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Samstag, 9. August 2008

Hälfte des Lebens I. und II.

Ich hoffe nicht, dass ich bereits die Hälfte meines Lebens hinter mir habe. Aber ich bin jetzt 36, und da schielt man schon mal wehmütig zur ersten Hälfte rüber, zur Kindheit und Jugend. Manches davon lässt sich erinnern, anderes kann rekonstruiert werden. Oft bleibt nicht viel mehr übrig als eine Handvoll Bilder, Songs und Gefühle, die im kollektiven Gedächtnis aufgehen ...


1971
Joe Frazier besiegt Muhammad Ali in New York. Jim Morrison stirbt in Paris und mit ihm die 60er. In Hamburg wird ein Polizist von der RAF erschossen, während Mc Donald´s seine erste Deutschland-Filiale in München eröffnet.
Die Stones bringen „Sticky Fingers“ heraus, Jethro Tull „Aqualung“. Zum Ende des Jahres spielen sich die Pop Tops mit „Mamy Blue“ auf Platz 1 der deutschen Charts. Zu dieser wehmütigen Soulmusik werde ich geboren. Und bis unser Haus saniert wird, wachse ich im gemütlich grauen Bezirk Prenzlauer Berg auf, in einer Wohnung, aus der 30 Jahre zuvor die jüdische Familie Fingerhuth deportiert wurde.

1972
Die erste Folge von „Raumschiff Enterprise“ wird im deutschen Fernsehen gezeigt. Am längsten hält sich Wums Gesang in den Charts: „Ich wünsch´mir ´ne kleine Miezekatze“. Dabei bringen Deep Purple das Album „Machinehead“ mit „Smoke on the Water“ heraus. Bei mir um die Ecke gründen sich City. Zu ihrem „Am Fenster“ werde ich später stets mit geschlossenen Augen tanzen. „Am Fenster“ ist auch das Lied, welches ich mir unmittelbar vor und nach meinem Wehrdienstjahr anhören werde, um die Zeit dazwischen auszublenden, was natürlich nicht gelingt. Aber noch bin ich nicht bloß naiväugig, sondern auch blond und habe zum Glück von all dem keine Ahnung.

1973
George Foreman besiegt Joe Frazier. Das World Trade Center wird eröffnet und im „kapitalistischen Deutschland“ Pornografie erlaubt. Mich interessiert die in der ARD anlaufende „Sesamstraße“ und die „Rappelkiste“ des ZDF in den nächsten Jahren jedoch mehr.
„Die Legende von Paul und Paula“ kommt in die Kinos, wird von mir aber erst am 7. Oktober 1989 gesehen, als hinter dem Kino „Babylon“ der erste Berliner Wende-Demonstrationszug Dampf macht. In Sydney gründen sich AC/DC. The Sweet erobern mit „Blockbuster“, „Hell Raiser“ und „Ballroom Blitz“ die Charts. Suzi Quatro rockt mit „Can the Can“ gegen Bernd Clüvers „Der kleine Prinz“ an. Otto beginnt über deutsche Bühnen zu wuseln. In Ostberlin finden die X. Weltfestspiele, das „Woodstock des Ostens“ statt.

1974
Mireille Mathieu singt sich mit dem spanisch beflügelten Titel „La Paloma, ade“ und ihrer deutschen Art französich zu chansonieren in die Herzen der Nation. ABBA sind da („Waterloo“), aber auch Michael Holm („Tränen lügen nicht“). Obwohl: Michael Holmes „Wart´auf mich“, das er ein Jahr später herausbringt, ist Kult. Jeden Sonntag seit 1998, wenn auf Radio Eins die Show Royale von Grissemann und Stermann mit dem „modernen Gute-Nacht-Dialog“ beendet wird („Schlaf gut!“ – „Du auch!“ – „Ich liebe dich!“ – „Du auch!“), dann wird dieses Lied gespielt.
Am 7. Juli ist Deutschland Fußball-Weltmeister. Und ich laufe im Sommer am liebsten mit meinem „Tip & Tap“-WM-Maskottchen-T-Shirt (Nikki!) herum.
Im Oktober holt sich Muhammad Ali den Box-Weltmeistertitel von George Foreman zurück.
Mein erstes Lieblingslied heißt „Kung Fu Fighting“ und bringt den Jamaikaner Carl Douglas für 7 Wochen auf Platz 1. Die musikalische Eintagsfliege Terry Jacks hielt sich genauso lange an der Spitze. Sein „Seasons in the Sun“ wird 14 Jahre später der melo-kitschige Soundtrack meiner Jugendliebe werden. In New York gründen sich die Ramones. Das „Autobahn“-Album von Kraftwerk erscheint. Das häusliche Tonbandgerät spult Vicky Leandros´ „Theo, wir fahr´n nach Lodsz“ ab. Im Fernsehen sehe ich „Wickie und die starken Männer“
An meinem 3. Geburtstag wird Ulrike Meinhof wegen Mordversuchs zu 8 Jahren Gefängnis verurteilt.

1975
In den deutschen Charts glittert es sich mit The Sweets „Fox on the Run“ langsam aus. Dafür gehen immer mehr Disko-Hits an den Start und an die Spitze: Zu Penny McLeans „Lady Bump“ wird auf Familienfeiern derart getanzt, dass die Erwachsenen sich mit ihren Hüften anstoßen, was ich lustig finde. Am längsten hält sich die George Baker Selection mit „Paloma blanca“ auf Platz 1. Lieder mit Tauben mögen die Deutschen eben. Im Kindergarten lerne ich „Kleine weiße Friedenstaube“ auswendig.

1976
Ulrike Meinhof erhängt sich in ihrer Gefängniszelle. Mao Tse-Tung stirbt exakt 4 Monate später. Von Juli bis August bin ich in der Zwischenzeit in Ernstthal am Rennsteig 4 Wochen ohne Eltern zur Kur. Wegen meiner wiederkehrenden Bronchitis. Ein Foto zeigt mich inzwischen dunkelhaarig und mit traurigen Augen. Für gutes Verhalten gibt es dort rote Punkte, für schlechtes, schwarze. Ich habe schnell 5 schwarze zusammen. Das kleine Glastier aber, welches ich von meinen 10,- Mark Taschengeld für 1,90 Mark gekauft habe, schreibt die Erzieherin Frl. F., darf ich nur mit nach Hause nehmen, wenn ich „jetzt viele rote Punkte sammle“.
An Maos Sterbetag wird erstmalig die „Biene Maja“ im westdeutschen Fernsehen ausgestrahlt. Der Musik-Sommerhit kommt aus Schweden, aber nicht von ABBA; wenn auch Agnetha und Anni-Frid im Hintergrund zu hören sind. Harpo heißt der Mann, der sein Chaplin-Stöckchen in Ilja Richters Disco herumwirbelt und „Moviestar“ barfuß singt. Der Sommer-Schlager ist „Ein Bett im Kornfeld“ von Jürgen Drews.
Frank Farian bringt Boney M. mit „Daddy Cool“ raus und singt sich mit „Rocky“ nach oben. Bobby Farrell, den Tänzer und falschen Boney-M.-Sänger finde ich unheimlich. Er ist dunkel, lacht nicht und macht komische Verrenkungen. Der DDR-Regierung ist Wolf Biermann unheimlich, eben weil er singt. Er wird kurzerhand ausgebürgert.

1977
Aus Westberlin gibt es ein rotes aufblasbares Indianerkanu, das so herrlich nach Sommerurlaub riecht, vor allem im Winter, wenn mein Vater es im Kinderzimmer aufbläst.
Sylvester Stallones „Rocky“ gewinnt 3 Oscars. Die erste Stimme, in die ich mich verliebe, gehört Jeanette. Mit „Porque te vas“ steht sie eine Woche lang auf Platz 1. Auf eine vom Vater ausrangierte Brieftasche schreibe ich jedoch mit Filzstiften „I love Smokie“. Und das, noch bevor ich eingeschulte werde. Das kann auf frühkindliche Begabung deuten, muss es aber nicht: Später werde ich froh sein, in Englisch die Drei zu halten. Smokie haben in diesem Jahr gleich zwei Nr.-1-Hits: „Living Next Door To Alice“ und „Lay Back In The Arms Of Someone“. Aus diesem Jahr ist mir noch eine Kassette mit weiteren Hits erhalten: „Magic Fly“ von Space, Baccaras „Yes Sir, I Can Boogie“ und Oliver Onions´ „Orzowei“. Obwohl das Jahr musikalisch gesehen Besseres zu bieten hat, sind es genau diese Lieder, die ich als Kind hauptsächlich höre. Und sie klingen für mich im Nachhinein alle wehmütig, weil sie Gefühle transportieren, für die ich kaum Bilder habe. Ich weiß nur, dass sich im Jahr darauf meine Eltern scheiden lassen werden. Aber jetzt tanzt noch alles.

1978
Ich werde eingeschult. Vorher fahre ich aber noch nach Binz zur 2. Kur, wieder ohne Eltern. Zum 1. Mai basteln wir Kinder dort Maistöcke aus Krepp-Papier, Friedenstauben und Mai-Nelken. Dass mein Vater sich in der Zeit einen Vollbart wachsen ließ, fällt mir kaum auf. Gesichter verblassen eben irgendwann.
Nach den ersten 3 Wochen Eingewöhnung in der Schule, gehe ich mit meiner Klasse und einem DDR-Fähnchen in der Hand rüber zur abgesperrten Schönhauser Allee: Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All, ist zurück. „Sagt mal, wo kommt ihr denn her?“, fragt Vader Abraham zeitgleich seine Schlümpfe. Die antworten „lal-al-lallalalall“ mit Helium-Stimmen. Von der neuen Oma gibt es jetzt immer einen kleinen Schleich-Schlumpf, wenn sie im Westen war. Die Village People finde ich mit „YMCA“ genauso lustig wie später die Gruppe Dschinghis Khan. Die scheinen alle ständig Fasching zu feiern. Von John Travoltas „Grease“ bekomme ich nichts mit. Sein „You´re The One That I Want“ ist mir hauptsächlich als „Die Wanne ist voll“ von Dieter Hallervorden und Helga Feddersen vertraut. Wenn ich Andrea Jürgens´ „Und dabei liebe ich euch beide“ hören will, verbietet es mir meine Mutter, weil Vater gerade ausgezogen ist. Jetzt bin ich „Scheidungskind“.

1979
Die Grünen gründen sich. Zwei Familien aus der DDR fliehen mit einem Heißluftballon. In der Wuhlheide wird der Pionierpalast „Ernst Thälmann“ eingeweiht. Ich will da unbedingt ins „Kosmonautentrainingszentrum“, jedes Mal, wenn ich dort bin. Aber das klappt erst im Jahre 2001. Der Pionierpalast wird dann schon längst FEZ heißen (Freizeit- und Erholungszentrum), aber ich kann endlich alle Geräte ausprobieren, vor allem das Rhönrad.
Blondies „Heart Of Glass“ klingt für mich nett wie jedes Disko-Lied. Erst später werde ich die Gruppe für mich richtig entdecken und Debbie Harry für ihre coole Schönheit lieben. Deutschland hört „Born To Be Alive“ von Patrick Hernandez, als gäbe es nichts Besseres. Das neue Clash-Album "London Calling" zum Beispiel.

1980
Solidarnosc wird in Polen gegründet und verboten, dafür das Kriegsrecht verhängt.
Von Mike Krügers „Nippel“ kann ich den Refrain schnell auswendig. Meine Mutter hört lieber Roland Kaisers „Santa Maria“, das ich mit meinem Cousin parodiere.
Das ZDF beginnt die Zeichentrickserie „Captain Future“ auszustrahlen, nach der ich süchtig werde. Genauso süchtig bin ich nach „Adolars phantastische Abenteuer“. In der Zeichentrickserie reist ein Junge mit seinem Hund in einer aufblasbaren Rakete zu fremden Planeten. Ich reise im Juli nur ins Kinderferienlager, nach Wusterhausen an der Dosse.

1981
Meine nette Nachbarin, Frau Tschirner, bekommt wieder ein Kind. Als ich einmal in ihrer Wohnung bin, sieht es dort so ganz anders aus als in den Wohnungen, die ich kenne: viele Bücher und komische Bilder. Meine Mutter meint, Herr Tschirner macht irgend etwas mit Dokumentarfilmen. Kurz nach der Geburt ihrer Tochter Nora Tschirner zieht die nette Familie nach Pankow. Nora sehe ich erst im Film „Soloalbum“ wieder.
Ich gestehe: Fred Sonnenschein und seine Freunde höre ich mit „Ja wenn wir alle Englein wären“ und meinen 9 Jahren lieber als „Tainted Love“ von Soft Cell. Dazu tanze ich erst ein paar Jahre später. Und zu Gottlieb Wendehals´ „Polonäse Blankenese“ konnte man nach Erwin und Heidi so herrlich „Titten!“ schreien. Subtiler Humor eben. In Hauseingängen steht mit Kreide „Queen“ und „AC/DC“ geschrieben. Als ich das AC/DC-Zeichen in der Schule nachschreibe, bekomme ich wegen des Runen-Blitzes Ärger: Es ist ein halbes SS-Zeichen oder so sagt man mir. Ich verstehe nur: Verboten! Mehr Freiheiten gibt es wieder im Wusterhausener Ferienlager.

1982
Schwer verboten klingt auch „Skandal im Sperrbezirk“ von der Spider Murphy Gang. Weil man jetzt sogar „Nutten!“ schreien kann. NDW heißt der große Topf, in den jeder Hitparaden-Titel geschmissen wird, der nicht gerade nach Nicoles „Ein bisschen Frieden“ klingt. Falco kommt mit dem „Kommissar“ groß raus, Markus will „Spaß“. OMDs „Maid Of Orleans“ hätte sich für meinen Geschmack noch länger behaupten dürfen, stattdessen schmachtete F. R. David mit „Words“ 11 Wochen auf Platz 1. Besser gefiel mir „Do You Really Want To Hurt Me“ von Culter Club. Mein Stiefvater hatte es auf eine graue 60er BASF-Kassette aufgenommen, genau wie Peter Schillings „Major Tom“. Als er meine Mutter und mich ein Jahr später verlässt, bleibt seine Musik zurück. Wieder so eine Kassette. Von nun an beschließe ich, Kassetten selbst aufzunehmen.
ABBA trennen sich. Die toten Hosen & die Ärzte werden gegründet.
In diesem Jahr liegt das Ferienlager im sächsischen Greiz. Danach geht’s nach Ahrenshop an die Ostsee. Ich schlafe in einem Zeltplatz-Wohnwagen mit Fernseher und bin nach heißen Badetagen am FKK-Strand davon begeistert, am „Getränkestützpunkt“ Pepsi Cola kaufen zu können, die in Rostock abgefüllt wird.

1983
AIDS, Atomkrieg und saurer Regen relativieren das Bild von der fröhlichen Zukunft mit aufgehender Sonne. Mädchen werden immer interessanter und die Gefühle entwickeln ein Eigenleben. Die Musik des Jahres scheint Auslöser für Sehnsüchte und erste Liebeskümmernisse zu sein: Gazebo „I like Chopin“, Kajagoogoo „Too Shy“, Robin Gibb „Juliet“, Rod Stewart „Baby Jane“, Laid Back „Sunshine Raggae“, Paul Young „Come Back And Stay“ ... Geier Sturzflug mit „Bruttosozialprodukt“ kann ich so streberhaft mitsingen wie Oli P. das später in diversen Chart-Shows tut. Nenas „99 Luftballon“ machen mich aber nicht so an. Dann eher DÖF mit „Codo“. Später werde ich das Lied beknackt finden, nur nicht die Stimmen der Humpe-Schwestern (Ideal & 2Raumwohnung). Der 6 Jahre alte Klassiker im Ferienlager – diesmal im Mecklenburger Malchow – bleibt „We Will Rock You“ von Queen. Wir bilden auf dem Turnhallenfußboden einen Kreis und schlagen unsere Handflächen zum Takt rot.

1984
„Only You“, dieses A-cappella-Stück der Flying Pickets finde ich bewundernswert, aber irgendwie nervig. Noch schlimmer ist Stevie Wonders „I Just Called To Say I Love You“. Da klingt „Relax“ von Frankie Goes to Hollywood cooler. Selbst noch, als es heißt, der Sänger sei schwul. Noch besser, vielleicht auch wegen des Videos, gefallen mir Duran Duran mit „Wild Boys“. Und „People Are People“ von Depeche Mode braucht noch nicht mal ein Video, um bei mir einen coolen Eindruck zu hinterlassen. Zu Laura Branigans´ “Self Control“ spiele ich auf meinem alten Federballschläger Luftgitarre. Erst mit 16 Jahren werde ich feststellen, dass mir die Gitarre nicht so liegt. Andere Instrumente natürlich auch nicht.
Im Sommer bin ich wieder in Malchow, an der Ostsee, aber auch in Polen und verliebe mich mit meinen „fast 13“ Jahren in eine 16-Jährige aus Warschau: Renata. Nach ihrem Gute-Nacht-Kuss bin ich beseelt.
Ich lasse mir von einem Rentner aus dem Haus gegen das wertvolle Westgeld der Oma die Bravo rüberschmuggeln und hänge Poster in mein Zimmer.

1985
Ende Mai sterben in Brüssel bei einem Krawall-Gedränge im Fußballstadion 39 Personen. Darüber wird auch auf dem neuen Privatsender Sat.1 berichtet. Meine West-Berliner Cousine besorgt mir ein Walkman und macht mich damit überglücklich. Ich höre Tears for Fears mit „Shout“, „19“ von Paul Hardcastle, Harold Faltermeyers „Axel F.“, „Rock Me Amadeus“ und „Take On Me“ von a-ha, am liebsten aber Depeche Mode. Ich bezeichne mich sogar als Fan von ihnen. Auf Modern Talking lasse ich mich nicht ein, höchstens in der Tanzschule, da muss ich.
Im Kiez-Park läuft Opus´ „Live Is Live“ in der Endlosschleife.
Klassendiscos werden als langweilig empfunden, private Feten als geheimnisvoll. Manchmal kümmere ich mich um die Musik. Ich sehne mich nach Urlaubserlebnissen, gerade nach meinem letzten Ferienlageraufenthalt und dem im FDJ-Schulungslager Biesenthal. Politik ist lästige Pflicht, in der Erinnerung bleibt die Kür: „Moonlight Shadow“ von Mike Oldfield und Herzschmerz nach der Freiluftdisko, weil die Auserwählte mich nur „urst okay“ findet. Aber es gibt ein Abschiedsküsschen, immerhin. Im Kino läuft „Der Garten Eden“, ein Film, den ich „sehr gut“ finde. Vor allem, weil er mit erotischen Szenen gespickt ist.
Den restlichen Sommer verbringe ich mit gebrochenem Arm in Thüringen. Nachdem der Gips wieder ab ist, schnappt mir ein Mitschüler Djamila, die neue heimliche Liebe, weg. Die ganze Welt scheint schlecht zu sein. Erst drei Jahre später wird Djamila sich für mich interessieren. Aber da ist sie mir mitlerweile zu dick geworden.
Im Herbst ziehe ich nach Hellersdorf um, nutze aber jedes freie Wochenende, um in die alte Heimat zurückzukehren. Unter der Woche hänge ich mit meiner neuen Clique rum. Neun Tage vor meinem 14. Geburtstag tritt mit dem Ableben meiner Großmutter der Tod in mein Bewusstsein. Ende der Kindheit.

1986
Tschernobyl. Ich frage mich, ob ich jemals wieder Waldpilze essen kann, weil die auch nach Jahrzehnten radioaktiv sein sollen. Nach der Kinderferienlager-Ära fahre ich im Sommer ins (Zelt-)Lager für Arbeit und Erholung. Für 250 Ostmark stehe ich um 6.00 auf und arbeite bis mittags. Nachmittags gehe ich auch schon mal nackt baden. Und am Wochenende wird zur Musik eines Dorf-Djs getanzt. Er spielt den „Holiday Rap“ von MC Miker G. & Deejay Sven und „Geil“ von Bruce & Bongo. Eigentlich ein doofes Lied, aber da man „geil“ nicht sagen soll, hat das Lied etwas Befreiendes. Vor allem, wenn es vom Rundfunk boykottiert wird, so wie Falcos „Jeanny Part I“. Von den Ärzten, die ich auch gerne höre, dürfen einige Songs gar nicht erst verkauft werden. Aber darüber brauche ich mir im Osten keine Gedanken zu machen. Rio Reisers „König von Deutschland“ ist offenbar nur an meiner Schule nicht erwünscht. Das klingt der Schulleitung zu monarchistisch. Mit Satire hat man es nicht so. Dass die B-52´s ihren Bandnamen von den hochtoupierten Frisuren der beiden Sängerinnen ableiten und keine imperialistischen Kampfbomber verherrlichen, geht auch keinem auf.
Freiheit bedeutet 1986 für mich: Urlaub, Wald, Sonne, Wasser und Mädchen. Daran wird sich auch später nichts ändern.

1987
Perestroika in der Sowjetunion. Abrüstungsverträge. Politisches Tauwetter. Auch die Winter werden wärmer. Mathias Rust landet am Tag der sowjetischen Grenztruppen mit einer Cessna neben dem Roten Platz. Honecker besucht den Westen. Im Fernsehen wird „La Boum – Die Fete“ mit der hübschen Sophie Marceau erstmalig gezeigt. Der Schmuse-Hit zum Film: „Reality“ von Richard Sanderson. Ich bin 15 und kann die pubertierende 13-jährige Vic nur zu gut verstehen. Ihre Eltern hingegen nicht. Jahre später sehe ich den Film noch einmal, als Vater, und denke: „Dass die Eltern da so ruhig bleiben können ...“ Eine Mitschülerin erzählt mir vertraulich von ihrem Schwangerschaftsabbruch und ich frage mich, wann ich wohl endlich Sex haben werde. Ich bin für Grundschüler Handballübungsleiter, werfe aber nach einem Jahr das Handtuch. Ansonsten gebe ich mich cool und rauche Pfeife. Im Lager für Arbeit und Erholung bin ich ein „alter Hase“, dusche nackt mit den „Girls“ und tanze mit meinem „big Kumpel“ Tom Pogo zu Billy-Idol-Hits. Das funktioniert auch bei den alten Sweet-Songs aus den 70ern, stelle ich fest. Neben NDW, Punk & New Wave entdecke ich also auch die Oldies. Für Rick Astley & co haben Tom & ich nur Verachtung übrig. Dem Massengeschmack, sagen wir, könne man sich nur verweigern. Und so sitze ich auch noch im nächsten Jahr betont angewidert in der Schuldisco, bis meine mitgebrachte Billy-Idol-Kassette vom Dj eingelegt wird.
Insgesamt finde ich das Leben „beschissen“, bin aber „auf die Zukunft gespannt“.
Nach der 10. Klasse gehe ich aufs Gymnasium, der Erweiterten Oberschule.

1988
Zeit der Jugendliebe. Man kann gar nicht groß und oft genug „Ich liebe dich!“ in Briefen schreiben. Man tauscht erst Küsse, dann Ringe aus und fordert Wochen später zumindest die Ringe wieder zurück. Man ist anfällig für Schnulzen wie „Bright eyes“ von Art Garfunkel, das nach 9 Jahren mit der Valensina-Werbung wieder eingeschenkt wird. Die Charts interessieren mich nicht. Die bestehen ohnehin nur aus Milli Vanilli, den Pet Shop Boys, Whitney Houston und Kylie Minogue. Kylie finde ich erst später, ab ihrer Zusammenarbeit mit Nick Cave (1995 „Where the Wild Roses Grow“), beachtenswert und sexy.
Am 7. März bin ich bei dem Depeche-Mode-Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle dabei. Ein Glücksfall, obwohl ich ja jetzt Billy-Idol-Fan bin ...
Auf dem Gymnasium entdecke ich neben den alten Punk-Stücken der Ramones und The Clash meine wahre musikalische Heimat: die „anderen Bands“ aus dem Osten. Ich gehe zu Konzerten von Sandow, Feeling B., den Skeptikern, Big Savod und die Art. Es muss rocken und möglichst politische Sprengkraft haben.
Unter Freunden bin ich aber vor allem für meine Liebe zur 60er-Jahre-Musik bekannt. Ich höre die Kinks, Janis Joplin, The Who, aber auch Cat Stevens.
Endes des Jahres wird die übersetzte sowjetische Zeitschrift „Sputnik“ verboten. Weil die Perestroika-Sowjets Geschichte jetzt kritisch aufarbeiten, die Ostberliner Regierung aber nicht mitziehen möchte. Dabei wird es Zeit für Veränderungen.

1989
Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking. Wie kann man da Bobby McFerrins „Don´t Worry, Be Happy“ hören? Oder – schlimmer noch – Roxette und David Hasselhoff? Ich nehme bei „Parocktikum“ auf DT64 meine alternative Musik auf. Die aus dem Osten, aber auch Westgruppen wie Fehlfarben, Einstürzende Neubauten, Ton Steine Scherben, Aktuelles von den Sugarcubes (mit Björk), den Pixies und Pogues, Punk & New Wave von den Sex Pistols, Joy Division, The Cure und The Clash. Crossover-Impulse und Altbewährtes erschließen sich mir teilweise als Neuland, auf dem ich für den kommenden Herbst richtig Tritt fasse.
Aber erst trampe ich im Sommer allein zur Ostsee und fliege mit Freunden ( und mit Rückflugticket!) nach Budapest. Dort lasse ich mir in einem Plattenladen das Album „Flowers“ von den Stones und eine Live-Platte der „Doors“ überspielen. Die Doors werden „meine Band“. In den nächsten Jahren kaufe ich mir alle Platten von ihnen und alle Bücher über sie. Vor allem die Gedichte Morrisons haben es mir angetan. Oft bedaure ich, Woodstock um 20 Jahre verpasst zu haben. Ich versuche jetzt, intensiv zu leben, weiß aber oft nicht, wie. Dann rollt der Stein auch schon ins Wasser, verursacht die Ausreisewelle, setzt Massen und mich für die Wende-Demonstrationen in Bewegung, reißt die Mauer ein.
Von meinen 100,-DM Begrüßungsgeld kaufe ich mir die LPs „If I Should Fall from Grace With God“ der Pogues und „Doolittle“ der Pixies. Die Deutschen aus Ost und West versuchen währenddessen hüftsteif „Lambada“ (von Kaoma) zu tanzen. Als Vorspiel auf die Wiedervereinigung. Ich bin 18 und habe das Gefühl, es genau im richtigen Augenblick zu sein.


II.

Seit seiner Schulzeit im Tübinger Stift beschäftigte sich Friedrich mit philosophischen Ideen. Sie sollen ihm helfen, das Dasein zu begreifen und Zeiten der Ratlosigkeit mit Gewissheit zu durchstehen. Wie die Zeit der Armut, die ihn zwingt, Hauslehrer bei einer Bankiersfamilie in Frankfurt zu werden. Dort verliebt er sich in die Hausherrin, über die er auch Gedichte schreibt. Es bahnt sich ein Verhältnis an, das jedoch entdeckt wird. Friedrich muss Frankfurt verlassen. Vier Jahre später erfährt er in Bordeaux vom Tod der Geliebten und kehrt krank und geistesgestört zu Fuß nach Frankfurt zurück.
In den kommenden Jahren erholt er sich nur scheinbar. Er beschäftigt sich aber weiterhin und existentieller denn je mit Philosophie und Dichtkunst. Friedrich versucht, beides zu vereinbaren, denn Vernunft muss für ihn in Schönheit gipfeln und Gedichte sind in seinen Augen am besten geeignet, Ideen zu transportieren. Also versucht er auch jetzt ein Gedicht zu schreiben, das seine philosophischen Gedanken aufnehmen kann.
Der Titel steht schon fest und klingt nach der Bestandsaufnahme seines Daseins. Friedrich ist inzwischen Mitte Dreißig, hat also die Hälfte seines Lebens bereits hinter sich. Er schaut zurück und fürchtet den Blick nach vorn. Dann macht er sich an die Arbeit: Zwei Strophen müssen genügen, denkt er, eine für das Gewesene, eine für das Kommende. Eine für die ideale Welt der Innerlichkeit, die andere für die raue Wirklichkeit.
Das Gedicht ist bilderreich und steckt voller Symbole. Formal ist es aber streng und bedurfte keiner überflüssigen Worte. Denn es drückt das Gegensätzliche so klar aus wie der Anblick eines halb leeren / halb vollen Glases „heilignüchternen“ Wassers.
Im Jahre 1805, als das Gedicht erscheint, wird Friedrich in Tübingen vollends für geisteskrank erklärt und einem Tischler in Pflege gegeben.


Friedrich Hölderlin:

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Kommentare:

Johanna's Blog hat gesagt…

Hallo, beim stöbern hat es mich zu deinem Blog verschlagen und naja ich bin nicht mehr weggekommen. Deine Art zu schreiben ist schon sehr fesselnd und hat mich wieder ein Stück weit an meine Jugend erinnert. Danke dafür, es tat gut mal wieder in Erinnerungen zu schwelgen.
Hoffe bald wieder neues hier zu lesen bei " Franks Unfug " !!!

Pictonkiwi hat gesagt…

Toll! Gleiches Baujahr, gleicher Kiez, gleicher Fernseh- und Musikgeschmack! Du hast es drauf!