="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vsBaMHaI/AAAAAAAAABg/UgOIUNXncEI/s1600-h/IMG_0349.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vsBaMHaI/AAAAAAAAABg/UgOIUNXncEI/s200/IMG_0349.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5030010267158453666" /></a></p><br /><br />Auf dem Rückweg machte ich Sonnenuntergangsaufnahmen zwischen Lobbe und Middelhagen: das letzte von 18 Windrädern, mit dem früher für die Landwirtschaft Wasser aus dem sumpfigen Boden gepumppt wurde, zwei nebelumwallte Hünengräber bei Lancken-Granitz, Rehe in der Dämmerung. Aus ferner Nähe vernahm ich das Eisenbahnsignal des „Rasenden Rolands“.<br /><br /><p><a href="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vsBaMHbI/AAAAAAAAABo/rF8SKDMp9Fw/s1600-h/IMG_0362.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp0.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4vsBaMHbI/AAAAAAAAABo/rF8SKDMp9Fw/s200/IMG_0362.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5030010267158453682" /></a></p><br /><br />Aber ist schon komisch: Vor Ort spürt man oft die Magie einer Landschaft, das, was Caspar David Friedrich festgehalten hat, aber wenn man sich die Bilder am Rechner ansieht, wirkt vieles nur hübsch oder gar kitschig. <br /> <br />Den Abend beschloss ich in Binz in der „Brasserie Villa Salve“. Zwischen dem 2:0 und 3:0 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Schweiz machte ich mich über Dorsch mit Rosmarienkruste und Weißburgunder her.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-33452287508377248492007-02-07T21:17:00.000+01:002007-01-14T15:01:28.436+01:00„Mönch am Meer“ (nach C. D. Friedrich)Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ ...<br />Das Bild ist bekannt, es hängt in Berlin.<br />Doch was ist, Mönsch, mit ihm?<br />Was denkt er, wo steht er genau und wo kam er her?<br /><br />Vom Mönchgut auf Rügen stammte er.<br />Und täglich sah er von Klein Zicker aus<br />Nach Groß Zicker, zum Pfarrwitwenhaus<br />Verliebt übers zickersche Meer, der Herr.<br /><br />Die Pfarrwitwe wusste unterdessen<br />Nichts von seinen Avancen.<br />So verblühte sie wie seine Chancen<br />Und verlegte sich aufs Heringsessen.<br /><br />Der Mönch wurde von Friedrich skizziert,<br />Als Kummeraal am Strand von Klein Zicker.<br />Die Witwe wurde alt und vom Hering dicker,<br />nur nicht von ihm, nix ist passiert.<br /><br />Ach doch: Die Witwe starb recht adipös;<br />Man setzte sie dem selgen Pfarrer bei.<br />Das Pfarrwitwenhaus stand nun wieder frei<br />Für die nächste Großzicke ohne Erlös.<br /><br />Der Mönch ward drum gottlos, aber gewillt<br />Den Strand zu verlassen. Noch etwas blasser<br />Betrat er recht malerisch zickersches Wasser<br />Und trieb bald aus dem romantischen Bild.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-48021205967989046882007-02-06T22:25:00.000+01:002007-02-18T21:02:38.392+01:00081 | Binz und SellinNach einem ausgedehnten Frühstück wollte ich an den Strand. Es war wie immer: sanfte Wellen, Möwen und Kapuzenpaare mit archaischer Sammelleidenschaft. Die Frauen waren, wie so oft, die Aktiveren. Alles Kunsterzieherinnen, dachte ich. Einige hatten sich auf glattgelutschtes Treibholz spezialisiert, andere wollten nur was für die Jackentasche: Muscheln und was sie für Bernstein hielten. Was eine dieser Kapuzinerinnen allerdings mit dem feuchten Muschelsand vorhatte, den sie in eine Plastiktüte schaufelte, bleibt mir ein Rätsel.<br /><br /><p><a href="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4yVRaMHdI/AAAAAAAAACQ/DvII64ydnk4/s1600-h/IMG_0276.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4yVRaMHdI/AAAAAAAAACQ/DvII64ydnk4/s200/IMG_0276.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5030013174851313106" /></a></p><br /><br />Schnell war ich am südlichen Strand angelangt, wo ein unterirdischer Flusslauf über 885 m vom Schmachter See in die Ostsee fließt. Dort befindet sich auch die futoristische Rettungsstation des Binzer Architekten Ulrich Müther, der auch den „Teepott“ in Warnemünde entworfen hat. Die Rettungsstation (1968 gebaut, 2004 saniert) ist so rundlich wie ein auf die Seite gelegtes Ei. Und sie sieht aus wie ein Sandmann-UFO aus dem Filmstudio Babelsberg. Ein tolles Fotomotiv in Weiß, wenn vereinzelte Moos-Spuren wegretuschiert werden.<br /><br />Die ganze Zeit über war nasser Schnee gefallen und hatte inzwischen meine Mütze aufgeweicht. Dann kann ich auch weitergehen, dachte ich. Immer am Wasser lang, irgendwann bin ich in Sellin. <br />Irgendwann war ich aber nur noch als einziger unterwegs. Aus dem feinen Sandstrand war eine Geröllwüste geworden, kilometerlang. Nasse Rundsteine, welche ein Eiszeitgletscher vor sich hergeschoben haben musste, bis er vor dem Hochufer kapitulierte. Ich kapitulierte nicht, auch nicht, als die ersten Bäume den Weg versperrten. Darunter wegtauchen, darüberklettern, runterspringen und noch einmal und noch einmal. Auch kilometerweit. Von 4 Jahren Karatetraining war nicht viel Wendigkeit übrig geblieben und von 4 Marathonläufen höchstens ein dumpfes „Weiter!“.<br />Weil ich Promenier- statt Workout-Klamotten anhatte, ärgerte mich schon der erste Moosstriemen auf der Hose. Den zweiten steckte ich besser weg. Als Schuhe und Hosensäume nass und schlammig wurden, mir der Mützenlappen unentwegt über die Augen rutschte und ich mich schon 4 Stunden unterwegs befand, war mir alles egal. Merkwürdig nur, dass die Selliner Seebrücke immer weiter wegzutreiben schien, nachdem sie überhaupt aufgetaucht war. Es war bloß gut, dass kein eisiger Wind wehte.<br /><br /><p><a href="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4yVRaMHeI/AAAAAAAAACY/6Vq09o2xrts/s1600-h/IMG_0307.jpg"><img style="float:left; margin:0 10px 10px 0;cursor:pointer; cursor:hand;" src="http://bp1.blogger.com/_ZNqfIG5j4sE/Rc4yVRaMHeI/AAAAAAAAACY/6Vq09o2xrts/s200/IMG_0307.jpg" border="0" alt=""id="BLOGGER_PHOTO_ID_5030013174851313122" /></a></p><br /><br />Für die Landschaft hatte ich kaum Blicke. Ich musste beständig darauf achten, nicht neben einen der Steine zu treten, schließlich saß ich vor einem Jahr wegen Beinbruchs noch im Rollstuhl und die Metallschiene ist immer noch am Knöchel angeschraubt. Aber beim Innehalten: Drei Schwäne bilden im Wasser ein gleichschenkliges Dreieck, zwei identisch gekleidete Angler blinkern nach Meerforellen, einen Wellenschlag neben mir das Steilufer, aus dem vor kurzem etwas abgebrochen zu sein schien.<br />In Sellin ging es dann noch einen Steilweg hoch. Oben stellte ich fest, dass es auch einen Aufzug gibt. Aber darauf kam es nun genauso wenig an wie auf den fortzusetzenden Weg zur Bushaltestelle. Unterwegs der Vergleich mit Binz: Sellin wirkt bedrückender. Altdeutsches Flair, Erinnerungen an DDR-Zeiten, viel Grau, wo Weiß war.<br />Wieder in Binz duschte ich, zog mir den feinen Zwirn an und leistete mir als Kontrast zum Survival-Training ein erlesenes Essen im „Olivio“, einem Hotelrestaurant.<br />Vor den Terrassenfenstern hingen unzählige Lichterketten, die sich in den polierten Weingläsern widerspiegelten. Hinter milchiggrünen Plexiglaswänden wächst erleuchtetes Bambusgras. Sehr stilvoll, sehr gemütlich. Die junge Kellnerin verstand ihr Handwerk und hatte darüber hinaus eine frische Art, die keine falsche Würde zuließ.<br />Alles sehr köstlich: die „Essenz von Meeeresfischen“ (Fischsuppe), der „Wildbarsch aus dem Strelasund“ auf „Gurkentagliatelle“ zu Püree. Dazu ein Gavi di Gavi, eine Crème brûlée als Dessert und ein Brandy als Abschluss. Gefühlte Vollkommenheit.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-29397185848860249322007-02-05T20:20:00.000+01:002007-02-10T22:34:49.169+01:00080 | Zurück und hin: BinzFür ein Jahr war ich abgetaucht. Obwohl: Das Bild trifft es nicht. Ich schlug mich nebenberuflich als Wald- und Gelegenheitsarbeiter durch, gönnte mir eine Art Sabbatjahr. Statt blaue Blumen zu suchen, hackte ich Holz und war ausgeglichen wie Charles Ingalls aus „Unsere kleine Farm“. Mir reichte es, Poesie zu sehen, zu fühlen; ich musste sie nicht beschreiben.<br />Ich weiß, ich spreche in Rätseln.<br />Jetzt habe ich eine, wie ich finde, nutzerfreundlichere Homepage und bin motiviert, wieder mehr – besser: etwas – zu schreiben. Wofür so eine Auszeit alles gut ist.<br />Und weil man oft damit beginnen sollte, womit man aufgehört hat, bin ich zurückgekehrt nach Rügen. Immer wieder Rügen ...<br /><br /><br />Binz: Wieder im „Poseidon“ gegessen: fangfrischen Ostseedorsch auf Porree mit Kartoffelpüree. Tadellos! Das Essen. Die Bedienung hatte ich besser in Erinnerung. Eine war zu jung (Ich fragte nach Schnäpel, dem Steinlachs, den sie nicht kannte. Und sie wirkte im Umgang mit Gästen etwas linkisch), die andere war überroutiniert: Sie fragte, ob es geschmeckt habe, war aber bereits mit dem Geschirr in der Küche, bevor ich antworten konnte. Normalerweise bin ich da nicht so. Nein, wirklich, ich bin ein netter, unkomplizierter Gast, der auch schon einen Teller zureicht, wenn schwer an ihn ranzukommen ist. Aber im „Poseidon“, das in der Gastroszene hochgelobt wird, auf das ich mich jedes Jahr aufs Neue freue, sollte nicht nur das Essen tadellos sein. Als ich mich nun genauer umsah, entdeckte ich an der Wand Balsamico-Spritzer und einen ramponierten Lampenschirm. Sinnbilder, dachte ich.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-10756091353874320572006-02-02T18:00:00.000+01:002007-01-03T14:20:01.507+01:00079 | Immer wieder RügenHätte ich diesen Eintrag noch eine Weile rausgezögert, wäre mein Online-Tagebuch zum Jahresbuch geworden, was nach Größe und Vollendung klingt, nicht aber nach "keine Zeit" oder "Ich wollte mich ja ständig melden ...".<br /><br />Das kennt man von Freunden. Und von sich. Deshalb trägt man es den Freunden nicht nach. Die mir darum hoffentlich auch verzeihen.<br />Ein paar Worte aus dem Kurzurlaub; wenn man so will: ein Brief von Rügen. ("Mensch, erzähl doch mal! Wie geht´s dir, was machst du?")<br />Im Winter herzufahren wird allmählich zur festen Größe für mich. 3 Tage Auszeit, ausschlafen, ausgehen. Diesmal jedoch an Krücken: Sprunggelenk gebrochen. ("Sag bloß! Du machst Sachen ...!") Ist nicht so wild; aber dadurch nehme ich die Ostsee nur wie fernes Rauschen wahr. Der anhaltende Nebel ätzt ohnehin alles nach 100 Metern weg. Keine Chance, den Horizont zu beschwören, diese Sehnsuchtslinie, die von Jahr zu Jahr immer wichtiger wird. Yin und Yang für Fernsichtige. Himmel und Wasser wie Hoffnung und Erinnerung. Die Schnittstelle davon sehen zu können, beruhigt ungemein. Aber so ... ("Jaja, aber nu erzähl doch mal weiter ...")<br /><br />Der möwenweiße Strand ist trügerisch. Alles Schnee von gestern. Die Binzer Landungsbrücke bringt mich keiner Erkenntnis näher. Ein paar Eisschollen im Wasser, ein paar Enten, die abtauchen. Kannst du alles auch von einer Wetter-Webcam im Internet sehen. <br />Der Stadthafen von Sassnitz wirkt noch trostloser: vereiste Boote, die nicht auslaufen, ein Museums-U-Boot, ein Museum für Unterwasserarchäologie, ein italienisches Restaurant, eine Töpferei usw. ("Klingt doch gut!") Ja, was ist daran trostlos? Eigentlich gar nichts. Aber ich bin wie ein Kranker, der essen möchte, doch unter Appetitlosigkeit leidet. Mag an meiner Beingeschichte liegen, deretwegen mir die Sinne verschnupfen.<br />Interessant wird anderes: Sehen mich die Urlauber auf der Strandpromenade mitleidig an, wenn ich mich mit einem Rollstuhl durch den festgelaufenen Schnee quäle? Sehen sie mich neugierig an, kucken sie überhaupt? Sind die Hotellobbys, Cafès und Restaurants behindertengerecht? --- Ich komme mir dann wie ein Undercover-Agent der gedachten Stiftung "Behindertentest" vor. Wobei die mich da sicher rauswerfen (abschieben!) würden, wenn ich "behindert" sagte. Dabei könnte ich mit dem Blickwinkel eines halb außen Stehenden davon berichten, wie cool man sich auch im Rolli fortbewegt. Wie man rückwärts und vor allem gekonnt schnell in Fahrstühlen einparkt, wie gefährlich Krücken mit Gumminoppen auf Fliesen sind und wie "die Leute" reagieren, wenn man mit dem Rollstuhl allein in einer Fußgängerzone steht, den Kopf schräg legt und langsam Speichel aus einem Mundwinkel tropfen lässt.<br />Das habe ich natürlich nicht gemacht. Aber der Gedanke, es zu tun, hat durchaus etwas Reizvolles. ("Alter Spinner!")<br />Auf dem Weg nach Lietzow am Jasmunder Bodden sah ich viele Straßenkreuze vor den verhängnisvollen Alleebäumen. An manche Baumstämme waren weiße Kreuze gemalt. Unheimlich. In einer Kurve hingen über einem frischen Holzreuz viele rote Luftballonherzen an einer waagerecht gespannten Schnur. Wer hatte hier wen verloren? Waren an der Stelle die vier oder fünf Jugendlichen verunglückt, über die ich vor Wochen las, weil ihnen ein Betrunkener entgegenkam? Mein Fuß wird heilen.<br />Rügen. Im wahrsten Wortsinn steil abfallende Kreidefelsen – oder einsame Seelen. Hier und da eine Caspar-David-Friedrich-Eiche, Hügel - die im Norden nicht zu vermuten sind - unter Waldstückchen, von fernen Städtern sanierte Reethäuser, jede Menge Blitzkästen, im Winter geschlossene Fischräuchereien und überwiegend Hochdeutsch sprechende Dienstleister. <br />Wie gerne würde ich in einer Hafenkneipe einige „Swatter Haase“ gegen den grundlosen Ostseeblues kippen und sehnsüchtigen Shantys hinterherhören. („Nun ist aber gut! Gibt´s keinen besseren Ausgehtipp?“)<br />Wer heiter, gemütlich und stilvoll auf Rügen essen gehen möchte, der sollte nach Binz fahren. Entweder ins „Poseidon“ einkehren oder in die „Villa Salve“. In der Villa machen sich die weißen Tischtücher gut vor dem dunklen Holz und Messing der Lampen, die schlicht jugendstilig und maritim daherkommen. Durch den liebevoll entstaubten hundert Jahre alten Plunder, mit dem alles drapiert wurde, bekommt die vornehm-mondäne Ausstrahlung der Villa jene intime Note im Inneren, die den Gast gerne wiederkehren lässt. Das liegt natürlich auch an der perfekten Bedienung und den erstklassigen Gerichten: Ostseedorsch auf Kartoffelpüree, Steinbutt auf Spinat ... Dazu ein südafrikanischer Chardonnay. So kommt erst gar kein Blues auf. Der „Swatter Haase“ hinterher für die Verdauung ist eigentlich überflüssig. („Schon besser. Und sonst?“)<br />Sonst bleibt alles beim alten. Die See frischt auf, Sonne kommt raus und zieht die Horizontlinie neu, mit Kuttern und Fähren. Dann wird es Zeit für mich heimzufahren. Die Kamera kommt als letztes in die Tasche. Nicht ein Foto habe ich gemacht.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-11597885052681714662006-01-03T19:05:00.000+01:002007-01-04T21:41:50.130+01:00BesuchszeitIm Türspalt der Kopf<br />Einer liegenden Alten –<br />Regungslos und vorgemagert.<br />Den offenen Mund entstellt ein Gebiss,<br />Das nicht hält, das nichts hält.<br /><br />Die Sonne verlässt fern wie ein Ball<br />Das Spielfeld vor dem Fenster.<br />Sie weiß, wie es steht: Noch ein Tag<br />Entweicht ihrem Mund.<br />Ihr Blick stirbt voran.<br /><br />Er geht schon seit Stunden <br />Durch Silhouettenzweige –<br />Mikadoträume um ein leeres Krähennest,<br />Das sich bewegt, wenn sie die Luft anhält<br />Und die Schritte im Flur.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-49911843731041868492005-07-07T18:00:00.000+01:002007-01-03T20:28:55.242+01:00078 | Schwarzsauer und Life 8Ostern ist wohl schon eine Weile her. Will sagen, der letzte Eintrag. Ich entscheide mich aber dafür, dass es nicht weiter schlimm ist. Und hier kommt auch schon der aktuelle:<br /><br />Das letzte Wochenende begann ich sehr gemütlich im Café "Schwarzsauer" mit einem Frühstück. (Kastanienallee 13). Ein kleines kostet dort 4, das große 6,-€. Und ein kleines reicht völlig. Dazu einen richtigen Kaffee, den Tagesspiegel und sommerliches Wetter. Mehr braucht es nicht. Die weibliche Bedienung hätte vielleicht noch lächeln können, aber das scheint Privatsache oder gilt als uncool.<br /><br />Das "Schwarzsauer" heißt offenbar nach einem norddeutschen Schlachtgericht so, bei dem Blut und Essig eine Rolle spielen. Und das Café war eines der ersten Nachwende-Cafés in der Kastanienallee. Seine Gäste wirken immer noch bodenständig kiezbezogen. Wer hier frühstückt, hat auch schon mal das Shirt vom Vortag an oder geht mit seiner Frisur recht antiautoritär um. Ein Mann, der sich an meinen Nachbartisch setzte, aß - obwohl in Begleitung - unbefangen vom stehen gelassenen Teller einer jungen Frau. Und er aß alles auf! Zwei Tische weiter wurde zur Selbstgedrehten selbstvergessen im Mund und im Ohr rumgepolkt, später Milchschaum vom fleißigen Finger gelutscht. Viele der Gäste wirken wie Kreative vom Bau: verwildert, verschlafen, ungeduscht. Was bei Bauleuten so natürlich nicht stimmt. Aber ich bleibe beim Bild: Hier ist nur der Blaumann bunt, aber verwaschen und knittrig. Bei aller Pragmatik auch eine Art Dresscode. <br />Lauter Münder, die kauen oder Worte zu großen Gesten liefern. Gelbe Straßenbahnen und Rucksackgänger im Hintergrund, "Freitag"-Taschen- und Coffee-to-go-Träger. Weiter links ist ein Parkplatz, der zumindest in DDR-Tagen als Schwulentreff bekannt war. Davor Kastanien in allen Größen und ohne große Mottenfraßspuren. Ich bestelle noch einen Kaffee, diesmal auch ohne zu lächeln. Keine Retourkutsche, mir ist das Lächeln äußerlich einfach nur vergangen.<br /><br />Jamiroquai oder sein Doppelgänger schlendert vorüber, mit gelber Ballonmütze. Das ist hier nicht außergewöhnlich. Dann kommen vier Rumänen mit Akkordeon, Saxophon, Tambourin und Pappbecher für Euro-Kling-Klang. Auch das nichts Neues. Den meisten Frühstückern ist es lästig. Auf der anderen Straßenseite macht die "Kani Mani Bar" auf.<br /><br />Ich liebe urbanen Sinneseindrücke, solange ich sie noch auseinanderhalten kann: Mal ist es das Tellerklappern, mal der U-Bahngeruch aus Luftschächten. Als Kind mochte ich sogar Benzingerüche an Tankstellen. Und überall die Menschentypen, die wie eigene Welten durchs All gehen, ohne miteinander zu kollidieren, oder als Besucher fremder Galaxien Kontakt aufnehmen; nur ihren Gesetzen und einer größeren Ordnung gehorchend.<br /><br />Mittags ziehe auch ich weiter - zum Life8-Konzert vor der Siegessäule. Interpreten wie Die toten Hosen, Wir sind Helden und Faithless, aber auch Chris de Burg spielen drei Songs, um bei mir und der breiten Masse Bewusstsein zu wecken. Afrika soll von seinen Gläubigern, den G-8-Staaten, entschuldet werden, weil sonst weiterhin alle drei Sekunden ein Kind an Armut stirbt. Ich bin beeindruckt von dieser Initiative, wenn ich auch generell Massenveranstaltungen wenig mag. Zeitgleich Konzerte in Rom, London, Moskau, Philadelphia, Barrie, Tokio und Johannesburg. Seit Sonnabend trage ich das weiße Armband, ein Solidaritäts-Symbol. Hätte ich nicht in Berlin zu tun, wäre ich auf jeden Fall am Sonntag nach Edinburgh gereist.<br />Heute ist Donnerstag. Gestern hieß es in den Nachrichten, dass es wieder von wenigen zu Ausschreitungen kam. Polizisten wurden angegriffen, Autos zerstört. Der Schaden, den diese Leute verursachen, ist natürlich viel größer und bringt das Ganze in Misskredit. Diese Leute verkaufen Anarchie als Freiheit, diese Leute sind Typen, die wie Meteoriten durchs All gehen, die es auf Kollision angelegt haben, weil sie ihre Begrenztheit und ihr Paralleluniversum zum egozentrischen Weltbild erklären. <br /><br />Für den Sonntag verordnete ich mir Erdung und Ruhe: Ich sah mir in der Neuen Nationalgalerie am Potsdamer Platz die Ausstellung "Brücke und Berlin - 100 Jahre Expressionismus" an. Vieles kannte ich, nicht alles kam mir bedeutsam vor, aber vor allem an einigen Holzschnitten hatte ich meine wahre Freude. Später Mittagessen auf dem "Klipper", dem Segelschiffrestaurant am Plänterwald, dann zwei Biere auf dem Pfefferberg. Dort im Biergarten ist es meistens nicht zu voll, man kann auf die Schönhauser Allee runterschauen, neue Pläne skizzieren oder alte auswerten. Deswegen ist dort einer meiner Lieblingsplätze. Andere gilt es noch zu entdecken. Der Sommer in Berlin hat ja gerade erst begonnen.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.comtag:blogger.com,1999:blog-1103520897409235089.post-71584611257824628182005-03-23T18:00:00.000+01:002007-01-03T20:24:33.526+01:00077 | OstergeschwafelIns Osterwochenende schleppen und kurz kurzatmig auf der Couch sitzen. Ein Auge zum Himmel, ein Ohr dem Wetterbericht. Naja. Wird schon. Alles eingekauft? Oder sich als Besuch angekündigt? Super! Kann also losgehen. Wer sich nach dem Luftholen vor dem Fernseher die Wunden leckt, ist selber schuld. Von morgens bis abends die üblichen Verdächtigen: Winnetou verbrüdert sich mit James Bond und die Dornenvögel fliegen auf, wenn die Titanic sinkt. Kreuzweise quergesehen. Alle Jahre wieder wird die Auferstehung des Heidenspaßes gefeiert. Da kann der Papst leben und leiden, was er will: Das Märtyrertum ist zum Islam konvertiert, die Besinnlichkeit hat es sich im Weihnachtsmannsack gemütlich gemacht. Ostern gehört allein den Hasen und anderen spaßigen Aktivisten. Den Osterspaziergängern zum Beispiel (Gibt es eigentlich noch Ostermärsche?). Wer allerdings den Goethe´schen Osterspaziergang aus der Schublade, wo auch der Weihnachtsklimbim lagert, holt, sollte nur den Mund aufmachen, wenn Ironie statt Pathos dabei herauskommt. Wo war ich stehen geblieben? Egal, weiter: <br />Ich werde mich im Garten Verwandter nützlich machen. Körperlicher Ausgleich für ein gutes Gefühl. Statt ProSieben: Kompost sieben, Baum fällen, Stubben roden, Teich anlegen. Oder so. Oder die Hälfte von allem. Dann ein Bier leeren und den Grill anschmeißen ("Angrillen!"). So einfach bleibe ich gestrickt nach all den klugen Büchern, Gedanken und Worten, die mich bisher und bis hierher begleiteten. Kein Weltverbesserer oder wenigstens Vegetarier mit interessanten Karotten-Marotten ist aus Mutters Bestem geworden. Nur einer, der zu geben und nehmen weiß, zu arbeiten und zu genießen. Ist das schon der Sinn des Lebens oder bloß das Leben zwischen dem Sinnen und der Sinnlosigkeit? Sorry, ich will hier niemanden langweilen, also weiter: <br />In Rand-Berlin zeigen sich wieder die Kroküsschen auf den kackbraunen Mittelstreifen der Bundesstraßen. Dazwischen ein paar Blitzer, mal auf Stativen, mal in Mülltonnen. So phantasievoll ist die Polizei im osterlichen Verstecken und - wo selbst anwesend - Begrünen der Landschaft. Blitz! Ein Erinnerungsfoto von der Fahrt nach jwd ("janz weit draußen"), die dem Berliner schon immer irgendwie teuer war. <br />Ein Foto, wenigstens das; weil sich doch so schnell vergisst, wie der Frühling riecht, wo der Baum im Garten stand und was man Ostern so gemacht hat.Franks Unfughttp://www.blogger.com/profile/10478132872502266694noreply@blogger.com